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Borussia Mönchengladbach
Abschied vom Angstgegner und Xhaka als Chirurg

Borussia Mönchengladbach: Granit Xhaka mit Pässen wie ein Chirurg
Granit Xhaka hat gegen die TSG Hoffenheim wieder den Ton angegeben. FOTO: dpa, mb fpt
Mönchengladbach. Die Borussia bleibt dank ihrer Heimstärke eine Torfabrik. Mehr als 60 Treffer in einer Saison gelangen zuletzt vor 21 Jahren. Gegen Hoffenheim spielte Granit Xhakas Rückkehr eine große Rolle.  Von Jannik Sorgatz

1. Lieblings- statt Angstgegner Falls da draußen jemand eine Mischung aus Medienwissenschaften und Psychologie studiert, sei eine Abschlussarbeit über das Wort "Angstgegner" in der Fußball-Berichterstattung empfohlen. "Werder Bremen empfängt den Angstgegner", hieß es am 27. August 2015 auf "bundesliga.de". "Nun kommt Angstgegner Werder", schrieb die "Frankfurter Rundschau" am 4. Februar 2016. Beide Male war nicht nur Bremen involviert, sondern auch die Borussia, beide Male gewann die Mannschaft, der Angst diktiert worden war. Bis vor einiger Zeit fürchtete sich Gladbach gehörig vor der TSG Hoffenheim. 2011 gelang im achten Duell der erste Sieg, drei der insgesamt fünf gab es ab November 2014 zu bejubeln. Länger ohne Niederlage ist die Borussia nur gegen den VfB Stuttgart. 

2. Zwischen den Welten Die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen erreicht bei der Borussia mittlerweile rekordverdächtige Sphären. Beide Bilanzen sind für sich beeindruckend. Sechs Heimsiege in Folge – mehr gelangen Gladbach in 48 Bundesligajahren erst zehnmal. Neun Auswärtsspiele in Folge ohne Sieg – mehr waren es erst neunmal. Die Kombination ist einzigartig. Wenn Nico Elvedi nicht sein fataler Fehlpass unterlaufen wäre, hätte die Borussia sogar einen Vereinsrekord aufstellen können. Fünf Heimsiege hintereinander ohne Gegentor hat sie noch nie geschafft.

3. Pädagogisch wertvolles Patzen Und was sagte André Schubert über den Bock des Schweizer Youngsters? Der Trainer sprach von einem "super Fehler", wofür es eine relativ einleuchtende Erklärung gab. Schubert fand den Pass in die Füße von Andrej Kramaric pädagogisch und psychologisch wertvoll, "weil er nicht mit einem Punktverlust bestraft wurde. Für uns war es ein wichiges Zeichen, dass wir immer konzentriert und wach sein müssen." Stattdessen drückte die Borussia sofort auf das 3:1, bevor irgendjemandem klar wurde, dass das Hoffenheimer Tor der erste klassische Anschlusstreffer seit dem Spiel in Stuttgart Ende September war. Eine Zwei-Tore-Führung reichte Gladbach zum 20. Mal in Folge zum Sieg. Die letzte wurde im März 2015 in Mainz vergeigt.

4. Entscheidende Zentimeter Hoffenheims Coach Julian Nagelsmann beschwerte sich nur über das zweite Tor, das aus seiner Sicht nicht hätte zählen dürfen. Dass Gladbach verdient gewonnen hatte, wollte er deshalb aber nicht anzweifeln. Vermutlich hätte auch die Information, dass streng genommen alle drei Treffer der Borussia irregulär waren, nichts daran geändert. Zugegeben: Ohne Standbild und Lupe sind die beiden Abseitsstellungen von Oscar Wendt und André Hahn auch kaum zu erkennen.

5. Der Heim-Dahoud Offensive Sechser werden im Fußball-Lexikon gemeinhin als Achter geführt. Mo Dahoud arbeitet in seiner ersten kompletten Saison fleißig an einem eigenem Eintrag. Neben seiner Laufstärke (12,63 Kilometer gegen Hoffenheim) besticht der 20-Jährige durch Torgefahr, die nur deutlich offensiver aufgestellte Spieler übertreffen. Mit fünf Toren und neun Vorlagen ist Dahoud 18. der Scorerliste, der nächste vergleichbare Typ ist Arturo Vidal auf dem 34. Platz mit vier Toren und sieben Vorlagen. Am Sonntag zeigte Dahoud mal wieder sein Heimgesicht. Noch ist unklar, ob er die Borussia in guten Spielen antreibt oder sich an schlechten Tagen regelmäßig nach unten ziehen lässt. Eine Antwort auf diese Frage wäre doch ein schönes Ziel für Dahouds zweite Saison, die er – glaubt man Sportdirektor Max Eberl – trotz aller externer Begierde in Gladbach verbringen wird.

