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Jannik Vestergaard
"Ich habe ein Archiv an Erfahrungen"

Borussia Mönchengladbach: Jannik Vestergaard im Interview
Jannik Vestergaard FOTO: Imago
Mönchengladbach. Borussias dänischer Verteidiger Jannik Vestergaard erklärt, warum er fast nie verletzt ist, wie man in Dortmund etwas holen kann und warum er zuweilen grimmig dreinschaut.

Als der Arbeitstag zu Ende ist, muss Jannik Vestergaard im Souterrain des Borussia-Parks noch seinen Cousin abklatschen. Mika Schröers spielt in der U17 der Gladbacher. Im Gespräch mit Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz verriet der 25-Jährige zuvor ein Geheimnis, ließ sich aber nicht locken.

Herr Vestergaard, Sie sind einer der wenigen Borussen, die immer gesund sind. Erklären Sie uns das.

Vestergaard (lacht) Wenn wir jetzt darüber reden, besteht die Gefahr, dass wir das Ganze verhexen. Aber ich hatte bisher in meiner Karriere das Glück, von großen Verletzungen verschont zu bleiben. Einmal bin ich etwas schlimmer umgeknickt in meiner Hoffenheimer Zeit, da hatte ich einige Bänder gerissen und das Syndesmose-Band angerissen, ansonsten ist mir nichts passiert. Woran es liegt, weiß ich nicht. Mein Körper verkraftet die Belastung des Fußballspielens bisher sehr gut.

Muss man dafür etwas tun?

Vestergaard Ich habe auch das Glück, von der Natur her gut aufgestellt zu sein. Ich muss nicht asketisch leben, was Diäten oder Training angeht. Natürlich sind alle Spieler unterschiedlich anfällig oder eben nicht. Ich muss halt keine Überdinge dafür tun. Klar ist aber: Ich trinke nur sehr selten Alkohol und ernähre mich nicht von McDonalds - so etwas sollten Profis nicht machen.

Es scheint der richtige Ansatz zu sein. Sie haben nahezu noch kein Training verletzungsbedingt verpasst.

Vestergaard Stimmt. Ich wurde einmal geschont, als die Belastung besonders groß war, aber wegen einer Verletzung habe ich noch kein Training verpasst. Aber wir sollten nicht zu viel darüber sprechen, wie gesagt, sonst reden wir was herbei.

Also Themawechsel, zumindest ansatzweise: Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zuletzt nicht gespielt haben, seit Sie nach Gladbach gekommen sind?

Vestergaard (überlegt) ...

2017 müssen Sie nicht suchen, es ist länger her.

Vestergaard ... war es das Heimspiel gegen Manchester City in der vergangenen Saison?

Danach noch einmal. In Dortmund.

Vestergaard Richtig, Dortmund. Da war ich nicht in der Startelf, bin aber später reingekommen.

Seit der Einwechselung haben Sie über 3000 Minuten am Stück gespielt. Aber können Sie sich an das BVB-Spiel noch erinnern?

Vestergaard Wir haben gut angefangen, sind früh in Führung gegangen. Aber eine halbe Minute später stand es 1:1. Das war bitter. Ich kam dann rein, um eine unverhältnismäßig große Klatsche zu verhindern.

Das passiert aber vielen Teams dort. Zuletzt Köln. Was macht den BVB so stark?

Vestergaard Die Qualität der Spieler ist natürlich hoch, da kommt man nicht drum herum. Sie haben tolle Alternativen, gerade in der Offensive. Darum kann Dortmund rotieren, ohne Qualität zu verlieren. Dann spielt Dortmund mit einer hohen Intensität einen sehr schnellen Fußball, jetzt mit dem neuen Trainer noch mehr. Der Stressfaktor, den das Gegenpressing erzeugt, macht es für jedes Team schwer. Man denkt, man hat den Ball erobert, dann kommt eben das Gegenpressing, und man ist gleich wieder unter Druck, gerade wenn man denkt, man kann jetzt umschalten. Du siehst aus dem Augenwinkel drei, vier Gelbe auf dich zustürmen - da passieren dann Fehler, die man sonst vielleicht nicht machen würde.

