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Borussia Mönchengladbach
"Auf den Rat von John Terry gebe ich viel"

Bilder: Das ist Andreas Christensen
Bilder: Das ist Andreas Christensen FOTO: Dieter Wiechmann
Exklusiv | Mönchengladbach. In seinem ersten großen Exklusiv-Interview als Borusse spricht Gladbachs 16. Däne über seine Treffen mit Chelseas Startrainer Jose Mourinho, Telefonate mit John Terry, die erste eigene Wohnung, seine Leistungssteigerung und das Bayern-Spiel.

Dänen haben eine lange Tradition in Gladbach. Andreas Christensen ist schon der 16., der 19 Jahre alte Abwehrmann kam im Sommer auf Leihbasis (bis 2017) vom FC Chelsea. Vieles war und ist neu für den 1,88-Meter-Mann. In England sind beispielsweise die Fußballer sehr abgeschirmt, das Trainingsgelände ist weder für Fans noch für Journalisten zugänglich. Autogramme schreiben nach dem Training oder Kurzinterviews auf dem Weg in die Kabine - das gab es beim FC Chelsea nicht. Christensen ist ein eher zurückhaltender junger Mann, keiner, der große Reden schwingt. Unserer Redaktion gab er nun sein erstes großes Exklusiv-Interview.

Herr Christensen, Sie sind jetzt knapp fünf Monate in Gladbach. Können Sie eigentlich noch unerkannt durch die Stadt laufen?

Christensen Ich kann mich im Alltag immer noch ziemlich anonym bewegen. Es sind nur wenige, die mich erkennen.

Genießen sie diese Unsichtbarkeit?

Christensen Mir gefällt es. Manchmal ist es ja okay, wenn man erkannt wird, aber manchmal will ich auch eben nur ich selbst sein.

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War das zuvor in London anders?

Christensen Ja, da wurde ich öfter erkannt. Wenn du als junger Spieler auf dem Sprung aus dem Nachwuchs zu den Profis stehst, und das auch noch in Chelsea, wo das seit John Terry niemandem mehr gelungen ist, dann ruhen viele Augen auf dir.

Ist es als junger Spieler in England schwerer, den Durchbruch zu schaffen als in Deutschland?

Christensen Auf jeden Fall. Nehmen sie doch Borussia. Ich spiele, Mo [Dahoud, Anm. d. Red.] spielt, Marvin [Schulz, Anm. d. Red.] durfte auch schon ran. So etwas habe ich in einer Mannschaft in England noch nicht gesehen. Und genau deswegen bin ich in die Bundesliga gewechselt.

Haben Sie während Ihrer Zeit bei Chelsea mal länger mit Jose Mourinho sprechen können?

Christensen Nicht wirklich länger. Er hat mir mal ein paar Tipps gegeben. Aber wenn er Tipps gibt, hörst du natürlich aufmerksam zu, weil du da definitiv etwas lernst.

Stehen Sie und der FC Chelsea denn permanent in Kontakt?

Christensen Es gibt in Chelsea eine eigene Abteilung, die sich um all die ausgeliehenen Spieler kümmert. Mit den Mitarbeitern telefoniere ich alle zwei, drei Wochen. Und nach drei Spielen schicken Sie mir immer ein Video, in dem sie mir sagen, was ich gut mache und was ich besser machen kann. Im Gegenzug erkläre ich ihnen dann, was der Trainer hier in Gladbach mir vor diesem oder jenem Spiel konkret mit auf den Weg gegeben hat.

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Hat Chelsea Ihnen eine konkrete Zielvorgabe für die zwei Jahre bei Borussia mitgegeben, mit dem Tenor "Da wollen wir dich nach einer Saison sehen, das Level solltest du am Ende der Ausleihe haben"?

Christensen Wir bewerten jede Spielzeit für sich. Ich nehme aus der laufenden Saison das mit, was ich kann. Und nächstes Jahr will ich mich dann wieder ein Stückchen weiterentwickeln.

Thorgan Hazard ist nach einem Jahr Ausleihe von Chelsea fest zur Borussia gewechselt. Wäre das für den Sommer 2017 auch eine Option für Sie?

Christensen Im Moment konzentriere ich mich auf die zwei Jahre, die ich hier sein werde, und ich genieße diese Zeit einfach. Und dann wird man sehen, ob die Möglichkeit besteht, bei Chelsea zu spielen. Wenn ja, werde ich zurückgehen. Wenn nicht, ist es auf jeden Fall eine Option, bei Borussia zu bleiben.

In London sieht man in Ihnen dem Vernehmen nach jedenfalls schon den neuen John Terry.

Christensen Ich glaube, man vergleicht mich eher vom Spielstil mit Ricardo Carvalho. Terry jedenfalls hat mich nach dem Pauli-Spiel angerufen und mir gratuliert. Er ist einer derjenigen, auf dessen Rat ich sehr viel gebe. Ich habe in London oft mit ihm geredet.