6. Xhaka ist "glücklich" Während bei Dahoud noch unklar ist, wer da wen mitreißt, herrscht bei Granit Xhaka nicht erst seit Sonntag Klarheit. Ein Führungsspieler ist der Schweizer spätestens geworden, als Schubert ihm im September die Kapitänsbinde gab. Bei seiner Rückkehr leitete Xhaka die ersten beiden Tore ein, das erste mit einem chirurgisch-schönen Pass hinter die Hoffenheimer Abwehr und das zweite mit einem feinen Zuspiel per Außenrist. Wie wichtig er für die Borussia ist, zeigt alleine die Bilanz der sieben Spiele, in denen die Mannschaft ohne Xhaka auskommen musste: fünf Niederlagen, zwei Siege, 8:14 Tore. So einen Spieler könnte der Verein in der kommenden Saison bestens gebrauchen. "Stand heute verlasse ich Gladbach nicht. Es gibt Gerüchte, aber das interessiert mich nicht. Wenn was kommt, schauen wir uns das gemeinsam an. Aber ich bin sehr glücklich hier und habe Vertrag bis 2019."

7. 60 Tore in 26 Spielen Unter Lucien Favre war es immer ein Indiz für Borussias wiedererlangte Stärke, wenn Marken aus der Mitte der 90er-Jahre erreicht wurden, zum Beispiel die erste Europacup-Qualifikation seit 1996 oder zum ersten Mal mehr als 50 Punkte seit jenem Jahr. Noch beeindruckender war es, wenn Erfolge aus den 80ern wiederholt wurden, zum Beispiel 2015 mit dem ersten dritten Platz seit 1987. André Schubert hängt in einer Hinsicht noch zwischen den Jahrzehnten fest. Mit 62 Toren, 60 davon in den 26 Spielen unter seiner Leistung, hat die Borussia erstmals seit 1995 diese Schallmauer durchbrochen. Damals waren es 66 Tore, die Gladbach bis zum Saisonende noch übertreffen könnte. 67 Tore wären die beste Ausbeute seit 1987, der Rekord stammt von 1974, als die "Fohlen" satte 93-mal trafen.

8. Mitarbeiter des Monats Max Kruse schoss 2013 den SC Freiburg mit einem Doppelpack zum Sieg. André Hahn war 2014 mit dem FC Augsburg erfolgreich und bereitete sogar zwei Tore vor, während Ibrahima Traoré (VfB Stuttgart) und Fabian Johnson (TSG Hoffenheim) jeweils einen Punkt entführten, als sie gegen ihren zukünftigen Verein spielten. Tobias Strobl sah nicht nur davon ab, gegen Gladbach etwas zu holen. Der Bald-Borusse begünstigte den Sieg sogar mit einem Ballverlust vor dem 3:1. "Insgesamt eine unglückliche Vorstellung beim zukünftigen Arbeitgeber", schrieb die "Rhein-Neckar-Zeitung".

9. Der Strich wandert nach unten Tabellen-Dienstleister haben unter der Woche in der Regel einen entspannten Job, was die Bundesliga angeht. Am vergangenen Mittwoch gegen 22.20 Uhr mussten sie allerdings eine kleine Justierung vornehmen, wegen der man sich in Berlin, Gladbach, Mainz und Leverkusen gefühlt haben dürfte wie ein Bräutigam, der nachts um halb zwei endlich die Krawatte vom Hals nehmen und sie sich um den Kopf binden kann – und auf der Tanzfläche läuft "Final Countdown" von "Europe". Für "Europe" können die genannten Teams nämlich etwas sicherer planen, seit Bayern und Dortmund ins Pokalfinale eingezogen sind – und der dritte Strich in der Tabelle eine Reihe nach unten gewandert ist, unter den Siebten der Bundesliga, der auch noch in der Europa-League-Qualifikation starten darf.

10. Plus 14 sei Dank Selten genug kommt es vor, dass man Tweets in dieser Phase der Saison mit "Einfache Rechnung" einleiten kann. Aber die sehr gute Tordifferenz der Borussia (+14) macht's möglich, weshalb wir uns kurz fassen:

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