| 07.23 Uhr

Interview mit Borussia-Trainer Schubert
"Früher dachte ich, alle wollen mir etwas Böses"

Borussia Mönchengladbach: "Früher dachte ich, alle wollen mir etwas Böses"
André Schubert im August 2012, kurz vor seiner Entlassung beim FC St. Pauli in der 2. Bundesliga. FOTO: dpa, te hak
Mönchengladbach. Im zweiten Teil unseres großen Interviews spricht André Schubert über Teenager für 20 Millionen Euro, Videostudium in der Nacht und seinen Spruch "Wir sind alle Interimstrainer". Von Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz

Sie gelten nicht als Statistik-Liebhaber. Welche sind für Sie dennoch wichtig und welche eher Spielereien von Journalisten?

Schubert Mir geht es in dem Fall meist um Statistiken, die nur angeführt werden, um etwas zu belegen. Ich kann immer eine bestimmte These aufstellen und dann suche ich irgendwelche Zahlen, die die These stützen. Statistiken sind nicht unwichtig, aber du musst sie immer in der Gesamtheit sehen. Sie sind Mosaiksteine. Nehmen wir mal Spiel Leverkusen gegen Dortmund, da ging es um die Frage, was Dominanz ist.

Wie definieren Sie Dominanz?

Schubert Es gibt verschiedene Sichtweisen und ich verstehe beide. Thomas Tuchel kann ich nachvollziehen, der sich beschwert, wenn der BVB 70 Prozent Ballbesitz hat und Leverkusen als fußballerisch besser dargestellt wird. Dortmund lässt wenig zu, der Gegner hat kaum ein Aufbauspiel und spielt viele lange Bälle. Die Leverkusener konnten auch behaupten, dass sie dominant waren, weil sie Dortmund eine andere Spielweise aufgezwungen haben, mit viel Ballbesitz in der eigenen Hälfte.

Wie sieht das bei Mannschaften wie Bayern oder Barcelona aus?

Schubert Die sind dominant, weil sie immer den Ball haben. Dabei findet dann auch die Erholung statt. Die lassen einfach die Kugel laufen und haben ein unglaubliches Positionsspiel. Man hat das ja bei uns gesehen: Wir haben Barca zu einer Laufleistung gezwungen, die sie nicht oft zeigen, weil sie richtig arbeiten mussten. Wir haben das sehr gut gemacht in der ersten Hälfte, hatten gute Kontersituationen, weil wir blitzschnell umgeschaltet haben. Der nächste Schritt wäre dann gewesen, öfter mal abzubrechen, um wieder eigenen Ballbesitz zu haben. Das mag eine Mannschaft wie Barca auch nicht, wenn sie selbst dem Ball hinterherlaufen muss.

Dem Gegner das eigene Spiel aufzudrücken, ist also eine große Qualität. Das gelingt großen Teams wie den Bayern, aber auch solchen wie Ingolstadt in der vergangenen Saison, die so über sich hinauswachsen.

Schubert An unserem Heimspiel gegen Ingolstadt hat man gesehen, wie die Erwartungshaltung gestiegen ist bei uns. Wir hatten 60 Prozent Ballbesitz, waren klar überlegen, Ingolstadt hatte eine Torchance in der ersten Minute und dann nichts mehr. Wir selbst hatten fünf fast hundertprozentige Chancen. Und dann heißt es nachher, wir hätten uns schwer getan. Das kann ich nicht nachvollziehen. Dass das nicht attraktiv ist, liegt natürlich auch am Gegner, weil er viel presst und du öfter einen langen Ball spielen musst. Das zeigt letztlich aber auch: Man traut uns viel zu, und das müssen wir am besten jedes Wochenende bestätigen.

Für einen Trainer ist es demnach wohl leichter, weiter unten einzusteigen als bei einem Verein, der zwar gerade Letzter ist, zuvor aber die beste Saison seit fast 30 Jahren gespielt hat. Ist da überhaupt noch Luft nach oben?

