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Immer wieder Videobeweis
Diskussionen ohne Ende bei Gladbach gegen Mainz

Kein Elfer - Stindl im Glück
Kein Elfer - Stindl im Glück FOTO: Screenshot Sky
Mönchengladbach. Die Diskussionen über den Videobeweis gerieten in Mönchengladbach am Samstag besonders intensiv und ausführlich. Die Offiziellen sind genervt und ernüchtert. Doch Max Eberl und Dieter Hecking präsentierten sich nach dem 1:1 gegen Mainz als vehemente Befürworter. Von Jannik Sorgatz

Bei der am häufigsten wiederholten Szene des Nachmittages herrschte die Einigkeit, die sich beim Videobeweis alle wünschen: Hatte Mainz' Torwart Robin Zentner den Ball mit dem Elfmeterpunkt verwechselt und deshalb ein episches Luftloch geschlagen? Eindeutige Antwort: Ja! Leider ist bei epischen Luftlöchern keine Überprüfung durch den Video-Assistenten möglich, so viel ist nach dem Kommunikations-Hickhack der vergangenen Woche immerhin klar. Aber auch so gab es beim 1:1 zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FSV Mainz 05 gleich vier Szenen, bei denen sich die Beobachter nicht nur fragten: Richtig oder falsch entschieden? Sondern auch: Wurde der Video-Assistent nun konsultiert? Und wenn nicht, warum eigentlich nicht?

Otto Addo hatte in der Halbzeitpause bei Sky die Aufgabe, drei der Szenen zu kommentieren, was Borussias Talentetrainer sichtlich schwer fiel. "Fifty-fity", "Kann man, muss man aber nicht pfeifen" - das waren nur zwei seiner Aussagen mit Blick auf die Zeitlupen, und es ist gar nicht so wichtig, welche Szenen nun gemeint waren, denn Addos scheinbar schwammige Bewertungen untermauerten perfekt das Dilemma bei diesem Thema: Was im Fußball ein Foul ist und was nicht, ist oftmals extrem schwer zu beurteilen. Und bei allen drei strittigen Szenen der ersten Hälfte ging es genau um diese Frage.

Fangen wir vorne an: In der 17. Minute ließen Levin Öztunali und Jean-Philippe Gbamin die Gladbacher Abwehr bei einem Konter schlecht aussehen. Öztunali steckte durch zu Gbamin, der von Stindl verfolgte wurde und plötzlich ins Straucheln geriet, was in Echtzeit noch extrem dämlich aussah. "Natürlich touchiert ihn Lars", sagte später Borussias Manager Max Eberl, nachdem diverse Wiederholungen für Aufklärung gesorgt hatten. "Aber reicht das für einen Elfmeter? Grob falsch war die Entscheidung für mich nicht, und das ist ja die große Frage."

Was wiederum die Frage aufkommen ließ, ob der DFB denn jetzt zur anfänglichen Korrektur nur in Falle von, wie es Eberl ausdrückte, "grob falschen" Entscheidungen zurückgekehrt sei. Unter der Woche hatte der "Kicker" einen Brief vom 25. Oktober, unterzeichnet von Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich und Hellmut Krug, veröffentlicht. Darin wurden die Vereine unterrichtet: "Bei schwierigen Situationen, in denen die Einordnung der Schiedsrichterentscheidung in die Kategorie 'Klarer Fehler' nicht zweifelsfrei gewährleistet ist, der Video-Assistent aber starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung hat, soll er das dem Schiedsrichter unverzüglich mitteilen."

Das bedeutete eine deutliche Kurs-Korrektur, die zudem bereits einen Monat vorher ohne offizielle Mitteilung an die Vereine vorgenommen worden war. In einer Korrektur der Korrektur hieß es daraufhin: "Bei subjektiven Entscheidungen (also der Bewertung von Spielvorgängen, zum Beispiel bei Zweikämpfen oder Handspielen) soll der Video-Assistent nur dann eingreifen, wenn die Entscheidung des Schiedsrichters dem vorliegenden Bildmaterial gravierend widerspricht." Eberl sagte über die Kommunikationspolitik des DFB: "Solche Fehler darf er nicht machen. Wenn ich den Brief richtig gelesen habe, sind wir wieder in der Ursprungsversion, die trotzdem etwas aufgeweicht wurde."

