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Borussia Mönchengladbach
Das "Kaufhaus des Westens" hat schon lange dichtgemacht

Die Winter-Einkäufe seit 2001/2002
Die Winter-Einkäufe seit 2001/2002 FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Wer wissen wollte, wie es um die Borussia sportlich steht, konnte dies früher an den Winter-Aktivitäten auf dem Transfermarkt ablesen. In diesem Jahr zeigt sich jedoch eine ganz neue Strategie. Von Jannik Sorgatz

Wenn regionale Kaufhäuser schließen, ist das für kleine Städte oftmals ein Schock. Dutzende Mitarbeiter, die viele Menschen kennen und schätzen, werden arbeitslos. Die Kunden wiederum verlieren einen Anlaufpunkt in der Stadt. Als das "Kaufhaus des Westens" in Mönchengladbach dichtmachte, lagen sich zehntausende Fußballfans in den Armen und die Angestellten tanzten bei jedem Tor an der Eckfahne.

Das war im Herbst 2011. Die Borussia beendete die Hinrunde mit 33 Punkten, steuerte nur ein halbes Jahr nach der Relegation auf den Europapokal zu und hatte keinen Handlungsbedarf auf dem Transfermarkt. So war es 2009/2010 zwar auch schon gewesen, 21 Punkte und Platz elf reichten unter Michael Frontzeck für grundsätzliche Zufriedenheit. Doch schon im Jahr darauf schlitterte Gladbach nach einer Zehn-Punkte-Halbserie dem dritten Bundesliga-Abstieg entgegen.

Von diesen Klubs holte Borussia die meisten Spieler

Sportdirektor Max Eberl schlug viermal zu in der Winterpause, holte Martin Stranzl, Mike Hanke, Havard Nordtveit und Michael Fink, der inzwischen arg in Vergessenheit geraten ist. Zumindest die drei Erstgenannten schlugen voll ein, standen inklusive der Relegation gegen den VfL Bochum in 53 von 57 Pflichtspielen auf dem Platz – und durften 2012 gegen Dynamo Kiew um den Einzug in die Gruppenphase der Champions League spielen. Eine Entwicklung, die ihresgleichen sucht.

Als Anfang Januar 2016 Jonas Hofmann von Borussia Dortmund verpflichtet wurde, gingen fünf Jahre Transfer-Winterschlaf zu Ende. Gekauft hatte Eberl zuletzt jenes Quartett, das 2011 zum Klassenerhalt beitragen sollte, danach wurden nur noch Alexander Ring und Tolga Cigerci ausgeliehen, mit mäßigem Erfolg. Doch der Doppeltransfer um Hofmann und Martin Hinteregger (Kaufoption ab Sommer) zeugt, anders als früher, zu Null Prozent von sportlicher Panik, sondern vielmehr von einem Strategiewechsel.

Das Sommer-Transferfenster dürfte aufgrund der Finanzkraft der Premier League alle Rekorde brechen. Ein Mann wie Hinteregger – jung, aber schon erfahren, Nationalspieler mit EM-Chancen – brachte alles mit, um in diesen Strudel zu geraten. Außen vor wäre dann die Borussia gewesen, weil sie sich den Österreicher vermutlich nicht mehr hätte leisten können.

Die Verträge der Borussia-Spieler FOTO: dpa, Jonas Güttler

So ist Hinteregger quasi ein Sommer-Transfer im Winter. "Es gibt bei der Planung immer den Wunsch, es gibt die Realität, und es gibt die Machbarkeit", sagte Eberl um Weihnachten im Interview mit unserer Redaktion. Bei Hofmann und Hinteregger kommt hinzu, dass sie sogar kurzfristig eine Rolle spielen dürften angesichts der zahlreichen Verletzten. Am Dienstag feierten sie im Testspiel gegen Hertha BSC ihr Debüt.

Finanziell ermöglicht wurden die Transfers – wenn Hinteregger fest verpflichtet wird, muss Gladbach für Hofmann und ihn zusammen etwa 20 Millionen Euro überweisen – durch die Einnahmen in der Champions League. Die schwirrte bereits Anfang 2005 durch den Borussia-Park, wenn auch als Hirngespinst. Sieben Spieler wurden unter Dick Advocaat verpflichtet, darunter Giovane Elber und Wesley Sonck, zwei Torjäger mit Königsklassen-Klang. Damals wurde der Begriff vom "Kaufhaus des Westens" geboren, das an der Hennes-Weisweiler-Allee seinen Hauptsitz hatte und oft nah am sportlichen Bankrott war.

In den letzten Jahren am Bökelberg war zuvor etwas zielgerichteter gearbeitet worden, die Mittel waren aber auch völlig andere. 2002/2003 sorgte Leihspieler Mikael Forssell mit sieben Rückrundentoren für den Klassenerhalt unter Ewald Lienen, 2003/2004 spielte sich Thomas Broich sogar in den Fokus der Nationalmannschaft. Auf sportlich bereits dürftige Zeiten am Bökelberg folgte die Talsohle nach dem Umzug in den Borussia-Park.

Was dann spätestens ab 2011 passierte, würde Eberl in seinem Managersprech wohl den "Turnaround" nennen. Er lässt sich sehr genau an Borussias Transfer-Aktivitäten in dieser Winterpause ablesen.

Hier finden Sie alle Winter-Einkäufe der vergangenen 15 Jahre.

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