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Borussia Mönchengladbach
Stagnation seit der Unterschrift und Verhältnisse wie '84

Hamburg - Gladbach: Einzelkritik
Hamburg - Gladbach: Einzelkritik FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach/Hamburg. Gladbach hat sechs der letzten acht Pflichtspiele verloren. Die Bilanz ist alarmierend und die Liste der Defizite so lang, dass sie sich inzwischen munter abwechseln. Dabei war der HSV am Sonntag gar nicht mal gut. Von Jannik Sorgatz

1. Immerhin einstellig? 42:38 Tore sind eine adäquate Bilanz nach 34 Spieltagen, in der vergangenen Saison beendete Schalke 04 die Saison mit 42:40 auf Platz sechs. Borussias Torverhältnis nach 21 Spieltagen wäre akzeptabel, wenn wir uns ins Jahr 1984 zurückversetzten, als die Bundesliga ihren Torrekord aufstellte. In der Rückrunde hat nur Werder Bremen mehr Treffer kassiert, wofür Gladbach hauptverantwortlich war vor einer Woche und deshalb immerhin behaupten kann, dass nach der Winterpause lediglich der VfB Stuttgart mehr Tore erzielt hat. Ähnliche Bilanzen zu diesen Zeitpunkt hatten zuletzt Eintracht Frankfurt (39:41) und die TSG Hoffenheim (44:44). Beide landeten am Ende der Saison im Niemandsland auf Platz neun. Allein in 16 Spielen unter André Schubert hat die Borussia jetzt so viele Tore zugelassen wie in der gesamten Vorsaison unter Lucien Favre.

2. Beginn der Doppel-Wunder Da passte es, dass am Sonntag an die erfolgreiche Ära des Schweizers erinnert werden konnte, der vor exakt fünf Jahren als Trainer in Gladbach vorgestellt wurde. Mit dieser Personalie war man nach der Entlassung Michael Frontzecks sehr zufrieden, weil Favre auch ein geordneter Neuanfang in der 2. Bundesliga zugetraut wurde. Stattdessen schaffte die Borussia unter ihm zwei Wunder hintereinander und qualifizierte sich 2015 verdient für die Champions League. Dass zwei Tore nicht einmal zu einem Punkt reichten, passierte Gladbach in der Ära Favre nur fünfmal: 2012 beim 2:3 gegen Nürnberg und beim 2:4 gegen Fenerbahce, 2013 beim 3:4 gegen die Bayern und beim 2:4 in Leverkusen sowie 2014 beim 2:4 in Freiburg. Was Kontrollverlust bedeutet, hat der Verein seit Dezember erst wieder lernen müssen.

3. Faden verloren und spät gefunden Gegen Borussia Dortmund lag es an der Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten, gegen den FSV Mainz 05 auch ein bisschen daran, aber am meisten an der Chancenverwertung. Wer das 5:1 gegen Werder entkräften will, muss nur an Nico Elvedis Rettungstat beim Stand von 3:1 erinnern und wird auf nickende Köpfe treffen. In Hamburg hatte die Borussia einen formschwachen Gegner nun 15 Minuten lang unter Kontrolle, ging verdient in Führung und verlor fast unmittelbar danach den Faden. Erst eine Stunde später fand ihn das Schubert-Team wieder, da hatte der HSV zwei Tore nach Ecken erzielt und eines nach einem weiten Abschlag von Torwart René Adler. 18 Standard-Gegentore, davon acht nach Ecken, sind der schlechteste Wert der Liga.

4. Starker Trost für Drmic "Wenn Josip nächstes Jahr in der Champions League spielen will, muss er ein Eigentor machen", hatte Granit Xhaka vorab im Interview mit unserer Redaktion gesagt. Ein solches hätte die Borussia tatsächlich gebraucht, um wenigstens einen Europa-League-Platz zu behalten. Immerhin gelang Drmic statt eines Eigentores auch kein eigenes Tor. In der 14. Minute war er zum ersten Mal nah dran, aber Yann Sommer parierte seinen Schuss aus halblinker Position. 17 Sekunden später hatte Fabian Johnson Drmics Saisonbilanz von einem Tor egalisiert. Dem nach Hamburg ausgeliehenen Schweizer blieb ein Assist-Assist-Assist-Assist-Assist-Assist-Assist zum Trost – und natürlich ein Sieg gegen den Klub, zu dem er im Sommer zurückkehren soll.

