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Borussia Mönchengladbach
Geschichte geschrieben in Grün

Fotos: Borussen bedanken sich bei 4000 Fans in Turin
Fotos: Borussen bedanken sich bei 4000 Fans in Turin FOTO: dpa, lus jai
Das Schwarz-Weiß-Faible von Juventus Turin hat die Borussia am Mittwoch in grüne Trikots gezwungen. Immerhin gelang trotz ungewohnter Kleidung der erste Punktgewinn in der Champions League. Kurz- und mittelfristig ist der VfL damit ein gutes Stück weiter gekommen. Von Jannik Sorgatz

1. Die Schüsse der Anderen Nicht nur der Dresscode von Andre Schubert unterscheidet sich in der Bundesliga und in der Champions League gewaltig. Auch die Torschussbilanzen ähneln sich in etwa so sehr wie der grüne Pullover und das schwarze Sakko. 14 Torschüsse fabrizierte die Borussia durchschnittlich in den Spielen gegen Augsburg, Stuttgart, Wolfsburg und Frankfurt, knapp mehr als die Gegner. Gegen Manchester und Turin lag Gladbachs Ausbeute sogar unter dem Favre-Niveau aus Krisentagen. Bei insgesamt 47 gegnerischen Torschüssen ist es bemerkenswert, dass die "Elf vom Niederrhein" unter Schubert immer noch aus dem Spiel heraus unbezwungen ist.

2. Schimpfwort-Crashkurs auf den Rängen Paul Pogba, Turins gerne mal als kommender Weltfußballer der Post-Messi-Ronaldo-Ära gehandelter Franzose, gab am Mittwoch alleine zehn Torschüsse ab. Davon musste Yann Sommer nur zwei entschärfen und nur einer kam von innerhalb des Strafraums. Obwohl Pogba damit der auffälligste Juve-Spieler war, bot das Publikum einen Schimpfwort-Crashkurs und ein Gestik-Seminar auf Italienisch. Die Ansprüche im Piemont sind hoch. Dann wurde der 22-Jährige auch noch böse von Raffael düpiert, der ihm bei einem aussichtsreichen Konter elegant den Ball vom Fuß spitzelte. Wobei es viel über das Spiel verrät, dass dies Raffaels beste Szene war.

Fotos: Dominguez kommt nach Patzer mit Gelb davon FOTO: afp, MLM

3. Xhaka erkennt Fortschritte Für Schubert "hat die Mannschaft mit dem Punktgewinn Geschichte geschrieben". Etwas dezenter kann man die Tragweite dieses Unentschieden auch einordnen, aber zunächst einmal ist die "Die holen keinen Punkt in der Gruppe"-Fraktion zum Schweigen gebracht worden. "Letztes Jahr in der Europa League haben wir gegen Sevilla dumm verloren, aber man wird natürlich immer erfahrener und immer cleverer", erkannte Granit Xhaka Fortschritte. "Dann nimmt man wie heute auch mal einen Punkt mit."

4. Alles ist möglich Wenn man das so sieht, hat sich die Borussia in nur drei Wochen weiterentwickelt. Gegen Manchester City spielte sie 60 Minuten furios, dann gingen ihr in den letzten 30 die Kräfte aus – am Ende stand das Schubert-Team mit leeren Händen da. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Elfmeter-Gegentor zum Schluss im Dezember noch einmal kräftig beweint werden könnte. Mit einem Remis gegen City hätte Gladbach jetzt zwei Punkte, Sevilla drei und die Engländer vier. Es folgen im November die beiden Heimspiele gegen Juve und Sevilla – bei zwei Siegen hätte die Borussia das Weiterkommen am letzten Spiel in Manchester auf jeden Fall in der eigenen Hand. Das mag unwahrscheinlich sein, aber keinesfalls utopisch.

5. Schon wieder Geld verschwunden? Bei Unentschieden in der Champions League spart die Uefa erst einmal Geld. 500.000 Euro erhalten beide Mannschaften, aber wohin geht der Rest? Ein Sieger bekäme 1,5 Millionen. So oder so steht die Borussia damit bei Einnahmen von 12,5 Millionen Euro in der Gruppenphase alleine durch Prämien. Rechnet man den Umsatz bei den drei Heimspielen hinzu, ist die 20-Millionen-Marke wohl schon erreicht. In Turin sind sie da sehr genau und geben ihre Einnahmen aus dem Ticketverkauf zusammen mit der Zuschauerzahl an: Genau 1.616.174 Euro gingen in die Juve-Kasse.