Schubert Wir entwickeln uns immer weiter. Man darf nicht vergessen, dass wir einige sehr gute Spieler verloren haben. In Granit Xhaka und Havard Nordtveit waren das zwei absolute Führungskräfte und Stammspieler. Die Spieler, die wir jetzt gekauft haben, werden ja nicht oben drauf gepackt, sondern es geht erstmal einen Tick zurück und du musst wieder neu aufbauen. Wir sind einer der wenigen Vereine in der Bundesliga, die einen Transferüberschuss erwirtschaftet haben in diesem Jahr. Die anderen haben exorbitant viel Geld ausgegeben und an Qualität dazugewonnen. Wir machen das mit vielen jungen Spielern. Es ist schon ein Unterschied, ob ich irgendwo einen 18-Jährigen für 20 Millionen Euro kaufe oder ob ich einen Nico Elvedi hole, den kein Mensch kannte. Trotzdem macht er das auf einem sehr hohen Niveau richtig gut.

Sind die hohen Erwartungen teilweise der Fluch der guten Tat?

Schubert Klar. Wir haben phasenweise sehr guten Fußball gespielt und gezeigt, dass wir auch absolute Topmannschaften ärgern können, wenn alles passt. Aber wir sind natürlich noch nicht so stabil wie Bayern oder Dortmund. Wir können das schon gut einschätzen. Nochmal: Die Fans trauen uns eben viel zu. Und daran müssen wir uns messen lassen.

In den kommenden Wochen stehen wichtige Aufgaben in der Bundesliga an, die beiden Spiele gegen Celtic Glasgow in der Champions League, im DFB-Pokal geht es gegen den VfB Stuttgart weiter. Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie nur von Spiel zu Spiel schauen.

Schubert Doch, es ist tatsächlich so. Ich habe mir wirklich nichts von Barca angesehen, bevor das Spiel gegen Ingolstadt vorbei war. Nach dem Abpfiff schauen wir erst, was wir gut und was wir schlecht gemacht haben, analysieren das zu Ende. Dann geht es weiter. Aber ich kalkuliere natürlich schon ein, dass wir wieder sieben Spiele in 21 Tagen haben werden. Da musst du drauf achten, wenn es um die Regeneration geht. Wir werden nicht mit derselben Elf durchspielen. Du musst dir Gedanken machen, in welchem Spiel du wie rotieren kannst. Da blicke ich schon mal über ein Spiel hinaus.

Wie zufrieden sind sie denn bislang mit der Entwicklung in dieser Saison? Sie haben zum Beispiel den Mannschaftsrat neu strukturiert.

Schubert Es ist wichtig, dass wir eine stabile Mannschaft haben. Dass die Jungs auch Verantwortung übernehmen. Man kann aber nicht den Schalter umlegen und sagen: Du bist jetzt eine Persönlichkeit. Es ist wichtig, dass Spieler vorangehen und es eine ordnende Hand gibt. Das gilt besonders für Spiele wie auf Schalke, dass da jemand das Tempo rausnimmt, man kurz durchschnauft und dann wieder angreift.

So einer wie Martin Stranzl.

Schubert Das muss man gar nicht an einzelnen Personen festmachen. Aber Martin hat da zweifellos eine große Bedeutung gehabt als Typ. Nur ist er nicht mehr da. Also müssen die, die da sind, das jetzt lernen. Das geht nicht von heute auf morgen. Lucien Favre hat ja auch immer eingefordert. Er hat immer gesagt, dass es sieben, acht Monate dauert, bis sich eine Mannschaft nach einem kleinen Umbruch wieder gefunden hat. Wir machen das hier in einem sehr hohen Tempo.

Was ist eine realistische Zielsetzung? 52, 55, 57 Punkte?

Schubert Du kannst Ergebnisse in der Bundesliga nicht einplanen. Mal holst du einen Sieg, mit dem du gar nicht unbedingt gerechnet hättest. Dann verlierst du aber ein Spiel, in dem du klar besser warst. Der Verein hat gewisse Ziele vorgegeben. Und Max Eberl weist zu Recht immer darauf hin, dass man alles an unseren Möglichkeiten messen muss.

Vor allem garantieren 55 Punkte wie in der vergangenen Saison keine bestimmte Platzierung.

Schubert Klar. Generell gilt, dass wir besser werden wollen. Da ist natürlich die Auswärtsbilanz ein Ansatzpunkt. Ich traue der Mannschaft immer viel zu und sage: Lasst uns das spielen wie zu Hause. Aber wenn wir uns nicht mit Punkten belohnen, müssen wir es einen Tick anders machen. Wäre es besser, wenn wir zu Hause zweimal verloren und auswärts zweimal gewonnen hätten?

Manchmal hat man das Gefühl, für die Wahrnehmung wäre es besser.

Schubert Dann hätten wir die gleichen Punkte, aber es wäre ausgewogen, klar. Das ist irgendwie so ein deutsches Ding, dass immer Ausgewogenheit herrschen muss.