Was kann man dagegen tun?

Vestergaard Wenn man weiß, was Dortmund vorhat, die Ruhe behält und den Mut hat, auch Fußball zu spielen, dann kann man den BVB auch erwischen. Denn sie gehen mit diesem Spiel natürlich auch ein gewisses Risiko ein.

Also ganz cool bleiben, statt sich mitreißen zu lassen.

Vestergaard Der Ballbesitz ist unsere Stärke, und es wäre ärgerlich, wenn man diese Linie verlässt. Es ist eine Balance. Man muss natürlich genau dieselbe Aggressivität haben wie die Dortmunder, damit sie einen nicht überrumpeln. Doch muss man auch die Ruhe haben. Dann gibt es auch Räume, in denen man ihnen wehtun kann. Das ist unsere Aufgabe.

In Leipzig hat die Balance zwischen Ruhe bewahren und selbst Akzente setzen gut geklappt beim 2:2.

Vestergaard Ich glaube, dass man sich in Dortmund vor allem deutlich leichter tun wird, wenn es Phasen gibt, in denen man den Ball behauptet. Wenn wir den Ball haben, kann Dortmund kein Tor schießen, das ist nun mal so. Natürlich ist es schwierig, das hinzukriegen.

Sie wissen ja, wie es geht. 2013 haben Sie am letzten Spieltag mit Hoffenheim 2:1 in Dortmund gewonnen.

Vestergaard Man sollte da nicht vergessen, dass wir viel Glück hatten - und Koen Casteels einen großen Tag hatte. Wenn wir da zur Halbzeit 0:3 oder 0:4 hinten liegen, kann sich keiner beschweren. Aber irgendwie wollten die Fußballgötter, dass wir irgendwie diesen Sieg schaffen. Es kam dann alles zusammen: zwei Elfmeter, Hummels musste raus, dann Weidenfeller - das hätte sich niemand so ausdenken können. Vielleicht kommt so ein Spiel nur zustande, wenn man Vorletzter ist und die Relegation droht.

Davon ist Gladbach weit entfernt.

Vestergaard Ich finde schon, dass wir mit breiter Brust hinfahren können. Sicherlich erwartet fast niemand etwas von uns und Dortmund ist gut in die Saison gestartet. Aber wir schauen mal, wo unsere Chancen liegen. Wir versuchen, sie zu nutzen.

Schaut man sich zur Einstimmung eher das 1:3 des BVB in Tottenham oder das 5:0 gegen Köln an?

Vestergaard Wir schauen auf alles. Das Trainerteam bereitet uns immer sehr gut auf alles vor, was auf uns zukommen kann. Allerdings wussten wir das auch von Barcelona - und es war trotzdem schwer, das in der Praxis umzusetzen, auch wenn man sich Großes vornimmt. Anders herum haben wir im Heimspiel gegen Barcelona gesehen, was für uns drin war trotz aller Stärken des Gegners. Ich glaube, dass wir in Dortmund etwas ausrichten können und wir sie ärgern können. Es ist aber ein schmaler Grat. Man kann auch große Probleme bekommen.

Das ist aber in der Bundesliga gegen jeden Gegner so.

Vestergaard Die Bundesliga ist brutal eng, das zeigt sich immer wieder. Man muss in jedem Spiel ein gutes Niveau erreichen, um gewinnen zu können. Natürlich ist das gegen die ganz, ganz Guten ein wenig anders.

Damit meinen Sie wahrscheinlich den FC Bayern und den BVB. Wo ordnen Sie Borussia ein?

Vestergaard Ha! Sie wollen mich locken, damit alle Leute sagen: Oh, da hat die Rheinische Post aber gut gefragt.

Sie haben uns durchschaut ...

