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Borussia Mönchengladbach
Nervenaufreibender Radio-Krimi am 14. Mai 2011

Bundesliga 10/11: Hamburg - Gladbach
Bundesliga 10/11: Hamburg - Gladbach FOTO: dapd
Mönchengladbach. Vor fünf Jahren übersteht die Borussia einen Dreiecks-Krimi am letzten Spieltag zwischen Hamburg, Frankfurt und Sinsheim. Die wundersame Rettung der Mannschaft von Lucien Favre steckt in der Warteschleife vor der Relegation. Teil drei unserer Serie. Von Jannik Sorgatz

Am 14. Mai 2011 ist nicht einmal jeder sechste Deutsche in Besitz eines Smartphones. Das bedeutet, dass etwa 1000 Borussia-Fans im Gästeblock der Hamburger Damals-noch-Imtech-Arena technisch voll auf der Höhe sind, als sich der HSV und Gladbach am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison treffen. Es ist jedoch noch die Zeit, in der das mobile Internet bereits an einer belebten Bushaltestelle zusammenbricht. Also muss das immer noch gute, aber in Fußball-Belangen doch ganz schön alte Radio helfen. "LTE Killed the Radio Star " – so weit ist es noch nicht.

Die Borussia steht vor dem 34. Spieltag mit 35 Punkten auf dem Relegationsplatz, zehn Tore schlechter als der 15. VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt ist 17. mit 34 Punkten, hat aber die um einen Treffer bessere Tordifferenz als Gladbach. An diesem 14. Mai bilden Hamburg, Dortmund (wo Frankfurt spielt) und Sinsheim (wo Wolfsburg spielt) auf der Deutschland-Karte ein Dreieck im Abstiegskampf. Mit drei Zu-Null-Siegen in Folge hat sich Gladbach halbwegs wundersam diese Ausgangsposition erspielt. Na dann mal los.

12. Minute: Elfmeter in Dortmund! Der BVB steht bereits als Meister fest, hat eine meisterliche Saison gespielt, doch die Bilanz vom Elfmeterpunkt ist so englisch wie Steak, das überhaupt nicht gebraten wurde. Nachdem Nuri Sahin gleich dreimal verschossen hat, darf Lucas Barrios ran – und vergibt ebenfalls. Die Spannung von Abstiegskrimis ist selbst dann schwer auszuhalten, wenn nichts passiert.

41. Minute: Elfmeter in Hamburg! Okay, nicht ganz, aber wenn Juan Arango sich dem Ball zum Freistoß zurechtlegt, muss man das ähnlich handhaben. 30 Sekunden später hat der Venezolaner auf diese Weise immerhin mehr Tore erzielt als der BVB in der gesamten Saison 2010/11 vom Elfmeterpunkt. Der Gladbacher Gästeblock ist in Wallung wie ein Bällebad im Kinderparadies eines Möbelhauses. Zur Pause ist die Mannschaft von Lucien Favre direkt gerettet. Falls Igor de Camargo insgeheim schon seinen Tor-gegen-Bochum-Plan geschmiedet haben sollte, muss er ihn erst einmal auf Eis legen.

Direkt nach der Pause: Tor in Sinsheim! Hoffenheim geht gegen ziemlich neben sich stehende Wolfsburger (mit Trainer Felix Magath) in Führung. So gerettet wie zu diesem Zeitpunkt war Gladbach zuletzt vor dem ersten Saisonspiel, also noch gar nicht. Einen Augenblick später schießt Frankfurt in Dortmund das 1:0. Das kann der BVB doch nicht ernst meinen gegen das Team von Christoph Daum. 

71. Minute: Wolfsburg hat ausgeglichen gegen Hoffenheim. Kassiert Gladbach jetzt ein Tor, bedeutet das den Sturz auf Platz 17. Als Änis Ben-Hatira dann wirklich den Ausgleich für den HSV schießt, ist es so weit – scheinbar. Denn drei Sekunden vor dem 1:1 hat auch Frankfurt ein Tor in Dortmund hinnehmen müssen. Um kurz vor 17 Uhr ist man in Hamburg, Dortmund und Sinsheim so schlau wie um 15.30 Uhr. 

75. Minute: Die Wolfsburger haben rechtzeitig kapiert, dass es sie tatsächlich erwischen könnte und machen in Hoffenheim das 2:1 und das 3:1. Mehr als die Relegation ist für Gladbach jetzt nicht mehr drin. Die Lage entspannt sich durch den Führungstreffer des BVB, der kurz danach das Spiel entscheiden kann. Wieder Elfmeter. Dedê darf in seinem Abschiedsspiel antreten. Der Brasilianer hat die vergangenen Wochen gefühlt durchgeweint und erfüllt nicht gerade die gängigen Voraussetzungen, um einen Elfmeter zu verwandeln. Macht er dann auch nicht.

Abpfiff: In Hamburg ist Schluss, deutlich früher als in Dortmund, wo Frankfurt ganz theoretisch noch das Spiel in Unterzahl drehen und Gladbach direkt in die 2. Bundesliga schicken könnte. Im Stadion des HSV wird auf der Anzeigetafel die Sky-Konferenz angeschaltet. Man kennt diese Bilder aus dem Gelsenkirchener Parkstadion vom 19. Mai 2001, als die Schalker hilflos mitansehen mussten, wie Patrik Andersson ihnen in der Nachspielzeit die Meisterschaft abluchste. Aber in Dortmund findet sich diesmal kein doppelter Andersson. Gladbach steht im Finale um den Klassenerhalt – ganz Old School ausgetragen in einem Hin- und Rückspiel.

"Da bist du tot", sagt Favre nach dem 1:1 seiner Borussia in Hamburg. Und es erscheint relativ egal, welche Phase des Nachmittags er meint, weil das Adjektiv "tot" mit seinen bescheidenen drei Buchstaben reicht, um das unterschwellige Gefühl zu unterstreichen, das am jenem 34. Spieltag nie ganz weggegangen ist.

Gladbach hat eine Rückrunde gespielt, die so gut war wie Frankfurts europacupreife Hinrunde, und darf in die Relegation, weil Frankfurts Rückrunde noch schlechter war als Gladbachs Hinrunde. 

Blick ins Archiv:

14. Mai 2011: "Wir haben noch nichts erreicht"
14. Mai 2011: Favre gratuliert seinem Team

Teil 1 der Serie (18. März): Als Baillys Faust den Abstieg besiegelte
Teil 2 der Serie (23. April): Ein Krimi am Ostersamstag auf dem Weg zum Wunder

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