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Borussia Mönchengladbach
Drei Elfer, eine Ecke

Einzelkritik: Note 6 für Stindl
Einzelkritik: Note 6 für Stindl FOTO: dpa, jai
Sevilla. Noch ist unklar, ob es sich um die größte Krise unter Lucien Favre handelt. Aber nach dem 0:3 in der Champions League beim FC Sevilla ist davon auszugehen. Das Elfmeter-Festival der zweiten Halbzeit sollte die Probleme nicht überstrahlen. Von Jannik Sorgatz

1. Die Älteren erinnern sich "Aus der ersten Halbzeit können wir Vertrauen tanken", sagte Roel Brouwers. "Die erste Halbzeit war ganz gut", meinte Ibrahima Traoré. Und keiner der Borussen, die auf dem Weg von der Kabine zum Mannschaftsbus bei den Reportern anhielten, sah es anders. Kollektive Realitätsverweigerung gibt es auch nicht zu diagnostizieren. In der aktuellen Lage wäre es legitim, sich an noch weniger hochzuziehen. Immerhin hatte zum ersten Mal seit den zweiten 45 Minuten beim FC St. Pauli – die Älteren erinnern sich: erste Runde DFB-Pokal, ein 4:1-Erfolg für Gladbach – in einer Hälfte die Null gestanden.

2. Aufbruchsignal missachtet In der 15-minütigen Pause und in den 25 Sekunden nach dem Wiederanpfiff ließ sich darauf aufbauen. Aber dann erging es den Borussen wie zwei der drei kleinen Schweinchen, deren Holz- und Strohhaus vom bösen Wolf weggepustet wird. Langsam verblassen die Erinnerungen an das standfeste Steinhaus aus der vergangenen Saison. Damals hätte die Mannschaft spätestens Sevillas Fehlschuss beim zweiten Elfmeter als Aufbruchsignal begriffen. Doch diesmal schlitterte sie gerade zwischen dem 0:1 und 0:2 in die schwächste Phase des gesamten Spiels.

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3. Weder Kramer noch Kruse Besonders Lars Stindl stand so neben sich, dass ihn Lucien Favre – nicht nur wegen einer Verwarnung – regelrecht erlöste und durch Mahmoud Dahoud ersetzte. Der spielte in 22 Minuten mehr Pässe als der Zugang in 68, was nicht nur daran lag, dass Sevilla es sich in der Schlussphase etwas gemütlicher machte. So langsam mutiert auch noch Stindl zum Sorgenkind. Für einen der besten deutschen Fußballer ohne Länderspiel ist das zu wenig. Von einem Kramer- und Kruse-Ersatz war er am Dienstagabend noch weiter entfernt als von der Nationalmannschaft.

4. And the Oscar goes to… Mourinho-Momente sind Favre in der Regel so fremd wie drei Auswechslungen bis zur 65. Minute. Aber nachdem der Trainer das gegen Hamburg zum zweiten Mal in seiner Gladbacher Zeit nach dem Spiel in Wolfsburg 2011 praktiziert hatte, war anscheinend mit allem zu rechnen. Also kanzelte er Sevillas stärksten Akteur auf Favre-fremde Art ab: "Vitolo ist der beste Schauspieler der Welt, das wusste ich schon lange", sagte der Schweizer, "aber wir haben auch viele Fehler gemacht. Das Problem des Teams ist im Moment das Tempo, technisch und gedanklich." Sich im Satz nach einem ungewöhnlich scharfen Statement so zu erden, ist auch eine Kunst.

5. Nicht mehr märchenhaft Das Elfmeter-Festival könnte in seinem epischem Ausmaß manche Defizite überstrahlen. Aber gerade die Verursacher – bis auf Schiedsrichter Pavel Kralovec aus Tschechien – verstärkten noch einmal den Eindruck, dass niemand ausgenommen ist von der Krise, die so langsam mit dem Frühherbst 2012 und dem Winter 2013/14 um Platz eins in der Favre-Zeit rangelt. Brouwers verlieh seinem märchenhaften Aufstieg vom Paderborner Zweitligaspieler in die Champions League beim zweiten Elfmeter Bodenhaftung. Selbst vor dem ersten hatte er seinen Gegenspieler höflich in den Strafraum begleitet, wohin sich das Geschehen für folgenschwere Zweikämpfe ja erst einmal verlagern muss. Kapitän Tony Jantschke übernahm das dritte Foul in Folge einer Nachlässigkeit, die sonst bei ihm auf dem Index steht.

