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Interview mit Stephan Schippers
"Man muss sich jeden Morgen kneifen"

Borussia Mönchengladbach: Interview mit Stephan Schippers
FOTO: Imago
Mönchengladbach. Borussias Geschäftsführer spricht über die Entwicklung seit 2004, Wassermassen, Reisen nach China und Indien, Granit Xhakas Rückkehr und eine Erlebniswelt im Borussia-Park.

Herr Schippers, 2004 sah die Bundesliga-Abschlusstabelle so aus: Bremen hatte das Double geholt, Stuttgart war Vierter und der HSV war zum x-ten Mal im Europapokal. Das kommt einem vor wie eine Ewigkeit. Bremen galt damals als das große Vorbild, auch für Gladbach. Was ist seitdem passiert?

Schippers Es ist viel passiert. Die Bundesliga hat sich in den letzten zehn Jahren wirtschaftlich sozusagen verdoppelt, Borussia hat sich in den letzten 15 Jahren verzehnfacht. Und wir haben es geschafft, mit dem Stadion den Anker unseres wirtschaftlichen Erfolgs und damit die Basis des sportlichen Erfolgs zu legen.

Das heißt: Das Stadion hat am Aufschwung Borussias den wesentlichen Anteil.

Schippers Das Stadion ist das Fundament, den Hauptanteil hat der Sport. Das Schöne ist, dass wir in der Lage sind, all das, was wir durch den Sport verdienen, wieder in den Sport investieren zu können, weil wir keine Löcher aus der Vergangenheit stopfen müssen. Wir haben stringent daran gearbeitet, unsere Struktur und unsere Infrastruktur aufzubauen. Der sportliche Erfolg ist aber der Motor.

Derzeit läuft es sportlich perfekt.

Schippers Wir freuen uns, dass wir die ersten vier Spiele gewonnen haben, ja. Das ist ein super Start. Jetzt gilt es, das Ganze weiterzutragen. Wir wissen, wie schnell es auch wieder nach unten gehen kann.

Borussia hat im vergangenen Geschäftsjahr 160 Millionen Euro Umsatz gehabt. Das ist ein Rekord. Welche Klubs sind wirtschaftlich noch stärker?

Schippers Alleine in der Bundesliga eine Menge: Bayern, Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, Schalke.

Aber daraus ergibt sich nicht zwangsläufig die sportliche Reihenfolge. Das hat Borussia in den vergangenen Jahren bewiesen.

Schippers Unser Anspruch ist es, dass wir uns in der Einstelligkeit festsetzen und da sein wollen, wenn andere schwächeln. Das, was wir die letzten Jahre sportlich gemacht haben, ist kein Selbstläufer. Wer das denkt, ist realitätsfremd. Man muss sich jeden Morgen kneifen und freuen, dass es so ist. Aber man muss auch jeden Morgen an die Arbeit gehen, damit es so bleibt. Wir dürfen alles, was wir gerade erleben, genießen. Aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Das wäre der erste Fehler.

Ab wann ist ein Klub oben etabliert? Borussia ist seit 2012 viermal im Europapokal dabei und nun zum zweiten Mal in der Champions League.

Schippers Ich will ja nicht nur der Mahner sein. Sie haben eben ja Werder Bremen erwähnt. Vor zehn Jahren war der Klub ein Vorbild für uns. Heute hat Werder Probleme - trotz aller Erfolge vorher. Etabliert sein ist kein Freifahrtschein. Wir sind in den 70ern fünfmal Deutscher Meister geworden - und wie oft in den 80ern? Und in den 90ern? Wichtig ist, dass wir unsere Bodenständigkeit behalten, dass wir viel Zeit investieren bei der Spielersuche und dass wir auf junge Spieler setzen. Sie machen in ihren Vereinen den ersten Schritt und dann bei uns den zweiten, vielleicht sogar den dritten, wenn sie noch einmal verlängern - und haben dann vielleicht den Ehrgeiz, bei einem ganz großen Verein zu spielen. Nehmen Sie das Beispiel Granit Xhaka.

Er kam 2012 für neun Millionen Euro, wurde Kapitän nach einer schwierigen Anlaufzeit und nun für 45 Millionen Euro an den FC Arsenal verkauft. Es heißt, es soll noch eine offizielle Verabschiedung geben.

Schippers Es war zunächst angedacht, dass er zum Bern-Spiel kommt. Das hat aber nicht geklappt. Dann hat Arsenal vorgeschlagen, eine Videobotschaft zu machen. Das wollte Granit aber nicht. Er will sich im Stadion persönlich bei den Fans verabschieden. Granit hat ein Rieseninteresse daran - es ist jetzt eine Terminfrage.

Sie sagten eben, dass Sie sich manchmal kneifen müssen. Wobei müssen Sie sich mehr kneifen: Dass Borussia bald wohl 20 Millionen Euro für einen Verteidiger ausgibt oder dass es im nächsten Geschäftsjahr vielleicht 200 Millionen Euro Umsatz gibt?

Schippers Von 200 Millionen Euro sind wir noch weit entfernt. Und man darf nicht Umsatz mit Rendite verwechseln. Unser Profit ist der sportliche Erfolg. Was das angeht, ist die Situation sehr gut.

So gut, dass Sie mit Topklubs wie der FC Chelsea aus London darüber verhandeln können, einen Spieler wie den Dänen Andreas Christensen zu kaufen.

Schippers Chelsea ist nach wie vor eine andere Dimension, und die Entscheidung, ob der Transfer klappt, fällt dort. Wir sind noch nicht unter den Top 20 in Europa. Und diese Schärfe im Sinn, dies richtig einzuschätzen, die Demut vor der Aufgabe, die beschert uns den Erfolg. Auch in Zukunft. Es läuft jetzt gut, weil jeder weiß, dass er dafür noch einen Schritt mehr machen muss. Und so lange diese Triebfeder da ist, macht es Spaß. Es geht da auch um Dinge, die man als Kleinigkeit ansehen würde.