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Terry hat über Sie gesagt: "Ich habe ihm gesagt, dass er mich jagen und aus dem Team drängen soll. Er sollte hungrig sein und meinen Platz wollen. Glaubt mir: Ich bin mir sicher, dass aus ihm ein Topspieler und einer der Männer wird, denen Chelseas Zukunft gehört."

Christensen Ja, das hat er mal gesagt, als er mit Kindern trainierte und ein dänischer Reporter ihn gefragt hat, wie er mich denn sehen würde.

Fühlen Sie sich durch eine solche Aussage unter Druck gesetzt?

Christensen Es liegt ja an mir, ob ich mich davon unter Druck setzen lasse. Manchmal kann Druck ja auch positiv sein, dann, wenn er dich antreibt.

Können Sie denn mit Druck umgehen?

Christensen Das muss ich ja können. In jedem Spiel.

Haben Sie auch Druck gespürt, als Sie ihre Heimat, Ihre Familie und Freunde mit 16 Jahren verlassen haben und zu Chelsea gewechselt sind?

Christensen Druck weniger. Die ersten paar Wochen waren einfach hart, weil du dein gewohntes Umfeld hinter dir lässt und alles andere erst einmal fremd ist. Aber Chelsea kümmert sich hervorragend um die jungen Spieler. Ich habe mit zwei Mitspielern bei einer Gastfamilie gelebt, das hat die Eingewöhnung sehr vereinfacht.

Hier in Mönchengladbach haben Sie jetzt eine eigene Wohnung. Das ist ein großer Schritt.

Christensen Ja, und das war schon eine Umstellung. Selbst kochen, selbst waschen... (grinst).

Wenn Ihnen vor der Saison jemand gesagt hätte, von den ersten 21 Gladbacher Pflichtspielen würden Sie 17 über 90 Minuten bestreiten...

Christensen ... dann hätte ich wahrscheinlich gesagt: Das hoffe ich, das wäre schön. Aber davon ausgehen, dass es so gut laufen würde, konnte ich natürlich nicht. Das kam dann auch für mich überraschend.

Sie standen zum Pokalauftakt in St. Pauli in der Startelf, doch nach dem Bundesligastart und dem 0:4 von Dortmund saßen sie vier Spiele lang auf der Bank. Haben Sie sich ein bisschen als Sündenbock gefühlt?

Christensen Ich habe versucht, über das ;Warum' nicht nachzudenken und im Training meine Arbeit zu machen. Aber natürlich war ich geknickt, vor allem in den Tagen nach dem Spiel.

Mancher meinte, zwei der vier Gegentore seien auf Ihr Konto gegangen.

Christensen Natürlich machst du als Verteidiger etwas falsch, wenn der Gegner vier Tore erzielt. Aber wer von uns war an diesem Tag wirklich gut? Wenn wir heute gegen Dortmund spielen müssten, sähe das ganz anders aus, da bin ich sicher. Wir sind jetzt viel besser organisiert als in den ersten Spielen der Saison.

In Lucien Favres letztem Spiel, dem 0:1 in Köln, kehrten Sie dann in die Startelf zurück, konnten das Kopfballtor von Modeste zwar nicht verhindern, bekamen aber insgesamt viel Lob für Ihre Leistung. Was ist seitdem passiert?

Christensen Ich haben viel Selbstvertrauen dazugewonnen. Nehmen Sie unser 5:1 in Frankfurt, da hatte ich auch viele Kopfballduelle, aber ich habe alle gewonnen. Die Mannschaft hat sich verbessert, ich habe mich verbessert. Punkt.

Wo konkret?

Christensen Ich habe mich an das Tempo gewöhnt, ich denke inzwischen schneller auf dem Platz. Als junger Spieler kannst du dich im Prinzip in jedem Bundesligaspiel in jeder Aktion verbessern.

Wer aus der Mannschaft sind Ihre Ansprechpartner?

Christensen Naja, ich lerne ja Deutsch, aber das ist eben schwierig, also bleibt mir oft nur das Englische. Und am meisten rede ich dann doch mit den anderen Skandinaviern, also mit Oscar [Wendt, Anm. d. Red.], Howie [Havard Nordtveit, Anm. d. Red.] oder Branne [Branimir Hrgota, Anm. d. Red.]. Gerade, wenn es um Details geht, ist es doch in der eigenen Sprache einfacher.

Ist Borussia gut genug, um die Bayern heute zu stoppen?

Christensen Das wäre schön.

Wird es Ihr größtes Spiel bisher?

Christensen Manchester und Turin sind ja auch große Teams, aber na klar, gegen die Bayern, das ist schon etwas Besonderes.

KARSTEN KELLERMANN UND STEFAN KLÜTTERMANN FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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