5. Umstellungen fruchten zu spät In Hoffenheim Ende November wurde André Schubert zum "Zettel-Ewald". Nico Elvedi verteilte auf dem Rasen schriftliche Anweisungen an seine Kollegen, die kurz darauf den 3:3-Ausgleich erzielten. In Hamburg stand es 1:2 aus Sicht des VfL, als Ibrahima Traoré für Mo Dahoud kam und Schubert seine Elf – allem Anschein nach ganz ohne Zettel – auf vier Positionen veränderte: Traoré schickte Thorgan Hazard nach links, der schickte Fabian Johnson nach hinten rechts, der schickte Havard Nordtveit nach innen, der schickte Andreas Christensen ein Stück nach vorne ins Mittelfeld. Zu diesem Zeitpunkt nach knapp einer Stunde führte der HSV nach Torschüssen mit 13:2, danach stand es aus Gladbacher Sicht 8:4. Auch die zuvor dürftige Passquote von 72 Prozent ging auf 79 hoch. Es reichte trotzdem nicht mehr.

6. Reus eingeholt An 15 der letzten 17 Tore waren Lars Stindl und Raffael als Schütze, Vorlagengeber oder mit dem vorletzten Pass beteiligt. Dass sie die Quote in Hamburg auf 17 von 19 steigerten, täuscht über einen schlechten Tag der beiden Schlüsselspieler in der Offensive hinweg. Stindl blieb so blass wie zuletzt vielleicht an jenem grausamen Abend des 11. September 2015, beim 0:3 im Hinspiel gegen Hamburg. Raffael bekam es wenigstens hin, beim ersten Tor den Pass auf Hazard zu spielen und das zweite sogar selbst zu erzielen. Mit 36 Treffern für die Borussia in der Bundesliga hat er Lothar Matthäus, Ewald Lienen und Marco Reus eingeholt. Letzterer benötigte für diese Marke sogar elf Spiele mehr als Raffael.

7. Zwölf Monate durchgespielt Oscar Wendt erreichte in Hamburg zwei andere Marken. Zum einen machte er sein 100. Bundesligaspiel und hat nun seit einem Jahr, seit dem 14. Februar 2015, jede Minute auf dem Platz gestanden. Nur in der Champions League bei Manchester City verpasste er deren sieben. Auch wenn ihm mit dem Pass auf Raffael am Sonntag ein Assist gelang, wäre ein Tor durch Wendt viel wertvoller gewesen. Denn immer wenn Wendt traf, neunmal in viereinhalb Jahren, gewann die Borussia.

8. Eine Halbzeit Tiefschlaf Auch im Angriff hat Gladbach in vier Rückrundenspielen vier verschiedene Gesichter gezeigt: Gegen Dortmund in Ordnung, aber nicht zwingend genug. Gegen Mainz uneffektiv, gegen Bremen gnadenlos effektiv. In Hamburg war die Borussia offensiv über 45 Minuten überhaupt nicht existent. Nach Johnsons Tor in der 14. Minute gab die Schubert-Elf erst in der 61. Minute den nächsten Versuch ab. Immerhin: Effektiv war's.

9. Die Schubert-Cheftrainer-Tabelle Ist der siebte Platz die Wahrheit? Steht die Borussia jetzt erstmals seit dem 25. Oktober, seit dem 3:1 gegen Schalke dort, wo sie nicht nur momentan, sondern auch am "langen Ende" frei nach Max Eberl hingehört? Als Schubert von Favre übernahm, lag der Punkteschnitt bei 0,0 Punkten, in fünf Spielen führte der Damals-noch-Interim die Mannschaft auf einen Schnitt von 1,5 und vom 18. auf den 7. Platz. Schubert hat die Tabelle, die seinen Namen trägt, vor dem Spiel gegen Bremen trotz einer Statistik-Aversion herausgekramt. Jetzt ist es beinahe an der Zeit, eine limitierte Edition, die Schubert-Cheftrainer-Tabelle auszupacken, in der Gladbach mit 13 Punkten aus neun Spielen und einem Torverhältnis von 19:20 nur noch Neunter ist. Was häufig untergeht: Es wäre auch die Alvaro-Dominguez-fehlt-Tabelle, nur das allein kann es ja nicht sein.

10. Erinnerungen an 2015 Vier Rückrundenspiele sind vorbei und die Borussia hat schon gegen die dritte Mannschaft ihre zweite Niederlage kassiert. Vielleicht hat sich das Schicksal gegen Bremen, als es den einzigen Sieg gab, auch gedacht, dass Gladbach mit dem Aus im DFB-Pokal schon genug gestraft sei. Vergangene Saison gelangen nur Augsburg sechs Punkte gegen die Borussia, drei davon am Champions-League-Party-Spieltag. Eine beliebte Metapher bietet sich an: Vor dem Derby am kommenden Samstag sind viele Feuerzeuge gezückt, um im Fall einer Niederlage dafür zu sorgen, dass der Baum brennt. Helfen kann die Erinnerung an das Duell vor einem Jahr. Da war die Stimmung nach einem 0:1 gegen Schalke und öden Auftritten zum Rückrundenstart ebenfalls mies. Nur gibt es für so einen brachialen Derbysieg in der Nachspielzeit kein Rezept.

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