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Borussia Mönchengladbach
Hecking und die neuen Herausforderungen

Borussia Mönchengladbach: Dieter Hecking und neue Herausforderungen
Nicht viele Bundesligatrainer haben in den vergangenen Jahren Erfahrung mit Bierduschen gesammelt. Dieter Hecking, hier beim Wolfsburger Pokalsieg 2015, ist einer von ihnen. FOTO: afp, dg
Mönchengladbach. Mit dem neuen Trainer Dieter Hecking ist wieder Schwung reingekommen. Nun stehen drei große Aufgaben bevor: zweimal gegen Florenz, Sonntag gegen Leipzig. Von Karsten Kellermann

H steht für Hoffnung. Borussia ist mit einem Malus in die Rückrunde gestartet, indes mit der guten Hoffnung, das, was in der Liga im ersten Saisonteil schiefgegangen ist, wieder hinbiegen zu können. Aber auch mit der Hoffnung, das, was gut gelaufen ist in der Hinrunde, noch besser zu machen. Im Pokal ist das schon gelungen mit dem Sieg in Fürth, der den Einzug ins Viertelfinale und eine Reise ins schöne Hamburg bescherte.

Heute nun beginnt mit dem Hinspiel gegen den AC Florenz die Mission Europa League. Da steht H auch für Herausforderung. Zweimal stand Borussia im Sechzehntel-Finale dieses Wettbewerbs, und zweimal ereilte sie dort das Aus: 2013 gegen Lazio Rom und 2015 gegen den FC Sevilla. Nun also der dritte Versuch. Borussia scheint gerüstet für den nächsten Schritt – das wäre der ins Achtelfinale der Europa League. Dieses Mal kommen die Borussen von "oben", sie steigen als Absteiger aus der Champions League in Europas zweite Klasse ein.

Keine Heimmacht im Europapokal

Vor zwei Jahren hat Vize-Präsident Rainer Bonhof diesen Modus noch kritisiert, nun ist es die Chance für Gladbach, sich voller Hoffnung der Herausforderung zu stellen. Waren die Borussen gegen Lazio und Sevilla noch klarer Außenseiter, so haben sie nun eine 50:50-Chance. In der Gruppenphase der Champions League haben die Gladbacher gezeigt, dass sie mit der Herausforderung, nicht mehr nur Außenseiter, sondern, wie gegen Glasgow, sogar zarter Favorit zu sein, umgehen können. Sie haben einen ganz erwachsenen Sieg in Schottland hingelegt und damit die Basis für die Spiele gegen Florenz gelegt. Indes: Daheim war Borussia international in dieser Saison zuletzt keine Macht. Es gab nach dem 6:1 im Play-off gegen Bern in der Champions-League-Gruppenphase keinen Sieg mehr.

Allerdings waren das 1:2 gegen den FC Barcelona und vor allem das 1:1 gegen Manchester, mit dem der Wechsel in die Europa League fix gebucht wurde, zwei Nicht-Siege mit positiven Ausrufezeichen. Weniger zufriedenstellend war das 1:1 gegen Glasgow – das aber in der Summe reichte. Borussia kann auch international Ergebnisse, das war die Botschaft der letzten beiden Heimpartien. Nun startet sie im Borussia-Park gegen die Fiorentina. Es geht darum, ein Resultat zu erwirtschaften, das im Rückspiel standhalten kann.

Gegen Rom gab es 2013 ein wildes 3:3, das war zu wenig. 2015 ging das Rückspiel gegen Sevilla 2:3 verloren – nach dem 0:1 im Hinspiel in Sevilla. Nun: Drei Gegentore sollten es also nicht sein heute Abend, das wäre ein schlechtes Omen. Vermutlich wird es in der Gesamtabrechnung eine knappe Geschichte werden – das würde zur Gladbacher Italien-Bilanz passen (sieben der 14 Spiele gegen italienische Teams endeten Unentschieden).

Dieter Hecking hat die Stabilität zurückgebracht

Das Ziel jedenfalls ist, zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder im März international dabei zu sein. Was Hoffnung macht, die Herausforderung zu bestehen, ist das dritte H: H wie Hecking. Der neue Trainer hat Borussia zur Ruhe kommen lassen, hat ihr in kurzer Zeit neue Struktur gegeben und damit wieder Sicherheit. Dieter Hecking ist ein Trainer ohne viel Popanz, ohne die Attitüde, besonders innovativ sein zu müssen. Er ist erfahren genug, zu wissen, dass einzig der Erfolg immer modern ist. Heckings großes Plus ist, dass zutrifft, was er sagt: Er sagte, er wolle Borussia wieder Stabilität geben. Borussia ist wieder stabil. Er sagte, die Basis müsse stimmen, dann komme das schöne Spiel von allein. Borussia spielt zunächst mal einfach, verschafft sich so nach und nach wieder Selbstvertrauen. Dann kommen von selbst die zauberhaften Szenen dazu.

