| 15.06 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Ein Matchwinner aus Augsburg und Platz 17 ohne Folgen

Einzelkritik: Hahn ragt bei Borussia-Sieg heraus
Einzelkritik: Hahn ragt bei Borussia-Sieg heraus FOTO: dpa, a
Mönchengladbach. Borussias Champions-League-Schicksal hat sich am 33. Spieltag nicht nur in Mönchengladbach, sondern auch in Gelsenkirchen entschieden. Ein virtueller Blumenstrauß ging an Augsburgs Daniel Baier, echte Blumen bekamen drei prägende Männer der vergangenen Jahre überreicht. Von Jannik Sorgatz

1. Die Bürde des Fehlstarts Kurzfristig hat sich der VfB Stuttgart doch noch entschieden, in der Reihe zu tanzen. Fünf Niederlagen kassierten die Schwaben zum Auftakt und standen auf Platz 17. Dass sie zwischenzeitlich an der ersten Tabellenhälfte schnupperten, ist nicht vergessen, sondern macht den erneuten Absturz nur noch fataler. Jetzt hat Stuttgart wieder fünfmal in Folge verloren und ist wieder auf Platz 17 angekommen. Was die Geschichte hier zu suchen hat? Nun ja, bekanntlich war der VfB am 20. September nur deshalb nicht Letzter, weil Borussia Mönchengladbach die ersten fünf Spiele mit einer um zwei Treffer schlechteren Tordifferenz bestritten hatte. Die Borussia klopfte so schnell wieder oben an, dass schnell in Vergessenheit gerät, wie groß die Bürde des katastrophalen Starts war. Das Leid des VfB führt noch einmal vor Augen, dass Gladbach Geschichtsträchtiges geleistet hat.

2. Treffsicher, punktsicher Schon jetzt ist es die viertbeste Saison der vergangenen 20 Jahre, mit einem Sieg beim SV Darmstadt könnte die Schubert-Borussia mit dann 55 Punkten noch knapp die Favre-Borussia aus 2013/14 überholen. Und es gilt zu bedenken, dass die fünftbeste Saison 2012/13 mit 47 Punkten war und die sechstbeste 1996/97 mit 43 Punkten. Mehr Tore erzielte Gladbach in diesem 20-Jahres-Zeitraum nur 2007/08 in der 2. Bundesliga, die in diesen Vergleichen traditionell hinter 31-Punkte-Saisons wie 2008/09 eingeordnet wird. Das ist wie bei der Wertung "Goldener Schuh" für den besten Torjäger, in der Cristiano Ronaldo (Real Madrid/Spanien) für jeden seiner Treffer zwei Punkte gutgeschrieben bekommt, Tomas Radzinevicius (Suduva Marijampole/Litauen) aber nur einen.

3. 99,99 Prozent Sicherheit Dass schon nach dem 33. Spieltag die Zeit für Lobeshymnen und Saisonfazits sein sollte, war vor zwei Wochen nicht zu erwarten gewesen. Nun besiegte die Borussia Leverkusen, und die Konkurrenten Hertha (null), Schalke (einer) und Mainz (drei) holten alle gerade so viele Punkte, wie sie holen durften, damit der vierte Platz zu 99,99 Prozent sicher ist. Diese Konstellation zum kollektiven Ausrasten im Borussia-Park gab es am Samstagnachmittag nur zweimal: Für 104 Sekunden zwischen dem Darmstädter 2:1 in Berlin und dem Schalker 1:0 gegen Augsburg, und für gut zehn Sekunden vom Ausgleich der Augsburger bis zum Ende. Den sagte Stadionsprecher Torsten Knippertz über die Lautsprecher durch – es war das akustische 3:1.

4. "Game of Baier" Wer von Borussia Mönchengladbach erzählt, muss auch vom VfB Stuttgart erzählen. Und wer André Hahn aufgrund seines Doppelpacks als Matchwinner bezeichnet, darf Daniel Baier nicht vergessen. Der hatte in 14.116 Bundesligaminuten für den FC Augsburg zuvor dreimal getroffen, also alle 4705 Minuten einmal – sechs Staffeln "Game of Thrones" sind kürzer. Für sein erstes Saisontor hat sich der 31-Jährige den besten aller Momente ausgesucht, die 89. Minute des Auswärtsspiels seiner Augsburger auf Schalke. Durch das 1:1 wuchs der Gladbacher Vorsprung auf drei Punkte und elf, 15 bzw. 16 Tore an. Wer einen Großteil dieser Saison verpasst hat und sich nicht noch einmal alle Spieltage in der Zusammenfassung reinziehen will – der 33. Spieltag bietet einen adäquaten Schnelldurchlauf.