Zum Beispiel?

Schippers Am Wochenende beim Leverkusen-Spiel ist im Stadion das Wasser ausgegangen. Das darf nicht passieren. Wir brauchen im Schnitt zwischen 500 und 1500 Liter bei einem Heimspiel, einmal beim Telekom-Cup inklusive Familientag im Jahr 2013 waren es 5800 Liter. Jetzt hatten wir 6000 Liter vorgehalten - und trotzdem müssen wir überlegen, ob wir beim nächsten Mal nicht 8000 Liter vorrätig haben sollten, wenn es so heiß ist. Wichtig ist es, die Fehler, die man macht, zu erkennen und sie nicht mehr zu machen.

Wie sehr wird das, was derzeit in England passiert, den deutschen Markt noch beeinflussen? Wo endet diese Spirale?

Schippers Die Engländer haben nicht nur den großen TV-Vertrag, sie setzen im Bereich der internationalen Vermarktung auch eine Milliarde Euro aus TV-Geldern um. Sie sind seit mehr als zwei Dekaden im Ausland unterwegs. Letztes Jahr waren es 13 englische Klubs, die in Übersee gespielt haben, in diesem Jahr waren es 19, die unterwegs waren. Wir als Bundesliga müssen da präsenter werden, uns den Markt erarbeiten. Wir haben ab der nächsten Saison ebenfalls einen sehr guten TV-Vertrag - und in Verbindung mit den Sponsorengeldern kommt da auch etwas Stattliches zusammen. Die Bundesliga wird nur von England übertroffen, aber England ist weit voraus, und es ist der Ansporn zu folgen. Aber ich bin überzeugt, dass sich die Spieler auch nicht nur für das Geld, sondern auch für ihre Karriere entscheiden, gerade wenn man auf junge Spieler setzt. Die überlegen vielleicht zweimal, ob sie woanders zwar mehr Geld verdienen, aber auf der Bank sitzen.

Auf welchem Markt sollte sich Borussia tummeln? USA? Asien?

Schippers Wir haben da sicherlich unsere eigenen Ziele. Wir waren ja gerade im Sommer in der Schweiz und wissen auch, dass wir in Dänemark oder generell Skandinavien einen guten Ruf haben. Das müssen wir im Fokus haben. Aber es gibt auch gemeinsame Zielmärkte mit der Liga. Zum Beispiel China. Wir haben mit ZTE einen Sponsor gewinnen können, mit dem es passt. Der Sponsor will auf dem deutschen Mark ankommen - aber auf der anderen Seite muss er uns auch helfen. Wir müssen das alles mit Maß machen. Durch unsere fremdsprachlichen Homepages oder Social-Media-Angebote sind wir auf den Märkten präsent, um sich später dann auch mit der Mannschaft dort zu präsentieren.

Kann man zum Beispiel den US-Markt durch einen Ausrüster wie Under Armour angehen?

Schippers Wir haben in Kappa einen guten Ausrüster, der Vertrag läuft bis 2018. Aber man kann es nicht nur auf den Ausrüster beziehen. In England sind zwei Drittel der dortigen Hauptsponsoren international tätige Unternehmen. Solche Sponsoren machen natürlich Sinn, um neue Märkte zu betreten. Mit der DFL gibt es einen ständigen Austausch darüber, was die Klubs machen können, um die internationale Präsenz zu forcieren. Zum Beispiel gibt es die Überlegung, die sieben bestplatzierten Klubs von der ersten DFB-Pokalrunde freizustellen, um dann in die Ferne zu reisen, um zum Beispiel Turniere in Ländern wie China, Indien oder USA zu spielen um dort für die Bundesliga zu werben. So machen es auch die anderen Top-Ligen.

Wie wichtig ist die Teilnahme an der Champions League für die internationale Vermarktung?

Schippers Es ist wichtig, international zu spielen - ob Champions League oder Europa League. Die Spiele gegen Barcelona werden weltweit verfolgt werden, das ist mit Blick auf die internationalen Aktivitäten natürlich hilfreich. Insgesamt kann ich sagen: Wir merken an vielen Stellen, dass Borussia grundsätzlich sehr positiv wahrgenommen wird.

Weg vom Sport: Gibt es weiter Konzerte im Borussia-Park?

Schippers Wir sind grundsätzlich offen dafür. Wir haben rund 450 Veranstaltungen pro Jahr im Borussia-Park, wenn das neue Gebäude fertig ist, werden es an die 700 sein. Aber ein gutes Konzert ist immer denkbar.

Der Neubau läuft?

Schippers Wir sind im Zeitplan ein bisschen nach hinten gerutscht, aber wir wollen im September die Verträge unterschreiben. Bis Mitte 2018 werden wir fertig sein.

Und die große Eröffnungsparty ist dann im Museum?

Schippers Wir haben intern ein Team aus kompetenten Köpfen zusammengestellt, das sich sehr intensiv mit dem Thema befasst. Es wird ergänzt von den Freimeistern um Johannes Jansen, die von der kreativen, künstlerischen Seite kommen und sich mit Borussia gut auskennen. Hinzu kommt unser Architekt. Es ist ein tolles Konzept entstanden. Es wird auf 1000 Quadratmetern viel Interaktives geben mit immer neuen Aha-Effekten. Sicher werden wir auch den gebrochenen Pfosten und den Schuh von Günter Netzer zeigen, aber wir wollen auch etwas für die jungen Leute bieten.

Ralf Jüngermann und Karsten Kellermann führten das Gespräch.

Quelle: RP
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