Wenn zutrifft, was ein Trainer sagt, hat er automatisch den Respekt der Spieler, das ist ein bekanntes Phänomen im Fußball. Hinzu kommt: Heckings Trainer-Vita sagt den Borussen, dass er ihnen helfen kann. Hecking kann den Pokalsieg. Er war 2015 mit Wolfsburg in Berlin und hat dort das Finale gegen Dortmund 3:1 gewonnen. Er kennt also den kürzesten Weg nach Europa, weil er ihn gegangen ist.

Und: Er weiß, wie man große internationale Spiele gewinnt. Mit Wolfsburg schaffte Hecking im April 2016 ein vielbeachtetes 2:0 gegen Real Madrid. Dass solche Spiele aber keine Garantie sind, zeigte das 0:3 im Rückspiel. Das kann Hecking als warnendes Beispiel anbringen, wenn es soweit ist. Erfahrungen sind immer hilfreich.

Womit wir bei RB Leipzig sind. Auch mit dem Aufsteiger hat Dieter Hecking eine Erfahrung gemacht, eine unliebsame. Denn nach einem 0:1 gegen die Sachsen verlor er im Oktober seinen Job beim VfL Wolfsburg. Er hat also ein bisschen was gutzumachen gegen RB. Vor allem aber weiß er, wie man diesen Gegner zu nehmen hat, wenn der auf Reisen ist. Und er wird den Ehrgeiz haben, nicht ein zweites Mal gegen die "Bullen" zu verlieren.

Für die Borussen ist es derweil ein Novum: Sie spielen zum ersten Mal daheim gegen Leipzig. Das Spiel ist eine Herausforderung zweiter Ebene. RB ist ja quasi als Herausforderer der Borussen in die Saison gegangen. Die Leipziger wollten originär nicht die Bayern angreifen, sondern die Teams dahinter, Teams wie Borussia. Somit sind die Borussen vom Herausgeforderten zum Herausforderer des Herausforderers geworden. Leipzig ist ein Spitzenteam der Liga.

Ein 1:1 in Leipzig gab es schon mal in der Saison 1993/94. Damals war allerdings der VfB Leipzig der Kontrahent, der nun wieder, wie zu DDR-Zeiten 1. FC Lokomotive Leipzig heißt. In Leipzig gab es ein 1:1 – wie in dieser Saison. Sollte die Parallelität der Ereignisse anhalten, dürfen sich die Gladbacher auf das Rückspiel sehr freuen. 6:1 endete es dereinst gegen den VfB, damals war ein gewisser Martin Dahlin dreifacher Torschütze.

Hecking und die Seinen würden schon eine "kleine" Analogie der beiden Leipzig-Geschichten nehmen, die, in der dem Unentschieden in Sachsen ein Heimsieg folgt. Die Herausforderung ist also zunächst, dass möglichst zweimal das H für Heimsieg steht. Gegen Florenz, um die Chance auf das historische erste Erreichen des Achtelfinals der Europa League möglichst groß ausfallen zu lassen. Und gegen Leipzig, um in der Bundesliga ein Zeichen zu setzen: an sich selbst, und auch an die anderen.

Dortmunder Verhältnisse darf es nicht geben

Klar ist: Dieter Hecking hat den Borussen die mentale und sportliche Kraft gegeben, die Herausforderungen anzunehmen. Eine Herausforderung sind die nächsten acht Tage auch für Gladbachs Fans. Gegen Florenz brauchen die Borussen eine Kulisse in Champions-League-Form, die ihnen hilft, die Mission zu schaffen. Der Schulterschluss zwischen Rasen und Kurve kann ein Extra-Antrieb sein, der die entscheidenden Momente in die richtige Richtung lenken kann. Im Heimspiel sowieso, aber auch in Florenz.

Die Fans werden die Reise in vollen Zügen genießen – und sie wollen ihren Teil dazu tun, dass es nicht die letzte internationale Tour sein wird in diesem Jahr. Zwischendrin ist das Heimspiel gegen RB Leipzig eine Herausforderung für die Gladbach-Freunde. Was in Dortmund passierte, darf nicht geschehen in Gladbach. Borussias Fans sind in der Verantwortung, vielleicht sogar ein Zeichen zu setzen. Protest darf sicherlich sein, und wenn er sein muss, dann aber bitte mit Niveau. Zum Beispiel kann man das herausstellen, was den eigenen Klub ausmacht.

Vielleicht sogar in einer Choreografie, statt billig zu hassen und brutal zu hetzen gegen die anderen oder gar zu versuchen, die Schandtaten der Fans anderer Traditionsklub noch zu toppen: Das wäre der GAU für die Fankultur in Gladbach. Sich im Griff zu haben, trotz aller Abneigung gegen das Modell RB dem Gast mindestens als sportlichem Gegner Respekt zu zollen, das wäre der Ansatz für den Sonntag. Schlicht: gutes Benehmen. Borussias Fans nehmen für sich in Anspruch, besondere Fans zu sein. Die Gelegenheit ist günstig, das nachzuweisen. Zu zeigen, dass auch Fairness eine gute Tradition in Gladbach ist.

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