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Borussia Mönchengladbach
"Opa Herrmann" erzählt vom Krieg

Borussia - FC Bayern München
Borussia - FC Bayern München FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Unter Lucien Favre war die gegnerische Hälfte für Julian Korb ein exotisches Gebiet. Seit der 23-Jährige mehr Freiheiten hat, blüht er richtig auf – beim sensationellen 3:1 gegen die Bayern legte er wieder ein Tor auf. Von Jannik Sorgatz

1. "Berti" Herrmann Nachdem der Sieg perfekt war, meldete sich einer der Haudegen aus früheren Tagen zu Wort, der dem FC Bayern manch großes Duell geliefert hat. "Ist ja wie in alten Zeiten", schrieb er auf seiner Facebook-Seite, dahinter ein zwinkernder Smiley – die Gepflogenheiten des Internets sitzen also. Nein, Berti Vogts, Günter Netzer oder Jupp Heynckes haben nicht auf einmal die sozialen Netzwerke für sich entdeckt. Seine beiden Tore beim 3:1-Sieg im Januar 2012 qualifizieren inzwischen auch Patrick Herrmann zu einer nostalgischen Aussage. Denn der 24-Jährige sah am Samstag in Havard Nordtveit nur noch einen Mitstreiter von damals auf dem Rasen. Filip Daems, Juan Arango und Mike Hanke dürften heute zumindest für Fünftklässler einen gewissen Herbert-Laumen-Klang haben.

2. Kochzeit: 14 Minuten Im 131. Pflichtspiel unter Pep Guardiola hat der FC Bayern zum zehnten Mal mindestens drei Gegentore kassiert. Innerhalb von 14 Minuten schlug Gladbach dreimal zu, das war bislang noch keiner Mannschaft gegen die Guardiola-Bayern gelungen. Der FC Barcelona benötigte beim 3:0 im Champions-League-Halbfinale in diesem Jahr 17 Minuten, Real Madrid beim 4:0 in der Saison davor 18 Minuten für drei Tore. Im letzten Bundesligaspiel unter Jupp Heynckes im Mai 2013 traf der Gegner zuletzt in kürzeren Abständen – er hieß Borussia Mönchengladbach.

Pressestimmen: "Gladbachs Rebellen brechen Bayerns Fußballmacht" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

3. Serien-Enden Die Größe des Gladbacher Erfolgs definiert sich also vor allem über Rekordserien, die damit zu Ende gingen:

  • Im 56. Hinrundenspiel unter Guardiola musste der Rekordmeister die erste Niederlage hinnehmen
  • Am 15. Spieltag kassierte Manuel Neuer sein erstes Tor nach der Halbzeitpause
  • Zum ersten Mal verlor der FC Bayern, wenn Franck Ribery in der Bundesliga traf, zuvor hatte es 60 Mal anders ausgesehen
  • Immerhin: Nach 307 Minuten gelang den Münchnern wieder ein Tor gegen Gladbach

4. Sextette im Lazarett Robben, Costa, Alaba, Thiago, Götze, Bernat – die Verletzungssorgen des FC Bayern sind schon beachtlich, sodass die Frage, ob die Mannschaft in Bestbesetzung zu schlagen ist, weiter unbeantwortet bleibt. Trotzdem konnte der Rekordmeister den Vierten, Sechsten und Siebten der "FourFourTwo"-Rangliste der 100 besten Fußballer der Welt aufbieten. Robert Lewandowski, Thomas Müller und Manuel Neuer spielten jedoch so gut wie keine Rolle, was in allen Fällen bemerkenswert ist. Aus dem Sextett Herrmann, Stranzl, Dominguez, Hahn, Traoré, Schulz hat es weder ein Spieler in die Top 100 geschafft noch auf den Rasen am Samstag. Letzteres ist die bedeutendere Nachricht, weil Borussias Sieg aufgrund der eigenen Verletzungssorgen nichts an Strahlkraft einbüßt.

5. Mutig gegen das Schimpfwort In Hoffenheim hatte André Schuberts Trainerteam noch Zettel schreiben müssen, um von der gewohnten Vierer- auf eine Dreierkette umzustellen. Gegen die Bayern kam das neue System nicht per Lieferservice, sondern wurde in den eigenen vier Wänden vorbereitet. Schmeckt einfach besser. Da "Fünferkette" mittlerweile wie ein Schimpfwort aus den Mündern der Bayern-Spieler kommt, man will es ihnen gar nicht verübeln, sei jedoch betont, dass Schubert wirklich eine klassische Dreierkette aufbot. Das Taktikportal "Spielverlagerung" sah allenfalls "situative Viererkettentendenzen", was bedeutet, dass Granit Xhaka abkippte, sich also nach hinten fallen ließ, oder die Flügelspieler ihren Hinterleuten extrem aushalfen. Dass sowohl Oscar Wendt als auch Julian Korb und Nico Elvedi an Toren beteiligt waren, spricht für die Anti-Kaninchen-vor-der-Schlange-Ausrichtung.