In der 19. Minute war die Lage noch unübersichtlicher. Ein Foul von Torschütze Abdou Diallo an Gladbachs Keeper Yann Sommer im Luftduell monierte kaum jemand. Unmittelbar davor war Sommer allerdings beim Herauslaufen von Yoshinori Muto am Fuß berührt worden. Mehr als Gbamin von Stindl? Weniger? Genauso viel? Beides Foul? Beides kein Foul? Noch ein Beweis für das Dilemma, das die traditionell sehr subjektive Regelauslegung im Fußball verursacht. "Das 0:1 kann man auch diskutieren", sagte Eberl. "Für mich hat Sven Jablonski das zu Recht gegeben, obwohl Muto Sommer auf den Fuß steigt."

In der 39. Minute lag der Ball erneut im Tor nach Levin Öztunalis sehenswertem Schlenzer. Diesmal kam der Videobeweis zum Einsatz, weil die Borussen ein Foul von Suat Serdar an Matthias Ginter monierten. Videobeweis on demand oder hätte Wolfgang Stark in Köln die Szene auch so überprüft? Nach gut zwei Minuten und Jablonskis Gang an die Seitenlinie zum Monitor wurde das Tor zurückgenommen. Zeit, um zu debattieren, warum nur zwei Minuten nachgespielt werden, wenn das Spiel allein in dieser Situation drei Minuten unterbrochen ist, bleibt gar keine. Nach der Pause schoss sich Diallo den Ball im eigenen Strafraum an den hochgestreckten Arm, was das nächste Fass der für viele nur schwer verständlichen Handspielregelung öffnete. Nicht auf Elfmeter zu entscheiden, war wohl regelkonform von Jablonski, scheint aber dem gesunden Verstand zu widersprechen, wenn Diallo den Arm so hochhält, als wolle er ein Taxi heranwinken. Doch auch hier unterscheiden sich die Bewertungen, natürlich, gravierend.

"An dieser Diskussion teilzunehmen, macht mir überhaupt keinen Spaß mehr. Jeder hat das Recht, Kritik zu üben. Was heute hier im Stadion passiert ist, hat sich schlecht angefühlt", sagte Dieter Hecking, der ein Verfechter des Videobeweises ist. Schon Ende August und seitdem immer wieder hatte er gemahnt, die Maßnahme nicht voreingenommen zu zerreden, sondern die Testphase abzuwarten. Am Samstag äußerte sich Hecking nun völlig desillusioniert aufgrund der anhaltenden Diskussionen. "Wir haben vor der Saison gesagt, dass es eine einjährige Testphase ist, und wir geben diesem Test null Chancen, weil wir nur drauf warten, wieder einhaken zu können. Am Sonntag sitzen sie wieder in den Studios und diskutieren über die Szenen", sagte er und geriet mehr in Rage als bei der Analyse des schlechten Spiels seiner Mannschaft.

"Das bringt dem Videobeweis überhaupt nichts", fuhr Hecking fort. "Das bringt den Leuten nichts, die ihn verbessern wollen, weil sie nur noch mehr unter Druck gesetzt werden. Ich wage die Prognose, dass es zur Winterpause eingestampft wird - und zwar nicht, weil es richtig wäre. Ich bin ein absoluter Befürworter, auch wenn es heute wieder Szenen gab, bei denen man sich fragt, warum nicht eingegriffen wird. Aber wir tun alles dafür, dass er sich nicht durchsetzt."

Inhaltlich pflichtete ihm sein Sportdirektor bei. "Der Videobeweis macht den Fußball nicht kaputt", sagte Eberl, genau das hatten die Fans in der Nordkurve während der Überprüfung des 0:2 skandiert. "Trotzdem wird der Videoassistent nicht dazu führen, dass jede Entscheidung für jeden Betrachter richtig gefällt wird. Es ist halt etwas Neues im Fußball und das braucht seine Zeit. Im laufenden Betrieb zu testen, ist kompliziert. Aber ich fände es schade, wenn wir alles in Schutt und Asche reden würden."

Eberl ließ sogar durchklingen, dass er den Videobeweis tendenziell für alternativlos hält, nicht nur weil der Schiedsrichter in Zeiten von Highspeed-Internet und großem Datenvolumen auf den Smartphones nicht der einzige Ahnungslose im Stadion sein dürfe. "Wenn der Videobeweis nicht eingeführt wird, stehen wir in einem Jahr hier und sagen: Hätte es den Videobeweis gegeben, hätte das Tor nicht gezählt", sagte Eberl. "Wir Offiziellen sollten trotz aller Emotionen auch mal die Schnauze halten und dem Ding eine Chance geben. Dann kann man nach einem Jahr entscheiden, ob es sinnvoll ist oder nicht." Man dürfe jedoch "nicht nach jedem Wochenende den Stab darüber brechen".

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