Sie müsste das noch in den Wahnsinn treiben als Typ, der das eher nüchtern angeht.

Schubert So nüchtern wäre ich gerne mal nach dem Spiel auf Schalke gewesen. (lacht) Ich bin dann auch emotional und jeder kann sich sicher sein, dass ich mich über die Niederlage am meisten geärgert habe. Die ganze Nacht danach habe ich Video geguckt, rauf und runter, habe mir Gedanken gemacht, was ich hätte anders machen können. Im Nachhinein muss man sich das immer vorwerfen lassen, wenn etwas nicht geklappt hat. Dafür heben sie dich auf ein Podest, wenn es funktioniert. Damit müssen wir leben.

Aber ist es nicht gerade authentisch, in diesen Situationen emotional zu sein? Auch das war nach dem Spiel Dortmund gegen Leverkusen ein Teil der Debatte.

Schubert Dafür sind die Medien natürlich auch mitverantwortlich, wobei ich da niemandem einen Vorwurf mache. Der Fußball lebt von den Emotionen. Die werden aufgebaut, und vor allen Dingen funktioniert das über Reibungen. Da werden zwei durchschnittliche Aussagen in unterschiedliche Extreme verkehrt und alles knallt gegeneinander.

Ihre Beratungsagentur hat viele Trainer unter Vertrag: Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann, Michael Frontzeck. Hilft es, sich mit Kollegen auszutauschen?

Schubert Das kann schon helfen, wenn Kollegen offen über Fehler reden, die sie gemacht haben, und wenn man selbst offen über die eigenen Fehler spricht. Es ist menschlich, dass wir uns nicht von allem freimachen können.

Was für Erkenntnisse haben Sie konkret daraus gezogen?

Schubert Ich versuche, wenig Zeitung zu lesen. Früher dachte ich immer, alle wollen mir etwas Böses. Heute weiß ich, dass das Geschäft ist und wir alle davon profitieren. Nicht alles lässt dich kalt, aber es gehört zu dem Job, gewisse Sachen hinzunehmen und auch Prügel einzustecken.

Sind der öffentliche und der private André Schubert zwei ganz andere Personen?

Schubert Früher habe ich mir schon deutlich mehr Gedanken darüber gemacht. Es gab die Diskussionen über meinen Perfektionismus und darüber, dass ich nie einen Fehler machen wollte. Da überlegst du dir schon zehnmal, was du sagst. Von Jürgen Klopp kann man in der Hinsicht viel lernen, nämlich so zu sein, wie man ist. Auf Schalke zum Beispiel war ich angefressen. Aber es kann schon mal sein, dass man eine Minute nach dem Abpfiff nicht alles nüchtern und sachlich einordnet, sondern ein paar Stunden dafür braucht. Ich bin auch kein Roboter und arbeite daran, dass ich da cooler reagiere.

Hans Meyer ist durch patzige Interviews als Trainer Kult geworden.

Schubert Es hängt immer mit dem Status der Leute zusammen. Wenn du gewisse Dinge geleistet hast, dann wird es dir verziehen oder gar als kultig gesehen. Ein anderer Trainer, der das Gleiche sagt, wird vielleicht als dünnhäutig und kritikunfähig bezeichnet. Oder nehmen wir einen Rudi Völler, dem das man seine emotionalen Reaktionen oft nachsieht. Aber das hat sich einer wie er erarbeitet.

Also kann man nicht nur bei der jungen Mannschaft, sondern auch bei Ihnen von ganz natürlichen Lerneffekten ausgehen?

Schubert Ich weiß, dass es keinen Sinn macht, wahnsinnigen Aufwand zu betreiben, um die Erwartungshaltung im Umfeld zu senken. Das muss man nehmen, wie es ist. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können, und alles andere mit einer wachsenden Gelassenheit hinnehmen.

Ihr Vertrag ist kürzlich bis 2019 verlängert worden. Werten Sie das in erster Linie als Beleg Ihrer guten Arbeit?

Schubert Wir haben uns hingesetzt und uns vergewissert, dass wir einen gemeinsamen Weg haben. Wir sind nicht nur mit der Anzahl unserer Punkte sehr zufrieden, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir sie holen. Dass es mal Phasen gibt, in denen es nicht so gut läuft, ist normal. Es gibt noch viele Dinge, die wir zusammen bewegen können. Unsere Ziele sind identisch und mit der sportlichen Leitung komme ich super klar. Es macht Spaß zusammen, also versuchen wir das länger. Das wollten wir auch nach außen dokumentieren. Aber letztlich ist selbst so eine Vertragsverlängerung im Fußball ja keine Garantie.