6. Würdiger Rahmen Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach ihrem ersten Duell trafen Juventus und Borussia wieder aufeinander. 2:0 hieß es damals für Gladbach im Achtelfinal-Hinspiel der Europapokals der Landesmeister. Zwei Wochen später gab es ein 2:2 im Stadio Comunale, aus dem für die Winterspiele 2006 das Stadio Olimpico wurde. Im Delle Alpi, das die meisten mit dem italienischen Rekordmeister in Verbindung bringen werden, spielte Juve nur von 1990 bis 2006. Länger brachte es die überdimensionierte und mangelhafte Arena nicht. Jetzt wird an gleicher Stelle im Juventus Stadium gespielt, der moderne englische Name täuscht nicht:

7. Stagnation im Netz Die Facebook-Gruppe "10.000 Stimmen dafür, dass Andrè Schubert Cheftrainer Bleibt!" (sic!), die merkwürdigerweise als Veranstaltung angelegt ist, nähert sich der angepeilten Marke nur langsam. Seit dem Juve-Spiel sind 6000 User der Meinung, dass Schubert mehr als "The Interims-One" ist. Egal, auf welcher Seite man steht, witzig ist auf jeden Fall diese Hommage an Jose Mourinho und Jürgen Klopp angesichts Schuberts makelloser Bundesliga-Bilanz:

 

8. Wann wird rotiert? "Wir haben jetzt die Stabilität in der Mannschaft, aber es kommen viele, viele Spiele und jeder wird seine Chance bekommen." Das sagt nicht Schubert, sondern sein Abwehrchef Dominguez. Er ist einer der wenigen Borussen, die bislang in Wechselspiele des Interimstrainers involviert waren, nachdem der gleich bei seiner Premiere gegen Augsburg eine funktionierende Elf gefunden hatte. Gegen Stuttgart durfte einmal Havard Nordtveit für Dominguez ran, gegen Manchester kehrte der Spanier zurück. Dann ersetzte Ibrahima Traoré gegen Wolfsburg Patrick Herrmann, Tobias Sippel war für ein Spiel Yann Sommers Vertreter. Das war's. Nach dem lockeren Geschehen am Donnerstag, einem freien Freitag und dem nicht-öffentlichen Training am Samstag kommt am Sonntag Schalke in den Borussia-Park. Schwindende Kräfte sollten Schubert nicht zur Rotation zwingen. Es könnte weiterhin heißen: "Don't change a non-losing team too much."

9. "Schneematsch" Der 11Freunde-Liveticker fällte ein vernichtendes Urteil über die grünen Trikots des VfL, deren Designer auch für "die neue Müllhalde von Erkenschwick-West", "graue Regentage im Herbst" und "Schneematsch" verantwortlich sei. Tatsächlich mutete es etwas kurios an, dass Gladbach aufgrund des Turiner Schwarz-Weiß-Faibles in Trikots spielen musste, die im Fanshop bereits stark reduziert angeboten werden. Kein Wunder, schließlich trug der VfL sie vorher in genau zwei Pflichtspielen: Beim 3:2 in Sarajevo und beim 0:0 in Freiburg vergangene Saison.

10. Nicht immer legendär Beim zwölften Mal in drei Jahren wird etwas Routine spürbar. 2012 war Kiew für die Borussia-Fans ein Abenteuer, verbunden mit der Rückkehr in den Europapokal nach langer Abstinenz. Limassol war die leibhaftige "Woche Sandstrand". Auch Marseille hatte Strand zu bieten und 4000 Anhänger, die im Stadion einen "Vau-Eff-Ell"-Wechselgesang anstimmten. Über allem wird Rom mit der Spanischen Treppe thronen, solange die Borussia kein Endspiel erreicht. Gerade in der Champions League sind die Ticketquellen limitiert, für knappe 4000 Borussen hieß es trotzdem: "Alle Wege führen nach Turin." In der Fiat-Stadt waren sie präsent, verteilten sich aber auf viele Pubs, Parks und Plätze, so dass es nicht so richtig knisterte von der Atmosphäre her. Zur Legendenbildung hätte dann das Spiel noch etwas mehr beitragen müssen.

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