Reaktionen: "Vitolo ist der beste Schauspieler der Welt"

6. Sommers Extraschicht Immerhin gibt es in Patrick Herrmann, Fabian Johnson, Alvaro Dominguez und Martin Stranzl all die Verletzten, die ihre Anpassungsfähigkeit an das Krisenniveau noch nicht nachweisen konnten. Granit Xhaka hat am Samstag im Derby die Chance zu zeigen, wie das aussieht, wenn man sich bis zum Erbrechen verausgabt. Nicht einmal Torwart Yann Sommer kommt mit einer Formkurve ohne kräftige Dellen aus. Bei allen drei Elfmetern war er chancenlos. Dann zeigte er beim Kopfball von Ciro Immobile in der 82. Minute seine stärkste Parade. Beide Trainer wechselten vor der folgenden Ecke. Das Gesicht des Ukrainers Jewhen Konopljanka war noch auf der Anzeigetafel zu sehen, als er auf den ersten Pfosten flankte und Sommer sich den Ball selbst ins Tor boxte. Dessen Arbeitstag war nach Mitternacht übrigens noch immer nicht zu Ende – der Schweizer zeigte auch bei der Dopingprobe Krisensymptome.

7. Nicht einmal Gänsehaut Man hat sich den Moment, in dem die Champions-League-Hymne erklingt, so oft vorgestellt, dass auch Halluzinationen denkbar gewesen wären. Um 20.44 Uhr sollte es so weit sein im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan. Allerdings wurde das Sinfonieorchester aus den Lautsprechern vom unfassbaren Lärm der Sevillistas übertönt. Bevor das Gerücht von technischen Problemen weiter die Runde macht, sei versichert, dass die Hymne abgespielt wurde. Nicht einmal der lang ersehnte Gänsehautmoment war den Borussen gegönnt. Fast schon laienhaft, das nicht sofort als schlechtes Omen zu begreifen.

8. Bedingt chancenlos Respekt war angebracht vor einem Gegner, der schon bekannt war aus dem Februar, aber beileibe keine Ehrfurcht. Der FC Sevilla ist mit nur zwei Punkten aus drei Spielen ebenfalls schlecht in die Liga gestartet. Gegen die Borussia setzte Trainer Unai Emery die namhaften Zugänge Fernando Llorente, Immobile und Konopljanka zunächst auf die Bank. Mit 83:73 Millionen Euro lag der Marktwert der Gastgeber nur unwesentlich über dem der "Fohlen". Bei beiden Teams fehlten in der Startelf fünf der zehn teuersten Spieler. Schon nach einer Partie reift der Wunsch, den Verlauf der Gruppenphase zumindest virtuell mit der Borussia aus dem Frühjahr durchzuspielen.

Schiedsrichter pfeift drei Elfmeter gegen Borussia FOTO: afp, CQ/raf

9. Nummer sechs verhindern Stattdessen geht der Blick jetzt zurück auf den November und Dezember 2010. Damals verlor Gladbach zuletzt fünf Pflichtspiele in Folge: 2:3 gegen Mainz, 1:4 in Dortmund, 1:2 gegen Hannover, 0:3 in Freiburg, 1:2 gegen Hamburg und beim 0:2 in Hoffenheim folgte vor der Winterpause noch Nummer sechs. Frontzecks Zeiten statt Weisweilers Zeiten. Vor der Negativserie vor fünf Jahren gab es übrigens einen 4:0-Sieg in Köln.

10. Treffen der Punktlosen Noch mangelt es deutlich an Routine. In Gruppe D fand am Dienstag ein weiteres Spiel statt, sonst wäre es ja keine Gruppe. Was es mit dem 2:1 von Juventus Turin bei Manchester City anzufangen gilt, ist noch unklar. Momentan kommt die Champions League für Borussia Mönchengladbach als Addition sechs 90-minütiger Abenteuer daher, die möglichst angenehm gestaltet werden wollen. In zwei Wochen kommt es also zum Duell der beiden Punktlosen im Borussia-Park, wenn Manchester zu Gast ist. Besonders wichtig wäre es jedoch, wenn sich am Samstag davor in Stuttgart nicht ebenfalls zwei Punktlose treffen würden.

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