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Borussia Mönchengladbach
Borussia hat zu häufig zwei Gesichter gezeigt

Borussia Mönchengladbach hat zu häufig zwei Gesichter gezeigt
Sechstbester Zweikämpfer der Liga, die zweitmeisten Tore aller Innenverteidiger: Jannik Vestergaard steigerte sich nach der Winterpause. FOTO: Imago, DPA (Archiv)
Mönchengladbach. In einigen Statistiken verbesserte sich Dieter Heckings Mannschaft deutlich. Zahlreiche Defizite hatten aber Bestand im Jahr 2017. Von Jannik Sorgatz

"Kann nur besser werden", titelten wir am 29. Dezember 2016. Borussia hatte das Fußballjahr auf dem 14. Tabellenplatz beendet und sich kurz vor Weihnachten von Trainer André Schubert getrennt. Zahlreiche Statistiken spiegelten die Misere wider. Gladbachs Absturz war nicht nur eine Laune des Sports, sondern es gab triftige Gründe, warum die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt nur drei Punkte vor dem Relegationsplatz lag. Im neuen Jahr ging es hoch auf den neunten Platz. Ja, es wurde besser, zum Teil erheblich, aber in einigen Bereichen eben nur ein bisschen. Wir ziehen Bilanz.

Die Auswärtsmisere Einen Punkt hatte Borussia auf fremdem Platz geholt, das unterbot nur der SV Darmstadt. Nach der Winterpause wurden es 18 Auswärtspunkte, diesmal war nur eine Mannschaft besser, Serienmeister Bayern München. So gelangen Gladbach auch endlich kleine Serien, vom 18. bis 20. Spieltag gab es zum Beispiel drei Siege in Folge. Wie ausgeglichen die Bundesliga in der Saison 2016/2017 war, verdeutlicht folgende Statistik: 15 Mannschaften schafften maximal drei Siege hintereinander, auf mehr kamen nur 1899 Hoffenheim (fünf), Bayern München (sieben) und RB Leipzig (acht).

Das Aggressivitäts-Problem Auch unter Dieter Hecking langte Borussia nicht häufiger hin, weiterhin nur die Bayern und Dortmund foulten seltener. Letztendlich ist die Aussagekraft der Statistik ohnehin begrenzt. Das gilt für zwei weitere, in denen Gladbach Spitzenwerte erreichte. Vor der Winterpause war die Mannschaft Fünfter der Zweikampf-Wertung, am Ende der Saison sogar Dritter. In Andreas Christensen (66,7 Prozent gewonnene Duelle) stellte Gladbach den besten Zweikämpfer der Liga, in Jannik Vestergaard (64,3 Prozent) den sechstbesten. Das zweikampfstärkste Innenverteidiger-Duo der Liga wird jedoch gesprengt und trifft sich erstmal nur noch bei der dänischen Nationalmannschaft.

Die Laufstatistik korreliert ebenfalls nur begrenzt mit der Tabelle, hier ist allerdings Borussias Aufholjagd bemerkenswert. Unter Schubert war sie mit 112,6 Kilometern im Schnitt noch Elfter der Liga, unter Hecking arbeitete sie sich mit 118,0 Kilometern pro Spiel auf den zweiten Platz vor. Auch die Zahl der Sprints stieg deutlich von 173 pro Partie auf 199. An Einsatz mangelte es in der Rückrunde also nicht.

Das Dominanz-Problem Für Platz fünf in der Ballbesitz-Statistik und Platz vier in Sachen Passgenauigkeit konnte sich Borussia auch nichts kaufen. Von den neun Hecking-Spielen mit mehr Ballbesitz als der Gegner gewann sie nur zwei, von den neun Spielen mit weniger Ballbesitz dagegen sechs. Vier der fünf Auswärtssiege im Jahr 2017 gelangen übrigens auf diese Weise. Nur der 3:2-Derbysieg in Köln mit 74,5 Prozent Ballbesitz war abnormal.

Es gilt also, dringend daran zu arbeiten, dass Dominanz wieder in Punkte umgemünzt wird. Trotz all der ausgelassenen Chancen im Endspurt sah es in Sachen Effizienz schon besser aus. Vor Weihnachten benötigte Borussia noch 11,7 Torschüsse für ein Tor, unter Hecking nur 7,8, was der überragenden Quote der Saison 2015/2016 (6,8) deutlich näherkam. Allerdings ließen nur Wolfsburg und Ingolstadt prozentual mehr Großchancen aus. "Mehr Konsequenz in beiden Strafräumen", forderte Hecking nach dem 34. Spieltag. Das können sich seine Spieler in der Vorbereitung auf ihre Trainings-Shirts drucken.

Die zwei Gesichter Hecking übernahm Borussia mit einer sagenhaft schlechten Bilanz in der zweiten Halbzeit. In der ersten blieb alles beim Alten: Auf 10:8 Tore folgten 10:9. Nach der Pause gab es dagegen die deutliche Steigerung, auf 5:17 Tore folgten 20:15. Vor der Winterpause verspielte Gladbach besonders zwischen der 46. und 75. Minuten Punkte. Eine Führung brachte nur in der Hälfte aller Fälle einen Sieg, unter Hecking waren es zwei Drittel. Unterm Strich wird Borussia aber nur von Wolfsburg, Hamburg und Ingolstadt überboten, was diese Form der Großzügigkeit angeht.

In sieben Spielen lag Gladbach dieses Jahr zurück, gewann noch gegen Leverkusen, spielte noch Unentschieden gegen Augsburg, glich gegen Hoffenheim einen 0:2-Rückstand zumindest zwischenzeitlich aus und drehte gegen Dortmund für ein paar Minuten ein 0:1 in ein 2:1 - die Comeback-Qualitäten sind besser geworden, könnten aber noch nachhaltiger sein.

Die Verletzten Vor der Winterpause kam der gesamte Kader auf 155 verpasste Spiele, danach bei fast gleich vielen Spielen auf ebenfalls 155. Die Verletzungsmisere war also Borussias konstantester Begleiter.

Die kaum erklärbaren Nullen Kein Jokertor, kein Kopfballtor - aus der doppelten Null der Hinserie wurden eine Drei und eine Sechs. Von der Bank könnte weiterhin mehr kommen, in der Luft gibt es aufgrund der neuen Stärke bei Standards weniger Grund zur Klage, nur zwei Kopfballtore aus dem Spiel heraus sind allerdings ausbaufähig.

Blick nach vorne Nach dem Trainerwechsel sammelte Borussia im Schnitt 1,61 Punkte. Nur Carlo Ancelotti, Ralph Hasenhüttl, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann waren in der Hinsicht erfolgreicher als Hecking. Hinter dem 52-Jährigen folgen Alexander Nouri (1,45), Peter Stöger und Pal Dardai (je 1,44). Hochgerechnet bedeutet Heckings Schnitt eine 55-Punkte-Saison, gleichzeitig ist es der Vereinsschnitt der vergangenen sechs Spielzeiten. Die Vorgabe für die kommende könnte demnach nur aus zwei Wörtern bestehen: Schnitt halten!

Quelle: RP
 
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