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Borussia Mönchengladbach
Elvedis Erfahrung und Xhakas Floskeln

Das ist Nico Elvedi
Das ist Nico Elvedi FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. André Schubert stellt sich nach dem 1:3 gegen Dortmund voll hinter die Jugend und sendet Signale an Martin Stranzl, die nicht nach einer baldigen Rückkehr klingen. Die "Zehn vom Niederrhein" vermittelt zwischen den Generationen. Von Jannik Sorgatz

1. Lieber langfristig Es klang ein bisschen so, als sei die Borussia ein staatlich zertifizierter Ausbildungsbetrieb, der gesetzlich dazu verpflichtet ist, in jedem Spiel mindestens eine Praktikumsstelle zur Verfügung zu stellen. "Wir sind auch für die Entwicklung der Mannschaft und Vereins verantwortlich. Zum Aufbau dieser jungen Spieler ist das ganz normal", sagte André Schubert, als es um Nico Elvedi ging, der überraschend in der Startelf gestanden hatte. Nun verlor der 19-Jährige das Spiel beileibe nicht alleine, war aber bei jedem Gegentor involviert – oder eben nicht involviert genug.

Das kann man Elvedi nachsehen, vergangenen Sommer hätte niemand erwartet, dass der Schweizer, für vier Millionen Euro vom FC Zürich verpflichtet, schon jetzt so eine Rolle spielen würde. Man kann aber auch feststellen, dass diese Rolle ihn stellenweise noch überfordert. Bei Hinteregger und Stranzl fand Schubert jedoch triftige Gründe, sie noch nicht zu bringen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Gladbach kurzfristig Rückschläge in Kauf nehmen würde, um langfristig davon zu profitieren, dass ein Elvedi mit 19 schon gegen Bayern, Manchester City, Leverkusen und Dortmund Erfahrung sammeln durfte.

2. Aus dem Gleichgewicht Es geht also in vielen Belangen um die Balance bei der Borussia. In Sachen Torverhältnis hat sie der Verein fast schon gefunden, nur ist das für einen Europapokal-Kandidaten ein Grund zur Sorge – seit Samstag steht es bei 35:33. Links neben dem Doppelpunkt ist alles im Lot, rechts ist seit Ende November einiges aus dem Ruder geraten. Dabei schien sich Gladbach nach den ersten Schubert-Partien, die von der Elfmeterseuche überlagert wurden, gefangen zu haben. In neun Pflichtspielen – von Wolfsburg über Turin bis Hannover – gab es nur fünf Gegentore. In sieben davon wirkte Alvaro Dominguez noch mit. Womöglich ist der 26-Jährige der Ausfall, der dem VfL am meisten wehtut.

Pressestimmen: "Dortmund ist die bessere Borussia" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

3. Versprechen gehalten Torlos haben sich die Borussias seit 22 Jahren nicht mehr getrennt. In den 34 Hinrundenspielen mit Beteiligung beider Teams waren 134 Tore gefallen, fast vier im Schnitt und so viele wie nirgendwo sonst in der Liga. Das 1:3 hielt also die meisten Versprechen, vorab wäre bei einem Torschussverhältnis von 10:12 jedoch ein 2:2 wahrscheinlicher gewesen. Denn beide Mannschaften benötigen pro Tor sechs Versuche, Dortmunds Gegner benötigen ebenfalls sechs, Gladbachs dagegen etwas mehr als acht. Da spiegelt die Statistik die größere Coolness des BVB wider.

4. Mit Kahê und Idrissou noch eine Macht Zum elften Mal kam Dortmund am Samstag in den Borussia-Park, wo sie den Gastgebern 2004 die Bundesliga-Premiere versaut hatten (2:3) und dann nur 2009 (0:1) noch einmal erfolgreich gewesen waren. Sogar in der Abstiegssaison 2006/2007 gewann Gladbach zu Hause gegen den BVB. Der sagenumwobene Kahê traf zum Sieg, schoss den VfL für eine Nacht an die Spitze der Tabelle und sich selbst auf den ersten Platz der Torjägerliste. 2009 brachte Gladbach Dortmund um den Europapokal, 2011 leitete Mo Idrissou vor den Augen von 19.000 Gästefans das Wunder ein, 2013 und 2015 gab es weitere Erfolge, nach dem letzten verkündete Jürgen Klopp seinen Abschied. Ja, in Gladbach hatte man den BVB bis Samstag als besseren Gast in Erinnerung.

