| 17.15 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Freiheit im Endspurt statt Träumen von Berlin

Traore schleicht nach Elfmeter-Fehlschuss vom Platz
Traore schleicht nach Elfmeter-Fehlschuss vom Platz FOTO: afp, agz
Bielefeld/Mönchengladbach. 1051-mal berührt, 1051-mal ist nichts passiert: Beim Pokal-Aus in Bielefeld stellt die Borussia einen neuen Passrekord für diese Saison auf. Nach 120 Minuten ohne erkennbaren Plan B versagen im Elfmeterschießen die Nerven. Das Berlin-Revival fällt aus. Von Jannik Sorgatz
  • 1. Handball-Vergleiche

Wenn sie nicht gerade involviert sind, werden auch Fans von Borussia Mönchengladbach Pokalabende wie den auf der Bielefelder Alm lieben. Drittliga-Tabellenführer kegelt Bundesliga-Dritten im Elfmeterschießen aus dem Wettbewerb und zieht ins Halbfinale ein – da geht dem neutralen Fußball-Beobachter das Herz auf. Individuelle Klasse derart zu auszuhebeln, das bekommt nur die beliebteste Sportart der Welt hin. Im Handball zum Beispiel wäre es die Sensation des Jahres, wenn die SG Flensburg-Handewitt (Bundesliga-Dritter) im DHB-Pokal-Viertelfinale beim TuS Ferndorf (Drittliga-Tabellenführer) ausscheiden würde. Was da in Bielefeld passiert ist, erreicht dagegen lediglich die Größenordnung einer allseits für möglich gehaltenen Überraschung. Man hatte es Werder Bremen (VfL Gummersbach) und Hertha BSC (TSV Hannover-Burgdorf) ja vormachen sehen.

  • 2. Vergangene Träume

Die schlechten Vorbilder aus der Bundesliga hatten jedoch nichts daran geändert, dass am Niederrhein konkret wie lange nicht vom Finale in Berlin gesprochen worden war – Plusquamperfekt, vollendete Vergangenheit. So vollendet, dass Lucien Favre meinte: "Ich ganz sicher nicht." Die Gegenwart am Mittwoch sah eine Borussia, die im Vergleich zu den Siegen in München und Sinsheim auf Sparflamme agierte. 77 Prozent Ballbesitz und 1051 gespielte Pässe bedeuteten jeweils Saisonrekord, auch auf 90 Minuten gerechnet. Vielleicht hätte Gladbach von der 90-prozentigen Passquote ein paar Prozentpunkte der Risikobereitschaft opfern sollen, spätestens in der Verlängerung gegen krampfende Bielefelder. So stellte Granit Xhaka mit 200 Ballkontakten und 182 Pässen einen neuen Rekord im DFB-Pokal auf, drang dabei aber zu selten in die kritische Zone des Platzes vor dem Strafraum ein. Aus dem Sechser hätte ein Interims-Zehner werden müssen.

  • 3. Wie zu Eberls Zeiten

Der Rasen auf der Alm hat im März bereits einem Weltmeister in Diensten Real Madrids einen Shitstorm beschert. "Sehr guter Platz da in Bielefeld, hat mit Fußball nix zu tun", twitterte Toni Kroos nach dem Pokal-Aus seines Bruders Felix mit Werder Bremen. Mit seinem Netto-Wochengehalt könnte Kroos der Arminia einen neuen Rasen spendieren, aber vor der Sommerpause würden die Ostwestfalen einem Deal sicherlich nicht zustimmen. Ende April kommt schließlich der VfL Wolfsburg zum Halbfinal-Duell. Die aktuelle Ackerfläche, auf der vor knapp 15 Jahren noch Uwe Kamps und Max Eberl für Gladbach in der 2. Bundesliga spielten, ist ein Trumpf der Bielefelder. Und wenn ein vermeintliches Spitzenteam aus dem Oberhaus über 120 Minuten nicht in der Lage ist, von gemächlicher Ballzirkulation auf einen Plan B umzuschalten, dann ist der Trumpf ein völlig legitimer. Immerhin schoss die Arminia auf jenem Rasen ein schön herausgespieltes Tor.

Einzelkritik: Note 5 für Raffael, Note 2- für Sommer FOTO: dpa, frg jai
  • 4. Stark nur einmal inkonsequent

An dieser Stelle – im Rahmen "möglicher Ausreden, die nicht gelten sollen" – lässt sich die Leistung von Schiedsrichter Wolfgang Stark thematisieren. Irgendwann gegen Ende der Partie bemerkte der Sky-Kommentator mit Hochachtung in der Stimme, Stark passe sich dem Spiel an. Womit er ausdrücken wollte, dass Stark sich seinem Nachnamen anpasse. Der Ex-WM-Schiedsrichter pfiff den klareren der zwei Handelfmeter, die beide in der Fußballhistorie schon gepfiffen wurden. Er verteilte neun Gelbe Karten, vier an Bielefelder, fünf an Gladbacher. Angesichts einer Foulbilanz von 16:15 mutete Starks Konsequenz (auch sein wenig ausgeprägtes Faible für die Phrase "Ball gespielt") etwas merkwürdig an. Zumal er die Konsequenz genau einmal vernachlässigte, als er den verwarnten Torschützen Manuel Junglas nach einem Foul an Patrick Herrmann nicht vom Platz stellte. Aber das ist wie gesagt keine taugliche Entschuldigung für Borussias Pokal-Aus.