6. Gutes macht Schlechtes vergessen Überhaupt gab es drei verschiedene Torschützen und drei verschiedene Zulieferer (zur Scorerliste), offensiv die defensiv überragte das Kollektiv. Dennoch gelang längst nicht jedem alles: Lars Stindl gewann keinen einzigen Zweikampf, war beim 2:0 aber hellwach. Nico Elvedi hatte in der ersten Hälfte mächtige Probleme in Laufduell mit Kingsley Coman, steigerte sich aber kontinuierlich. Andreas Christensen und Havard Nordtveit verursachten vor der Pause gefährliche Bayern-Angriffe mit haarsträubenden Fehlpässen, nahmen gemeinsam aber Thomas Müller und Robert Lewandowski aus dem Spiel. So war das Gute gut genug und das Schlechte gerade noch zu verkraften.

Die Schubert-Tabelle FOTO: afp, oa-iw

7. Träumen erlaubt Julian Korb muss sich gefühlt haben wie ein Masterstudent, der nach den Semesterferien die neuen Bachelorstudenten auf dem Campus sieht und sich mit 23 Jahren denkt: 'Man, bin ich alt!' Links neben ihm: der 19-jährige Dahoud. Schräg hinter ihm: der 19-jährige Elvedi. Neben Elvedi: der 19-Jährige Christensen. Wenn Patrick Herrmann vom Jahr 2012 erzählt, als habe er damals noch mit Hacki Wimmer gespielt, dann durfte sich Korb am Samstag ein wenig als Routinier sehen in seinem 71. Pflichtspiel als Borussia-Profi. Er tritt mittlerweile mit einem Selbstbewusstsein auf, das ihm vor drei Monaten noch kaum jemand zugetraut hätte. Als Ex-U21-Nationalspieler in der Stammelf eines Champions-League-Teilnehmers darf er in dieser Form sogar von Joachim Löw träumen. In zwölf Spielen unter Schubert hat Korb ein Tor geschossen und drei vorbereitet. Zuvor war ihm in 59 Spielen unter Favre lediglich ein Assist gelungen.

8. Dieser Fußball! Zwei weitere Erklärungen gibt es für den Sieg gegen die Bayern. Die erste stammt aus der Metaphysik und wird gemeinhin als "Glück" bezeichnet. Dass der Ball Yann Sommer zweimal genau in die Arme flog, eine Vom-anderen-Stern-Kombination ungenutzt blieb und Coman den Pfosten traf, war nichts anderes als glücklich. Ohne diese Komponente wäre der Fußball aber nicht die Sportart, in der eine Mannschaft gegen Ingolstadt torlos bleiben, gegen Hoffenheim drei kassieren und gegen die Bayern drei Tore schießen kann.

9. Infos für die Mittagspause Dann wäre da noch die haargenau Tiefenerklärung aus der Welt der Zahlen. Wenn Sie am Montag auf der Arbeit etwas prahlen wollen, müssen Sie jetzt gut aufpassen: Beim 3:1 offenbarte sich mal wieder ein Phänomen aus der Vorsaison. Die Borussia hatte damals im Strafraum des Gegners die beste Passquote der Liga, während der Gegner im Borussia-Strafraum die schlechteste hatte. Wenn Gladbach sich vorne zeigt, wird es also meistens gefährlich, beim Gegner nicht zwingend. Diesmal brachte die Schubert-Elf von 28 Pässen im Bayern-Strafraum 20 zum Mitspieler, in der zweiten Hälfte unglaubliche 16 von 18. Die Quote lag insgesamt bei 71 Prozent, bislang hatte Frankfurt mit 46 Prozent den besten Wert gegen die Bayern in dieser Saison erzielt. Absolut schaffte bis Samstag kein Bayern-Gegner mehr als sechs erfolgreiche Strafraum-Pässe. Auf der anderen Seite passte die Guardiola-Elf im Strafraum zuvor nur dreimal schlechter als gegen Gladbach.

10. Sie sind die Viertbesten Mit einer Serie von zwölf Spielen in Folge ohne Niederlage fliegt die Borussia nach Manchester. Gegen City gab es am 30. September die einzige Pleite seit dem Favre-Rücktritt und die fiel wegen des Elfmeters in letzter Minute noch äußerst unglücklich aus. Die Engländer haben sich mit einem 0:2 bei Stoke City vorbereitet. Juventus Turin baute seine Siegesserie in der Serie A aus und fährt selbstbewusst zum FC Sevilla, der bei Deportivo La Coruna 1:1 spielte. So dürften sie in Gladbach fast etwas wehmütig werden, dass die Champions-League-Gruppenphase nicht acht Spieltage umfasst. In den fünf größten Ligen Europas sind nur zwei Mannschaften länger ungeschlagen: Paris Saint-Germain (17 Spiele) und Tottenham Hotspur (14).

Hier erinnern wir an weitere denkwürdige Duelle zwischen Gladbach und Bayern.

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