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Borussia Mönchengladbach
Borussia kennt viele Wege zum Tor

Borussia Mönchengladbach kennt viele Wege zum Tor
Hahn hat fünf der 18 Gladbacher Testspiel-Tore erzielt. FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Beim Testspiel in Mannheim treffen die Gladbacher aus fast jeder fußballerischen Lebenslage. Ein Tor, das nicht zählt, deutet an, dass eine Option dazu gekommen ist. Vom EM-Finale kann Schuberts Team lernen. Von Karsten Kellermann

Nach dem EM-Aus der deutschen Mannschaft ist eine Debatte um das Tor entflammt, oder besser: um das nicht erzielte Tor. Dabei geht es um Stürmertypen, Konsequenz und den Weg zum Ziel: Ist er geradeaus oder verschnörkelt oder gar zu verwinkelt? Fakt ist: Das Tor ist das Wesentliche des Spiels, und die Zeit, da lange um den heißen Brei herumgespielt wird auf der Suche nach der ultimativen Lücke, die scheint vorbei. Beharrlichkeit ist kein probates Mittel mehr gegen die neue extreme Kompaktheit.

Es geht weniger um Erspielen als um Erzwingen, darum, auch mal ein Risiko zu nehmen im Sinne des Erfolgs. Unbedingte Defensive, wie sie bei der EM zu beobachten war (was den Fußball-Ästheten Lucien Favre, Borussias Ex-Trainer, erschütterte und zu harschen Worten animierte) erfordert unbedingte Offensive. Ur-Borusse Berti Vogts, einst selbst ein unbedingter Verteidiger, schlägt ein ursprüngliches Modell vor: draufgehen, draufgehen, draufgehen, auf den Gegner, auf den Ball, auf das Tor. Erobern, umschalten, abschließen. Vor allem mahnt er den Willen zum Tor an. Und den Willen zum Sieg.

Wer siegen will, braucht Tore 

Was das angeht, dürfte Vogts guter Dinge sein, wenn er "seine" Borussia sieht. Deren Trainer André Schubert lässt stets siegorientiert spielen, das Unentschieden ist bei ihm bislang kein wirklicher Matchplan gewesen. Wer siegen will, braucht Tore - weswegen das Tor und der schnelle Weg dahin zu den ersten Prinzipien des Trainers gehören. Borussia ist, der eigenen Tradition folgend (Torfabrik), ganz auf Offensive eingestellt. 67 Treffer gab es in der vergangenen Saison, so viele wie seit 1987 nicht mehr. Auch für die neue Spielzeit hat Schubert angekündigt, die Sache offensiv anzugehen. Und die Borussen sind breit aufgestellt, was die Produktion von Toren angeht, das ist eine Erkenntnis des zweiten Testspiels: In Mannheim (3:2) wurde aus fast jeder fußballerischen Lebenslage getroffen.

Dass die Gladbacher das vertikale Spiel aus dem Effeff beherrschen, ist bekannt, das hat ihnen Favre viereinhalb Jahre lang eingebläut. Vor dem Elfmeter zum 1:1 und vor dem 2:1 spielte Ibo Traoré, von Schubert zum offensiv ausgerichteten Verteidiger umgeschult, zwei Pässe in die Tiefe jeweils auf Djibril Sow, die vom Feinsten waren: in die Schnittstellen der Abwehr, die er damit regelrecht filetierte. In beiden Fällen waren es Umschaltsituationen, die sowohl der Passgeber als auch der Adressat rasend schnell nutzten: Traoré fand die entscheidende Präzision, Sow die nötige Tiefe.

Lange tat sich Borussia in der Favre-Ära schwer, horizontal zum Tor zu gelangen, sprich: mit klassischen Flanken. Doch in den letzten beiden Spielzeiten wurde daran gearbeitet. Auch in der vergangenen Woche ließ Schubert das Schema Flanke-Abschluss-Tor ausführlich üben - in Mannheim hatte das Konsequenzen: Tony Jantschke, der nach der Pause rechts verteidigte, flankte und fand in der Mitte André Hahn, der den Ball in typischer Mittelstürmermanier verwertete. Später wuchtete er eine Hereingabe Thorgan Hazards per Kopf über das Ziel. Die Wiederholung zeigt: Es ist ein Plan.

Hahn in Frühform

Hahn ist also weiter in Torlaune, fünf der 18 Gladbacher Testspiel-Tore erzielte er. Schubert weiß, dass er in ihm einen Mann für den Strafraum hat: robust und torgefährlich, das ist die alte Schule, die wieder modern geworden ist. Möglich, dass dies Hahns Weg ist zurück ins Nationalteam, denn nach Männern wie ihm wird gerufen seit dem traurigen Abend von Marseille.

Ein viertes Tor der Borussen in Mannheim ließ der Schiedsrichter nicht gelten, weil er ein Foul des Tormachers Jannik Verstergaard erspäht hatte. Der 1,99-Meter-Mann beförderte den Ball nach einer Ecke per Kopf ins Tor. Das gab es in der vergangenen Saison nur einmal - und gerade Verstergaard, der längste Borusse aller Zeiten, soll da nun Abhilfe schaffen. Es scheint zu klappen, wie sich in Mannheim zeigte, auch wenn es nicht zählte, dieses Tor.

Fazit: Borussia kennt viele Wege zum Tor. Das ist gut. Was in Mannheim fehlte: der Fernschuss. Bei Borussia waren bisher Granit Xhaka und Havard Nordtveit Experten in dieser Disziplin. Beide sind weg. Doch gibt es noch immer Männer, die das können. Es gilt: machen. Der Portugiese Eder hat im EM-Finale gezeigt, dass es sehr lohnend sein kann, es aus der zweiten Reihe zu versuchen. Borussias Vize-Präsident Rainer Bonhof, anerkannter Fernschütze früherer Tage, dürfte diese These definitiv unterstützen.

Quelle: RP
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