5. Reus rollt Zum dritten Dortmunder Borussia-Park-Sieg steuerte ein Mann ein Tor und eine Vorlage bei, der zuletzt am 15. April 2012 in diesem Stadion gewonnen und getroffen hatte. Damals trug Marco Reus ein weißes Trikot und führte den 1. FC Köln vor. Der 26-Jährige hat für beide Borussias nun fast gleich viele Bundesligaspiele absolviert, 97 und 96. Für Gladbach traf er 36-mal, für Dortmund – zieht man die Elfmeter ab, die Reus vor seinem BVB-Wechsel ja nie schießen durfte – steht er jetzt bei 39 Treffern.

6. Marktwertsteigerung auf der Tribüne Der hohe Floskelanteil, wenn Bundesligaspieler den Mund aufmachen, verwundert heutzutage nicht mehr. Irritierend ist es nur noch, wenn Profis, die für ihre offene Art bekannt sind, plötzlich antworten, als würde sie ihr Statement von einem Teleprompter hinter dem Interviewer ablesen. Deshalb sei Granit Xhakas Interview in der Halbzeitpause bei "Sky" einfach im Wortlaut zitiert, die Fragen kann man ruhig weglassen:

"Es ist Fakt, dass ich die nächsten zwei Spiele auf jeden Fall nicht hier bin, und alles andere, das sind nur Gerüchte und Spekulationen. (...) Ich bin glücklich hier, ich habe Vertrag bis 2019, und das ist das, was für mich zählt. (...) Wie gesagt, so weit überlege ich nicht. Ich will mich auf Fußball konzentrieren und das ist das Wichtigste. Ich möchte dem Verein und den Mitspielern helfen – und nach 34 Spieltagen da stehen, wo wir hingehören."

Immerhin: Xhakas Marktwert dürfte auf der Tribüne nicht gesunken sein. Der 23-Jahrige wurde schmerzlich vermisst.

Gladbach - Dortmund: Einzelkritik FOTO: dpa, gki

7. Die Rotationsbinde Für Havard Nordtveit war es die erste Pole Position im Gladbach-Trikot. Der Norweger führte die Mannschaft in seinem 136. Bundesligaspiel für die Borussia als Kapitän auf den Rasen. Damit war er der vierte Spieler in dieser Saison, dem diese Ehre zuteil wurde. Xhaka durfte die Binde 18-mal tragen, Tony Jantschke siebenmal und Martin Stranzl einmal. Roel Brouwers ist sozusagen der unsichtbare Fünfte, kommt aber nicht mehr zum Zug. Gegen Dortmund saß der 34-Jährige nur auf der Tribüne.

8. Ungewohnt konservativ Erst zum dritten Mal im 20. Pflichtspiel wurde Schubert mit einem Pausenrückstand konfrontiert. In Hoffenheim fiel gleich nach dem Seitenwechsel das 1:3, am Ende krönte Fabian Johnson die Aufholjagd mit dem 3:3. In Leverkusen brach die Borussia nach einem 0:1 zur Halbzeit völlig auseinander und verlor 0:5. Dagegen war der Spielverlauf gegen Dortmund mit dem schnellen 0:2, dem Hoffnungsschimmer durch Raffael und dem klassischen Sargnagel durch Ilkay Gündogan geradezu konservativ. Man ist fast geneigt, es als Fortschritt zu werten, dass der Zusammenbruch ausblieb.

9. Johnsons Angstgegner Die Bilanz bleibt beeindruckend. Fabian Johnson hat im 28. Bundesligaspiel, in dem er für die Borussia in der Startelf stand, erst zum zweiten Mal verloren – wie schon im August hieß der Gegner Dortmund. Also wird die Glücksbringer-Beschreibung eben etwas eingeschränkt. Ab jetzt folgen schließlich 16 Ligaspiele, ohne dass der BVB dazwischenfunkt.

10. Signale an Stranzl War das eine Art Ohrfeige oder ein Ausdruck allergrößter Wir-warten-auf-ihn-Geduld? Als Schubert in der Pressekonferenz auf Martin Stranzl angesprochen wurde, schaute er den Fragesteller zunächst mit versteinerter Miene an, um dann kurz zu schmunzeln und zu einer ausführlichen Antwort auszuholen. Der Trainer wies darauf hin, dass Stranzl acht Monate verletzt gewesen und nun einmal 35 Jahre alt sei.

Die Fakten waren nicht neu, anders als Schuberts Hinweis auf den veränderten Stil der Borussia. "Wir spielen und verteidigen viel höher, wir attackieren früher. Auch daran muss sich ein Spieler erstmal gewöhnen, wenn vorher ein paar Jahre anders gespielt worden ist." Es klang fast wie die bekannte Familiendiskussion, ob Opa sich mit über 80 noch mit dem Internet beschäftigen sollte. Das liegt zum einen an Opa, zum anderen an der Familie, die sich der Sache mit Geduld widmen muss.

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