5. Noch drei Tore bis zur Weltklasse Da konnte man André Schubert nur schwer widersprechen. Ob André Hahn in seiner Weltklasse-Verfassung sei, wurde Gladbachs Trainer nach dessen fünftem Saisontor gefragt. "Weltklasse noch nicht – sonst hätte er fünf gemacht", entgegnete Schubert. Tatsächlich war Hahn in der ersten Halbzeit einmal alleine aufs Tor zugelaufen und hatte sich den Ball katastrophal weit vorgelegt, ein anderes Mal setzte Oscar Wendt ihn stark ein, doch Hahn drehte sich etwas ungeschickt. Falls Leverkusen noch der Ausgleich gelungen wäre, hätte man dem 25-Jährigen noch ankreiden müssen, dass er Raffael bei einem Konter egoistisch übersah. Doch das war aufgrund des Happy Ends im Borussia-Park nebensächlich. Es zählte, was Schubert sonst noch über Hahn sagte: "Er hat heute eine besondere andere Qualität gezeigt: Er hat immer weitergemacht, auch nach einer, zwei, drei vergebenen Torchancen."

6. Tor im Sinn, Vorlage hin Lars Stindl schickte am Samstag gefühlt mehr Mitspieler auf die Reise als der Düsseldorfer Flughafen im Sommer. Ibrahima Traoré setzte den Ball über das Tor, André Hahn vertändelte ihn fahrlässig. Dass Stindl am Ende nicht nur vier sogenannte "Key Passes" sammelte, sondern auch noch einen Assist, kam eher unbeabsichtigt zustande. Als Oscar Wendt von links flankte, hatte Stindl eigentlich sein achtes Saisontor im Sinn. Es wurde seine elfte Vorlage, weil er zwar nicht über, aber etwas merkwürdig gegen den Ball trat. Den Rest erledigte Hahn mit Urgewalt. 

7. Erschöpft vom Reklamieren Warum es das 2:1 war und nicht das 2:2, kann am besten Hakan Calhanoglu erklären. Der türkische Nationalspieler in Diensten Bayer Leverkusens hatte in der 59. Minute die große Chance, die Gäste in Führung zu bringen. Sein Schuss blieb an Havard Nordtveits Arm hängen, was nicht dessen Absicht war, dem Norweger aber ganz gut in den Kram gepasst haben dürfte. Statt den Rebound zu verwerten, verlor sich Calhanoglu in seiner gefühlt dreisekündigen Reklamier-Choreografie. Den Nachschuss nahm er sich am Ende doch noch, nur geriet der völlig harmlos – vermutlich aufgrund von Erschöpfung.

8. Serien en masse Der VfL Wolfsburg hat Gladbach mit dem Sieg beim Hamburger SV auf den 17. Platz der Auswärtstabelle befördert. Ein Erfolg in Darmstadt, der erste in der Fremde seit dann 196 Tagen, könnte die Borussia allerdings noch auf den zwölften Platz spülen. In der Heimtabelle steht die Borussia dagegen unangefochten auf dem dritten Platz mit 40 Punkten und 42:18 Toren in 17 Spielen. Schubert hat 13 seiner 15 Heimspiele gewonnen, nur gegen Borussia Dortmund gab es eine Niederlage. Wenn der Borussia-Park das nächste Mal anlässlich eines Bundesligaspiels öffnet, sind seitdem auch schon 210 Tage vergangen.

9. Platz für Emotionen jeder Art Martin Hinteregger saß nicht einmal mehr auf der Bank, weil dort Platz gemacht werden musste für Martin Stranzl und Roel Brouwers. Branimir Hrgota sitzt dort schon länger und könnte nun, da der vierte Platz so gut wie sicher ist, wenigstens von einem Abschiedselfmeter in Darmstadt am letzten Spieltag träumen – eine Panenka-Rehabilitation für den Schweden, der 2013 im Pokal den entscheidenden verschoss. Brouwers und Stranzl erlebten dagegen wie Havard Nordtveit einen perfekten letzten Nachmittag im Borussia-Park. Nordtveit spielte 90 Minuten durch und war der beste Zweikämpfer, Stranzl kam noch rein und Brouwers zeugte von guten DJ-Qualitäten, als er mit den Fans "Auf, auf, auf in die Champions League" anstimmte. So ließen sich die beiden Emotionsquellen – die Abschiede und der sportliche Erfolg – optimal zusammenführen.

10. Gleichauf mit Hannover Manchester City bleibt im Rennen, United hat noch Chancen, vielleicht erwischt es noch den FC Arsenal. Die Gedankenspiele, auf wen die Borussia am 16./17. und 23./24. August in den Play-offs zur Champions League trifft, sind noch sehr hypothetisch, aber sie ergeben Sinn. Momentan ist es wahrscheinlicher, dass Gladbach trotz seiner drei Europacup-Teilnahmen nicht gesetzt sein wird. Letztendlich sammelte das Team seit 2011 gerade einmal so viele Punkte, um als 49. der Uefa-Rangliste mit Hannover 96 gleichzuziehen. Ein Sieg in der Champions League ist in dieser Wertung nämlich genauso viel Wert wie einer in der Europa League. Endgültige klarheit dürfte jedoch erst spätabends am 3. August herrschen.

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