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Borussia Mönchengladbach
Krisen-Bewältigung im Wandel der Zeit

Borussia Mönchengladbach: Krisen-Bewältigung im Wandel der Zeit
Ernüchterung nach dem Höhenflug: Im Herbst 2012 steckte Borussia unter Lucien Favre erstmals in einer Krise, verlor unter anderem 0:4 in Bremen. Doch Thorben Marx, Tony Jantschke und Co. fanden einen Ausweg. FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Jeder Negativlauf hat andere Umstände. Aus den Einzelheiten lässt sich jedoch lernen. Borussia steht nicht für Aktionismus. Von Jannik Sorgatz

"Schwierige Lage", "kritische Situation", "Zeit der Gefährdung" - das sagt der Duden, wenn er gefragt wird, was eine Krise ist. Das Wörterbuch hat sich als universeller Lebenserklärer so bewährt, dass der Duden-Eintrag auf jeden Fall den Schluss zulässt: Ja, Borussia steckt in einer Krise.

Nun kommt das selbst in den rosigen Zeiten, die vor mehr als fünf Jahren begannen, weder zum ersten noch zum zweiten noch zum dritten Mal vor. Balanciert man die Kriterien aus, berücksichtigt die Ansprüche der jeweiligen Zeit sowie die Ursachen der negativen Ereignisse, dann kommt man inklusive der aktuellen Phase auf vier Krisen. Unbestechlich wie der Duden sind die Zahlen: Den Herbst 2012, den Jahresbeginn 2014, den Saisonbeginn 2015 und den Herbst 2016 vereint die Tatsache, dass Gladbach jeweils in mindestens fünf Bundesligaspielen hintereinander sieglos blieb. Und sonst?

Krise I "Es tut mir leid, dass sich die Fans so etwas anschauen mussten", sagte Marc-André ter Stegen. Borussia hatte 0:4 bei Werder Bremen verloren, nur drei Wochen nach einem 0:5 bei Borussia Dortmund. Im Oktober 2012 dümpelte Gladbach dem Abstiegskampf entgegen.

Nicht nur vom Zeitpunkt her erinnert die damalige Krise an die aktuelle. Es war damals auch die erste Phase, in der ein Trainer, mit dem es zuvor fast nur nach oben gegangen war, Gegenwind spürte. Lucien Favre installierte Thorben Marx im Mittelfeld, was arg konservativ anmutete, aber mittelfristig die erhoffte Stabilität brachte. Vorne bekam Borussia die Kurve vor allem dank der Wundertaten Juan Arangos, der von Oktober bis Dezember durchgängig fürs "Tor des Monats" nominiert wurde. Gegen Hannover 96 beendete ein besonderer Treffer die Krise: Borussia hatte ein 0:2 schon überraschend ausgeglichen, dann setzte Arango einen Freistoß gefühlt von der Außenlinie zum 3:2 in die kurze Ecke. Für Hannover war es die erste Heimniederlage nach 22 Spielen. Ab dann holte Gladbach bis Weihnachten vier Siege, vier Remis und verlor nur einmal. So eine Quote dürfte den Verantwortlichen jetzt in sechs Partien auch vorschweben.

Krise II "Ich finde, es wird in Deutschland ein wenig übertrieben", sagte Lucien Favre am 7. Februar 2014. Borussia war gerade mit drei Niederlagen ins neue Jahr gestartet, nach zwei Unentschieden vor der Winterpause. Das war zunächst noch zu verkraften, weil Borussia zuvor einen echten Lauf gehabt und die Hinrunde auf dem dritten Platz beendet hatte.

Etwas später konnte sich der Schweizer gegen das Wort "Krise" nicht mehr wehren, denn seine Mannschaft brachte es fertig, vier Spiele in Folge trotz Führung nicht zu gewinnen. Ein Sieg im Prestigeduell bei Borussia Dortmund beendete die Krise. Drei Tage vorher war Favres Vertrag verlängert worden. Trotz 2:0-Führung wurde es auch gegen den BVB bedenklich eng am Ende, aber mit etwas Glück brachte Gladbach den Sieg über die Zeit.

Fortan war auch auf die offensiven Schlüsselspieler Raffael, Max Kruse und Juan Arango wieder Verlass. In diese Lage war Borussia übrigens ohne Mehrfachbelastung geschlittert. Die Krise kam, die Krise ging - ohne bleibende Schäden.

Krise III Natürlich hat das fiktive Szenario, wie es im September 2015 mit Lucien Favre weitergegangen wäre, einen enormen Reiz. Immerhin markierte sein freiwilliger Abgang das abrupteste Ende einer Krise in den vergangenen Jahren. Auf fünf Niederlagen in der Liga folgten unter André Schubert sechs Siege. Schon nach 20 Minuten führte Borussia in dessen erstem Spiel 4:0 gegen den FC Augsburg.

Krise IV Im Herbst 2016 ist von allem etwas dabei: Episches Auseinanderbrechen wie auf Schalke und in Berlin, eine seltene Mischung aus Unvermögen und fehlendem Glück wie gegen Hamburg mit den beiden verschossenen Elfmetern, eine Verletzungsserie mit einer Mischung aus Überbelastung und Unfällen, scheinbar widersprüchliche Ergebnisse in den Pokalwettbewerben. Sprich, es kommt einiges zusammen - die Lage ist schwierig, die Situation kritisch und etwas Gefährdendes hat die Zeit ohne Zweifel.

Fazit Welche Schlüsse erlaubt also die Krisenpolitik der vergangenen Jahre? Dass Borussia in ihrer Bundesligageschichte nur einmal länger auf ein Tor gewartet hat, verleiht der aktuellen Phase ihr Etikett. So wird man sich in der nächsten Krise an sie erinnern. Zum Derby gegen Köln hat sich die Verletztenlage aller Voraussicht nach etwas entspannt, der Rasen ist neu, es war Länderspielpause, es stehen viele Heimspiele an und bis Weihnachten ist unter Woche sogar zweimal spielfrei. Diese Voraussetzungen beenden keine Krise von alleine, aber lassen kaum noch Erklärungen zu, die nicht zu beeinflussen sind.

Aktionismus war in der Vergangenheit nie ein Mittel, erst Recht nicht bei Borussia. Erfahrungsgemäß zahlt sich Krisenerprobtheit in der nächsten schwierigen Lage aus, wobei die Abstände natürlich nicht kürzer werden dürfen. Doch das ist erst die übernächste Aufgabe für Schubert und seine Spieler.

Quelle: RP
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