Vestergaard Tja. Aber im Ernst: Ich sehe uns nicht in derselben Liga wie die Bayern oder Dortmund, die ich als sehr, sehr gut bezeichne. Das meinte ich mit der Aussage vorher. Der BVB erfährt überall in der Welt großen Respekt, macht es mit einer sehr jungen Mannschaft, die aber schon viel Erfahrung hat, sehr gut.

Noch recht jung, aber schon erfahren: So könnte man auch Borussias Innenverteidigung bezeichnen. Sie sind 25, der Kollege Ginter 23. Was ist mit ihm anders als in der Vorsaison mit Andreas Christensen?

Vestergaard Andi und ich kennen uns ja schon seit einigen Jahren. Darum war zwischen uns einiges an Intuition, jeder wusste, wie der andere tickt. Das müssen Matze und ich uns erst erarbeiten, wir müssen uns kennenlernen. Wir haben viele Spiele, viel Erfahrung. Wir haben ordentlich angefangen, haben aber noch Luft nach oben. Aber ich finde, dass wir Spiel für Spiel zusammenwachsen.

Die letzten drei Halbzeiten gab es kein Gegentor.

Vestergaard Es sind nicht die fünf Spiele, die Dortmund ohne Gegentor ist, aber es ist ordentlich. Ein Gegentor im Schnitt wie im Moment, das ist ordentlich. Das wären 34 Gegentore in der Saison. Wenn wir das durchziehen, wäre das sehr gut. Aber dazu gehört ein ganzes Team und nicht nur zwei Innenverteidiger oder ein Torwart. In den letzten Spielen haben wir es defensiv auch als Team besser gemacht, haben kaum etwas zugelassen. Ich glaube, dass wir darauf aufbauen können.

Sie selbst gehören nicht mehr zu den ganz jungen Spielern, aber auch nicht zu den älteren. Stecken Sie mitten in Ihrer Karriere?

Vestergaard Stecken hört sich so negativ an. Ich bewege mich in meiner Karriere und bin ganz zufrieden mit dem, wo ich gerade bin. Ich habe ein Archiv an Erfahrungen und habe die meisten Situationen schon erlebt. So kann ich sie im Spiel etwas schneller erkennen und daraus Vorteile ziehen. Aber ich hoffe, dass ich auch noch einiges vor mir habe. Am liebsten würde ich noch in den 30ern voll leistungsfähig sein. Aber ich schleppe 100 Kilo mit mir rum und man weiß nicht, ob das irgendwann eine Rolle spielt. Ich werde aber dafür arbeiten, dass ich möglichst lange spielen kann.

Schauen Sie sich auch die Hoffenheim-Spiele in der Europa League an?

Vestergaard Nein, nicht unbedingt. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles aufsauge, was an Fußball läuft. Wenn unser nächster Gegner spielt, gucke ich mir das natürlich an. Aber sonst kann ich durchaus auch mal was anderes machen. Mir tut es auch ganz gut, mal einen Abend ohne Fußball zu haben.

Was sind die Alternativen im Hause Vestergaard?

Vestergaard Ach, das ist wie bei anderen Menschen auch, da gibt es verschiedene Sachen. Wir haben zum Beispiel einen Hund, gehen mal ins Kino. Wenn es ums Fernsehen geht, kann man auch mal eine Serie schauen. Ich lasse auch mal meine Freundin entscheiden, was wir schauen. Aber wir haben weitgehend dieselben Interessen. So muss ich dann auch nichts schauen, was mir gar nicht gefällt. Sie hätte vielleicht auch nicht viel Spaß daran.

Sie können ja schon grimmig gucken.

Vestergaard Das ist mir schon erzählt worden (grinst).

Ist das eine Masche? Oder ein Image?

Vestergaard Nein. Ich würde sagen, ich bin ziemlich authentisch. Und die meisten wissen das auch einzuschätzen. Dass man, wenn man in der Öffentlichkeit steht, einen gewissen Abstand entwickelt zu manchen Sachen, finde ich aber normal. Was mir wichtig ist: Wenn man mit mir spricht, spricht man auch mit mir und nicht mit einer Maske oder einem Image.

Quelle: RP
 
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