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Borussia Mönchengladbach
Gefahr im Verzug

Einzelkritik: Elvedi völlig von der Rolle
Einzelkritik: Elvedi völlig von der Rolle FOTO: Dirk Päffgen
Berlin. Der Abend in Berlin war kalt und ungemütlich. Das passte zu Borussias Situation. Es ist Herbst in Gladbach, Borussia hat den Blues. Positive Botschaften aus der Hauptstadt? Fehlanzeige! Das 0:3 bei Hertha BSC war einfach nur deprimierend. Patrick Herrmanns Verletzung setzt dem Ganzen die Krone auf. Von Karsten Kellermann, Berlin

Der Frustfaktor des Hertha-Spiels ist in etwa so hoch wie in der vergangenen Saison beim 0:3 gegen den Hamburger SV, bei dem sportlich ebenfalls alles schief ging und sich zudem Martin Stranzl schwer verletzte.

Fassen wir die Faktenlage zusammen: Nach dem gelungenen Start in die Saison mit zehn Punkten aus den ersten fünf Bundesligaspielen, der Qualifikation für die Champions League und dem Sieg in der ersten Pokalrunde geht der Trend nach unten. Borussia hatte drei Ziele für die eben abgelaufene Periode zwischen den beiden Länderspielpausen. Erstens: In der Liga auf Kurs bleiben – das hat definitiv nicht geklappt. Zweitens: In der Champions League mit den Spielen gegen Celtic Glasgow klare Verhältnisse schaffen in Sachen Überwintern in Europa – das hat nur ansatzweise geklappt. Nur im Pokal ist ein Haken dran gemacht worden. Somit wurde nur eines von drei Zielen erreicht. Das ist dünn.

Bundesliga ist das Hauptproblem

Das Hauptproblem ist die Situation in der Bundesliga. "Wir hinken da etwas hinterher", sagt Kapitän Lars Stindl. Zwei Punkte brachten die vergangenen fünf Spiele. Das macht in der Summe zwölf Zähler, also 1,2 im Schnitt. Das ist bestenfalls eine mittelmäßige Bilanz, doch genau genommen ist Gefahr im Verzug – und auf die hat Sportdirektor Max Eberl eindeutig hingewiesen: "Es ist eine Situation, in der wir sehr aufpassen müssen. Wir müssen dringend punkten, ich möchte nicht noch weiter abrutschen." Eine klare Ansage. Den Fehleranalysen müssen nun Lösungen folgen und Worten wieder Taten: Siege müssen her.

Vor allem der Tor-Trend in der Liga ist alarmierend: Gab es in den ersten fünf Partien noch zwei Treffer im Schnitt, liegt dieser in den vergangenen fünf Spielen bei null! Mehr als fünf Spiele ohne Treffer, insgesamt 464 Minuten, so etwas gab es zuletzt in der Hinrunde der Saison 1996/97 – da blieb Gladbach auswärts während des gesamten ersten Saisonteils ohne Torerfolg. Das besiegelte damals das Ende der Ära Bernd Krauss. Sicherlich: Es waren jetzt wichtige Offensivspieler verletzt (Raffael, Hazard, Traoré), doch hätten es auch die verbliebenen Männer richten können, es gab reichlich Gelegenheiten zu treffen, unter anderem die zwei Elfmeter gegen den HSV. Warum der Ball nicht über die Linie geht, ist kaum zu erklären – Unvermögen, fehlende Entschlossenheit, Pech, was auch immer. Was zählt, ist die Mangelbilanz, und die ist frappierend.

Auswärtsschwäche bleibt Borussia treu

Hinzu kommt die anhaltende Auswärtsschwäche. Null Punkte und 0:9 Tore gab es in den letzten drei Partien in der Fremde, das ist allzu deutlich. Dabei wollten die Borussen in Berlin die daheim gegen Hamburg und Frankfurt verlorenen Punkte zurückerobern und zugleich einen der aufstrebenden Klubs der Liga, die allesamt Borussia als Vorbild bezeichnen, in die Schranken weisen – das Vorhaben ging gründlich daneben. Derzeit steht ein gewonnener Auswärtspunkt vier verlorenen Heimpunkten gegenüber – da gibt es dringenden Nachholbedarf.

Die Gegentor-Bilanz ist auch gestiegen im Vergleich zur ersten Saisonperiode, von 1,2 auf 1,8. Das befeuert sicherlich die latenten Debatten um den Defensiv-Ansatz von André Schubert. Ist die große taktische und personelle Offenheit ein Problem? Das ist modern, aber fehlt so vielleicht ein Sicherheits-System, auf das sich das Team zurückziehen kann, wenn es nicht läuft? Wenn Borussias Spiel funktioniert, ist es toll. Aber warum funktioniert es nicht mehr wie vorher? Das Hautproblem ist: Borussia bekommt derzeit in zu vielen Bereich zu wenig auf die Kette. Es gibt zu viele Fehler, vorn wie hinten. Und immer wieder andere. Zudem geht phasenweise die Struktur verloren. So war es bei Schalke 04 und auch nun in Berlin. "Wir müssen die Basics wieder bringen, als Team zusammenrücken", sagt Eberl. Es ist wie es seit Jahren ist: Borussia kann nur erfolgreich sein, wenn alles zu 100 Prozent passt und sie als Mannschaft funktioniert.

Borussia muss jetzt liefern

Schubert hat in Berlin die Ziele formuliert für die nächste Periode, die mit dem Derby gegen Köln in zwei Wochen beginnt. Erstens: "Wir wollen in Europa überwintern." Zweitens: "Wir wollen in der Bundesliga eine kleine Serie starten, um uns wieder an die Plätze ranzurobben, die wir im Auge haben." An diesen Vorgaben wird seine Borussia in der Schlussphase der Hinrunde zu messen sein. Schubert sagt auch: "Wenn alle im Vollbesitz ihrer Kräfte sind und wir alle Spieler an Bord haben, können wir jeden Gegner besiegen." Vermutlich werden, bis auf den armen Herrmann und die Langzeitverletzten Alvaro Dominguez, Josip Drmic und Mamadou Doucouré nach der Länderspielpause nahezu alle Mann wieder an Bord sein.

Dann gibt es kein Vertun: Der Trainer und die Mannschaft müssen liefern und den Trend zum Guten wenden. Ohne Wenn und Aber. Das Derby wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Mit einem Sieg kann viel gut gemacht werden. Das genaue Gegenteil wäre bei einer Niederlage der Fall. Es würde noch kälter und ungemütlicher werden, als es am Freitag in Berlin war. Borussia darf den Blues nicht zur Depression auswachsen lassen.

 
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