  • 5. Überholt dank Colautti

Momentan liegen 33 Profi-Mannschaften zwischen dem VfL und Bielefeld, von denen sich bis auf Dortmund nunmehr alle aus dem DFB-Pokal verabschiedet haben. Vor knapp sechs Jahren stand die Arminia noch vor Gladbach in der Tabelle – bis Roberto Colautti am 10. Mai 2009 das ekstatisch bejubelte 1:0 gegen Schalke erzielte. Bielefeld hat seitdem mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht, war zwischenzeitlich zahlungsunfähig. Die neue Haupttribüne mutierte angesichts einer Kostenexplosion zur ostwestfälischen Fußball-Version der Hamburger Elbphilharmonie. Aber bei allem Zutun der Konkurrenz stellt sich doch immer die Frage, wie viel zu jener Zeit – Hans Meyer war Trainer, Max Eberl blutjunger Sportdirektor – noch falsch lief am Niederrhein. Mit nur 31 Punkten hielt Gladbach in der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg die Klasse. In zehn Rückrundenspielen hat die Mannschaft bereits 23 gesammelt.

  • 6. Der Ein-Mann-Plan-B

Am Mittwoch ruhten die Hoffnungen auf zwei schnellen Flügelspielern, die seit dem Aus in der Europa League (gleichzusetzen mit dem Aus für die Hardcore-Rotation) nur noch selten zum Zuge kamen. Für Thorgan Hazard war es der dritte Startelf-Einsatz im siebten Spiel seit Sevilla. Ibrahima Traoré verharrt bei zweien, weil er in Bielefeld zunächst 69 Minuten draußen saß. Auf Hazards Konto ging nichts Nennenswertes, selbst seine Standards gerieten ungewohnt schwach. Traoré sollte dann wohl der Ein-Mann-Plan-B sein, immerhin ein Dribbling stach aus der Kurzpass-Orgie heraus und brachte die beste Chance der Verlängerung. Doch nach dem Fehlversuch im Elfmeterschießen kann er sich nicht einmal den Trostsatz "An ihm lag es bestimmt nicht" aufs Arbeitszeugnis schreiben.

Kruse bleibt in Bielefeld vom Punkt eiskalt FOTO: Dirk Päffgen
  • 7. Ohne Aufgabe

Schon nach zwei Einsätzen in vorderster Front hat André Hahn die beiden Extreme seiner neuen Position kennengelernt. Bei den Bayern agierte er als offensivster Verteidiger mit immensem Laufpensum, ein Sprint in die Tiefe resultierte in einer Großchance. Da das Pressing in Bielefeld genauso wegfiel wie Sprints in die Tiefe, bleibt wenig, was es von Hahns Arbeitstag zu berichten gäbe. Im temporeichen Kombinationsspiel auf engem Raum werden seine technischen Defizite allzu schnell deutlich – wenn denn überhaupt temporeiches Kombinationsspiel zu bestaunen gewesen wäre. Aber dafür konnte der stürmende Hahn noch am wenigsten.

  • 8. 5:8 nach Verlängerung

Auch im vierten Pokaljahr als Gladbach-Trainer, nach insgesamt zwölf Spielen, bleibt Lucien Favre über 90 Minuten unbesiegt: Raus gegen die Bayern im Elfmeterschießen, gegen Düsseldorf in der Verlängerung, gegen Darmstadt im Elfmeterschießen und nun schon wieder im Elfmeterschießen gegen Bielefeld. Zu den Fehlschützen Dante/Nordtveit und De Jong/Hrgota gesellen sich Raffael/Traoré. Seit dem Pokalsieg 1995 hat die Borussia eine Verlängerungsbilanz von 5:8 (4:7, wenn es anschließend die Entscheidung vom Punkt gab).

  • 9. Die Wege nicht zu Ende gegangen

So langsam lässt sich eine K.o.-Schwäche ausmachen: Bayern 2012, Kiew 2012, Düsseldorf 2012, Rom 2013, Darmstadt 2013, Sevilla 2015, Bielefeld 2015. Meist ist es faszinierend, welche Sphären Lucien Favre durch seine Arbeit als Maximum für die Mannschaft definiert hat. Wenn dann aber – und das völlig verdient – noch mehr drin wäre, scheitert die Borussia regelmäßig. So hat sie die Gruppenphase der Champions League verpasst, hat vorher im Endspurt Platz drei verspielt, ist zweimal erhobenen Hauptes in der Zwischenrunde der Europa League gescheitert und ist einen möglichen Weg nach Berlin zweimal nicht zu Ende gegangen. Angesichts dieses Werdeganges erscheint der Erfolg in der Relegation gegen Bochum 2011 noch eine Spur wundersamer.

  • 10. 48 in 14/15

Mit seinem zweiten gehaltenen Elfmeter hat Bielefelds Keeper Alexander Schwolow schlagartig das Saisonende für die Borussia definiert. Am 23. Mai gegen 17.20 Uhr ist Schluss, nach dann 48 Pflichtspielen. Es wird keine Englische Woche mehr geben. Alle fünf Partien nach Winterpause ohne vorherigen Einsatz am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag hat Gladbach für sich entschieden, bei einem Torverhältnis von 10:1. Die Stärke eines ausgeruhten VfL ist die Trumpfkarte für den Endspurt. Ihr gegenüber stünde ein möglicher emotionaler Knacks, doch schon das Aus gegen Sevilla hat das Favre-Team bestens weggesteckt. Da wäre nur noch diese womöglich alles entscheidende Partie am 9. Mai. Als Leverkusener Spezialität sind K.o.-Spiele jedoch auch nicht bekannt.

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