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Rolf Göttel zum Videobeweis
"Der Fußball hat viele Kratzer bekommen"

Borussia Mönchengladbach: Interview mit Rolf Göttel zum Videobeweis
Rolf Göttel war 30 Jahre lang Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach. FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Borussias Ex-Stadionsprecher gehörte früher zum DFB-Schiedsrichter-Ausschuss. Er spricht über das, was ihn am Videobeweis stört.

Herr Göttel, Sie waren früher sechseinhalb Jahre Mitglied des DFB-Schiedsrichterausschusses. Vor der Einführung des Videobeweises haben Sie sich gegen die Technik ausgesprochen - hat sich Ihre Einstellung nach elf Spieltagen Realtest geändert?

Göttel Nein, das hat sie nicht. Ich finde nach wie vor, dass der Fußball den Videobeweis nicht braucht. Ich muss natürlich zugeben, dass ich ein ausgesprochener Fußballromantiker und auch ein konservativer Mensch bin, der nicht viel von solch großen Veränderungen hält. Aber was man in den elf Spielen erlebt hat, ist für mich nicht nachvollziehbar. Wie es angestellt wird und wie viel Hickhack es gibt mit der Schiedsrichter-Kommission und dem mit dem DFB - es ist für mich unverständlich, dass es bei uns im deutschen Fußball so drunter und drüber gehen kann. Der Fußball hat dadurch unheimlich viele Kratzer bekommen.

Hilft die Technik den Schiedsrichtern?

Göttel Sicherlich finden das alle Schiedsrichter, die in der Liga pfeifen, nicht schlecht. Auf der anderen Seite werden die Schiedsrichter in meinen Augen unnötig unter Druck gesetzt. Sie fällen eine Entscheidung, dann kommt aus Köln das Signal, dass es doch anders war. Auch mit dem Schreiben, dass der DFB nachgeschoben hat, wurden die Schiedsrichter noch mal mehr in die Bredouille gebracht. Wichtig wäre gewesen, dass das Prozedere nach der Einführung des Videobeweises auch funktioniert und nicht nachgebessert werden muss.

Muss man nicht Geduld haben, wenn es eine so große Veränderung im Fußball gibt?

Göttel Das ist richtig. Aber ehrlich gesagt, sind wir Deutschen für solche Geduldsspiele nicht zu haben. Die Debatten, die der Videobeweis in den ersten elf Spielen entfacht hat, hätte es nach den alten Bestimmungen sicher nicht gegeben. Das zeigt mir, dass es auch ohne den Videobeweis gehen würde.

Aber wird das Spiel dadurch nicht gerechter?

Göttel Das habe ich eingesehen: Durch das Einwirken des Videoassistenten gab es schon Entscheidungen, die dann gerechter waren als vorher. Aber es gab eben auch Entscheidungen, in denen es nicht viel klarer war oder bei denen etwas falsch war. In der Summe sehe ich keine großartige Verbesserung - im Gegenteil: Die Rudelbildungen auf dem Platz haben zugenommen.

Als ehemaliger Stadionsprecher Borussias: Wie würden Sie heutzutage mit Toren der Borussia umgehen? Früher kam immer das spontane "Tor für die Borussia", wenn der Ball im Netz war. Heute wäre das manchmal zu voreilig. Siehe Borussias Spiel gegen Mainz, als das vermeintliche 2:0 der Mainzer dann doch nicht zählte.

Göttel Ich muss zugeben: Als das Tor fiel, war es für mich klar, dass es 0:2 steht. Ich in dann kurz weg gewesen von der Tribüne und als ich wiederkam, stand wieder das 0:1 auf der Anzeigetafel. Wie ich es als Stadionsprecher machen würde, weiß ich nicht. Entweder man wartet ab, bis endgültig klar ist, ob das Tor zählt. Oder man sagt den Treffer spontan an und nimmt ihn im Zweifel wieder zurück. Ich glaube, ich würde länger warten mit der Ansage als früher, damit ich mich nicht korrigieren muss. Aber egal wie man es macht: Es ist natürlich eine Emotionsbremse, weil man eben nicht weiß, ob der Videoschiedsrichter tätig wird oder nicht.

Borussias Trainer Dieter Hecking, der ein Befürworter der Technik ist, befürchtet, dass der Videobeweis totgeredet wird durch die ständigen Debatten und das Experiment kurzfristig eingestellt wird. Würde Ihnen das gefallen als Gegner der Technik?

Göttel Die Technik ist ja jetzt nun mal da. Darum wäre es falsch, wenn man zu schnell die Flinte ins Korn wirft, das würde kein gutes Licht auf den DFB werfen. Man muss es in dieser Saison durchziehen, dann einen Strich drunter machen und eine klare Bilanz ziehen. Gut wäre, wenn die Entscheidungen im Stadion transparenter gemacht würden, zum Beispiel über die Anzeigetafel. Alles in allem muss ich aber sagen: Man hätte den Videobeweis gar nicht einführen sollen.

Karsten Kellermann führte das Gespräch.

Quelle: RP
 
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