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Borussia Mönchengladbach
"Borussia ist das taktisch reifste Team"

Borussia Mönchengladbach: "Borussia ist das taktisch reifste Team"
Taktik-Experte Tobias Escher.
Mönchengladbach. Taktik-Experte Tobias Escher erklärt, warum Lucien Favres Team vielen Konkurrenten taktisch voraus ist, wo trotzdem noch Luft nach oben ist, warum Yann Sommer in seinem Team des Jahres steht und was er Borussia in der Champions League zutraut. Von Stefan Klüttermann

Borussia hat in der zurückliegenden Saison von vielen Seiten Lob für ihre Leistungen erhalten - gerade in taktischer Hinsicht. Was läge also näher, als mit einem Taktik-Experten wie Tobias Escher, einem Mitbegründer des Portals "Spielverlagerung", Gladbachs Saison einmal in taktischer Hinsicht einzuordnen. Spielverlagerung.de gilt als maßgebliches Portal für Taktikanalysen von Fußballspielen und arbeitete unter anderem bei der WM 2014 mit dem ZDF zusammen.

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Herr Escher, in welchem Punkt sehen Sie Borussias größte taktische Stärke in der abgelaufenen Saison?

Tobias Escher Die Defensive war – wie immer unter Lucien Favre – das Prunkstück, auf dem alles ausgebaut war. Das Verschieben in den Viererketten funktioniert besser als bei den meisten anderen Teams, weil Gladbach auch hier verschiedene Varianten beherrscht. Die Breite und Tiefe der Ketten lässt sich leicht an den Gegner anpassen, ohne dass Gladbach an Stabilität verliert.

Und was sehen Sie als größte taktische Weiterentwicklung?

Escher Im Ballbesitzspiel hat Gladbach zusätzlich an Sicherheit gewonnen. Sie lassen den Ball noch geduldiger in der Abwehr zirkulieren, um im entscheidenden Moment das Tempo zu verschärfen. Die Tempowechsel erinnern von der Qualität her an das Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM.

Wo ist Gladbach aus Ihrer Sicht weiter als andere Bundesligisten?

Escher Die Defensive und die Tempowechsel sind sicherlich die nennenswertesten Punkte. Aber auch viele Details funktionieren besser als bei der Konkurrenz; das Verschieben, das Pressing, das Bewegungsspiel der Stürmer. Man merkt, dass Favre nach dem Abgang von Klopp jetzt der dienstälteste Trainer der Liga ist – die Spieler wissen einfach, was er von ihnen erwartet.

Aber es gibt bestimmt auch Bereichen, in denen taktisch noch Luft nach oben besteht.

Escher In den taktischen Details ist Gladbach sehr flexibel, in der Systematik eher nicht. Eine Variante mit Dreierkette oder ein 4-3-3 ließe sich mit dem Kader sicher einstudieren, auch um den Gegner in entscheidenden Spielen mal zu überraschen.

Wer ist für Sie denn aktuell die taktisch reifste Bundesligamannschaft?

Escher Hier muss man fast schon Gladbach nennen, die taktisch sehr clever und abgezockt spielen können, wenn sie müssen.

Und die taktisch flexibelste?

Escher Das sind mit großem Abstand die Bayern. Was Pep Guardiola taktisch immer wieder aus seinem Repertoire hervorzaubert, ist beachtenswert.

Wer hat auf der anderen Seite den größten Nachholbedarf?

Escher Interessanterweise haben die Teams, die dieses Jahr im Abstiegskampf gesteckt haben, alle mit taktisch ähnlichen Problemen zu kämpfen gehabt. Sie alle haben eher konterorientierte 4-2-3-1- oder 4-4-2-Varianten gewählt, ohne dabei aber Kompaktheit oder Offensivkraft von der Borussia oder Wolfsburg zu besitzen. Hier hätte man sich etwas mehr Kreativität gewünscht, auch zum Wohl der Mannschaften.

Noch mal zurück zu Gladbach, das in seinem Torhüter Yann Sommer einen elften Feldspieler besitzt. Zustimmung Ihrerseits?

Escher Ganz klar. Manuel Neuer hat den Weg gewiesen. Ich hatte Sommer in meiner Mannschaft des Jahres, weil er spielerisch noch stärker eingebunden war als Neuer – die Bayern versuchen ihre Ballzirkulation im Mittelfeld aufrechtzuerhalten, Gladbach eher in der Abwehr, wobei sie oft Sommer einbeziehen. Nicht umsonst war Sommer sowohl der Torhüter mit den meisten Paraden als auch mit den meisten Pässen.

Noch ist das in der Form eine Rarität. Doch wird es bald Normalität, weil es erforderlich wird?

Escher Ja. Hohes Pressing ist mittlerweile zum Standard geworden, der Pass zum Torhüter nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Wer dort 60 Prozent der Bälle verliert, weil der Torwart unter Druck nur ungenaue lange Bälle schlagen kann, hat einen klaren Wettbewerbsnachteil.

Sommer bleibt Borusse, aber welcher Verlust wiegt schwerer für Gladbachs Spiel – der von Max Kruse oder der von Christoph Kramer?

Escher Beides sind keine leichten Verluste. Xhaka konnte auch deshalb glänzen, weil Kramer viel Arbeit verrichtete und die Räume besetzte, die Xhaka in seinem manchmal unsauberem Positionsspiel offenließ. Kruse arbeitete ebenso viel ohne Ball und schlug Lücken in der gegnerischen Defensive. Sie werden nicht leicht zu ersetzen sein.

Zum Schluss: Wie sehen Sie Borussias Chancen in der Champions League?

Escher Gegen Sevilla hat Gladbach bereits bewiesen, dass sie mit europäischen Spitzenvereinen mithalten können. Die defensive Stabilität ist auf jeden Fall vorhanden. Wenn Borussia kein allzu großes Lospech hat, kann ich mir das Achtelfinale schon vorstellen.

Quelle: RP
 
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