Es gilt weiterhin ihr philosophischer Spruch aus dem vergangenen Jahr: "Wir sind alle Interimstrainer"?

Schubert Ich freue mich ja, wenn so ein Spruch zum Nachdenken anregt. Gibt es einen Vertrag nur bis zum Saisonende, wird das oft als mangelndes Vertrauen gewertet. Aber letztlich hilft dir ein langfristiger Vertrag im Zweifelsfall auch nicht, wenn der Verein unter Druck gerät oder eine schwierige Stimmung entsteht. Die Zeiten sind schnelllebiger geworden. Komischerweise ist langfristig dort mehr Erfolg, wo nicht so auf kurzfristige Entwicklungen reagiert wird. Wie in Bayern, Dortmund oder Leverkusen.

Und in Gladbach.

Schubert Genau, Lucien Favre wäre nicht entlassen worden, wenn er nicht von alleine gegangen wäre. Man hat zu ihm gestanden. Ich habe das intern mitbekommen als U23-Trainer in der Zeit, dass ihm gesagt wurde: Selbst wenn du noch zweimal verlierst, stehen wir zu dir, es wird wieder besser werden.

Das Wissen um diese Konstanz im Verein müsste Ihnen doch ein gutes Gefühl geben.

Schubert Es ist immer gut, zu wissen, dass ein Verein mit einer gewissen Ruhe und Souveränität schwierige Situationen übersteht. Dieses Vertrauen habe ich auch gespürt, als ich nach dem fünften Spieltag vergangene Saison übernommen habe. Nach außen sah es so aus, dass wir uns sehr viel Zeit gelassen haben. Aber intern hatten wir eben klar abgemacht, dass wir uns das erstmal anschauen, und wir hatten auch gar keine Möglichkeit, viel darüber zu reden, weil wir ständig Spiele hatten. So etwas wird dann schnell als Zweifel ausgelegt, aber es hat überhaupt niemand gezweifelt.

Sie hatten nach Ihrer Entlassung beim FC St. Pauli drei Jahre nicht im Profifußball gearbeitet.

Schubert Ich musste für mich auch erstmal herausfinden, wie ich unter Druck funktioniere. Es sind Dinge passiert, die für mich nicht so schön waren. Daraus musste ich viel lernen. Der Fußball ist mir sehr wichtig und ein bedeutender Teil meines Lebens. Mir macht dieser Beruf wahnsinnig viel Spaß, aber ich muss ihn nicht unbedingt auf der ganz großen Bühne machen. Ich musste viel einstecken, das hat auch wehgetan. Da sitzt du dann, verdrückst das eine oder andere Tränchen und fragst dich: Was habe ich gemacht? War das so schlimm? Das musst du in Ruhe und selbstkritisch analysieren. Deshalb brauchte ich etwas Zeit, um herauszufinden, ob ich einen Job in der Bundesliga will.

Woran haben Sie das festgemacht?

Schubert Wir wollen alle glücklich sein im Leben. Ich möchte, dass es mir und den Menschen in meinem Umfeld gut geht. Und ich möchte nicht, dass es mir drei, vier Tage schlecht geht, wenn wir verlieren. Deshalb musste ich ausloten, ob ich mit bestimmten Erwartungshaltungen umgehen kann. Mein Berater fragte mich dann, ob ich mich wohl fühle, ob ich das machen will. Ich kann sagen, dass ich mich superwohl fühle bei Borussia Mönchengladbach und mit den Menschen, die hier arbeiten. Von der Mannschaft bekomme ich unfassbar viel zurück. Ich genieße das sehr, dass das Menschliche so passt.

Und mit dem Druck von außen müssen Sie irgendwie umgehen.

Schubert Ich habe gemerkt, dass ich trotzdem glücklich sein kann. Es gibt immer mal Menschen im Leben, die mögen einen vielleicht nicht so. Wenn du verlierst, kommt es raus. Damit muss ich leben und mich mit Kritik auseinandersetzen, manchmal auch noch besser damit umgehen. Aber daran arbeite ich.

Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz führten das Gespräch.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Borussia Mönchengladbach: "Früher dachte ich, alle wollen mir etwas Böses"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.