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Borussia Mönchengladbach
Borussias Jugendarbeit hat sich gewandelt

Borussia Mönchengladbach: Die Jugendarbeit hat sich gewandelt
Ba-Muaka Simakala - hier im März im Test gegen den FC St. Pauli - war das bislang letzte Eigengewächs Borussias, das sein Trikot im Stadionflur aufhängen durfte. Bislang kommt er auf zehn Pflichtspielminuten. FOTO: Päffgen (Archiv)
Mönchengladbach. Von den sechs Teenagern, die Gladbach in den vergangenen beiden Spielzeiten einsetzte, kamen nur zwei aus dem "Fohlenstall". Das liegt nicht zuletzt an den Gegebenheiten eines aufgeheizten Transfermarkts. Von Jannik Sorgatz

Vergangenes Jahr hat Fabian Bäcker mit dem Profifußball abgeschlossen. "Ich habe Lust, das normale Leben kennenzulernen", sagte er kurz nach seinem 26. Geburtstag. Die Kickers Offenbach hatten überraschend seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängert, aus der viertklassigen Regionalliga, von der Schwelle zum Profifußball, wechselte der ehemalige DFB-Juniorennationalspieler in die fünfte Liga zum FC Bayern Alzenau. Die Nachricht wurde lokal immerhin unter der Überschrift "Transfercoup" verkündet. Die Zeit in Alzenau ist allerdings auch schon wieder vorbei: Bäcker schließt sich Germania Ober-Roden an, seinem Heimatverein. "Die beruflichen Anforderungen und meine Familie haben einfach einen größeren Stellenwert bekommen", schreibt er auf seiner Facebook-Seite.

Vor sieben Jahren war Bäcker scheinbar oben angekommen. Mit Patrick Herrmann debütierte er gegen den VfL Bochum für Borussia in der Bundesliga und traf prompt zum 1:2. Während Herrmann sich seinem 200. Bundesligaspiel nähert, absolvierte Bäcker nur noch ein weiteres. Nun ist er über Aachen, Offenbach und Alzenau in der Verbandsliga angekommen. Das Bundesligator nimmt ihm keiner, genauso wenig wie das Trikot, das eingerahmt im Kabinengang des Borussia-Parks hängt. Bäcker war das 14. von bis zum heutigen Zeitpunkt 22 Eigengewächsen, die seit dem Umzug ins neue Stadion für Borussia debütierten.

Nur bei René Schnitzler, Elias Kachunga und Ba-Muaka Simakala kamen anschließend weniger Einsatzminuten zusammen. Letzterer hat als Nummer 22 der Liste allerdings noch die Chance, seine zehn Minuten im Auswärtsspiel beim SV Darmstadt Ende Januar zu übertreffen. Nach der Saison durfte Simakala es erst einmal seinen Vorgängern gleichtun und das grüne Trikot mit der 44 aufhängen. Gebohrt worden war in den vergangenen fünf Jahren nur selten in diesem Flur. 2012/2013 und 2013/2014 debütierte gar kein Eigengewächs für Borussia, 2014/2015 war Mo Dahoud im Europa-League-Play-off gegen FK Sarajevo an der Reihe, 2015/2016 folgte Marvin Schulz im DFB-Pokal beim FC St. Pauli.

Die Jugendarbeit bei Borussia hat sich gewandelt, von den sechs Teenagern, die Gladbach in den vergangenen beiden Spielzeiten einsetzte, kamen nur zwei aus dem "Fohlenstall". Andreas Christensen wurde vom FC Chelsea ausgeliehen, Nico Elvedi kam für vier Millionen Euro vom FC Zürich, Djibril Sow für 1,5 Millionen Euro vom selben Klub und Laszlo Bénes für zwei Millionen Euro vom MSK Zilina. Noch kein Spiel hat der ablösefreie Mamadou Doucouré (Paris Saint-Germain) gemacht, Stürmer Julio Villalba (18), der für 1,25 Millionen Euro im Januar verpflichtet wurde, sammelte noch Spielpraxis bei seinem Heimatklub Cerro Porteno in Paraguay und soll nun nach Gladbach kommen. Mickaël Cuisance (17) von der AS Nancy und dem Vernehmen nach Reece Oxford (18) auf Leihbasis von West Ham United kommen dazu.

"Der Markt ist verrückt, weil ein Spieler eine Kettenreaktion auslösen kann. Das heißt, ich müsste diesen Spieler schon entdecken, bevor er auf sich aufmerksam gemacht hat und die englischen Klubs eingestiegen sind", sagte Max Eberl im Interview mit unserer Redaktion. "Wir müssen schauen, wo Nischen sind."

In Noah Eyawo hat Nachwuchsleiter Roland Virkus kürzlich einen 15-jährigen Außenverteidiger von Sturm Graz aus Österreich losgeeist. Von Fortuna Düsseldorf kam vergangenen Sommer mit 17 Jahren Mika Hanraths, aus der U 19 des VfL Bochum wurde der 18-Jährige Florian Mayer geholt. Beide haben die Perspektive, irgendwann einmal im Kabinengang zum Bohrer zu greifen. Von "Eigengewächsen, die den Sprung geschafft haben" wäre die Rede, nur wie viel hätte Borussia noch zur Entwicklung beitragen bis auf den Feinschliff? Es gibt die Jungs wie Marc-André ter Stegen, die bis zu ihrem Profidebüt im selben Klub gespielt haben. Es gibt Jungs wie Amin Younes, die als Grundschüler zu Borussia wechselten. Elias Kachunga war 13 Jahre alt, Julian Korb 14, Marko Marin 16, Tony Jantschke ebenfalls, Patrick Herrmann schon 17.

Sechs der 22 Eigengewächse debütierten in der Abstiegssaison 2006/2007, Misserfolg sorgt mitunter für mutige Verzweiflung, doch von denen schaffte nur Marin den großen Durchbruch, der sich Jahre später auf seiner Odyssee durch Europa relativierte. Inzwischen spielt der ehemalige Nationalspieler bei Olympiakos Piräus - den Verein nicht gleich parat zu haben, ist absolut verständlich.

Seit 2004 haben Eigengewächse bei Borussia 17,3 Prozent aller möglichen Ligaminuten absolviert, vergangene Saison lag der Anteil bei 15,5 Prozent. Ohne Mo Dahoud , der zu Borussia Dortmund geht, und Julian Korb, der mangels Perspektiven in Hannover eine neue Herausforderung sucht, dürfte der Anteil in der kommenden Saison zurückgehen. Selbst ein Simakala, der schon reinschnuppern durfte, wird es schwer haben.

Marlon Ritter ging als Regionalliga-Torschützenkönig nach Düsseldorf und konnte sich bislang nicht durchsetzen. Nico Brandenburger verlässt die U 23 in Richtung Fortuna Köln, Dritte Liga. Nils Rütten durfte in der Champions League gegen Celtic Glasgow auf der Bank sitzen, eine echte Perspektive im Gladbacher Profiteam besitzt allerdings wohl auch er nicht. Und in Korb geht nun einer derer, die dafür stehen, dass Eigengewächse in Gladbach eine Chance haben. Korb debütierte im Mai 2012 unter Lucien Favre. Fünf Jahre später ist es wahrscheinlicher, dass der nächste Teenager-Debütant bei Borussia sein Trikot nicht im Borussia-Park aufhängen darf, weil er offiziell kein Eigengewächs ist.

Quelle: RP
 
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