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Borussia Mönchengladbach
Stindl: "Die Jungs kriegen es auch ohne mich hin"

Porträt: Lars Stindl: Vielseitiger Profi und Führungsspieler
Porträt: Lars Stindl: Vielseitiger Profi und Führungsspieler FOTO: dpa, ve sab
Mönchengladbach. Der gesperrte Angreifer Lars Stindl sagt, warum er Borussia einen Bärendienst erwiesen hat und warum seine Tore und Vorlagen logisch sind.

Herr Stindl, Sie haben ein Faible für den englischen Fußball und insbesondere für den FC Liverpool. Sind Sie ein bisschen neidisch auf Borussias kommenden Gegner FC Augsburg, dass der nun im Stadion an der Anfield Road spielen durfte?

Lars Stindl Liverpool hat sicher nicht nur bei mir, sondern allgemein im Fußball einen besonderen Stellenwert. Was uns angeht, ist man nicht nur auf Augsburg neidisch, sondern auch auf all die anderen deutschen Teams in der Euro League. Das gebe ich zu. Wir haben es leider nicht geschafft, weiter dabei zu sein. Und das tut gerade in so einer Woche, in der man die Spiele sieht, noch mal richtig weh.

Mit Borussia waren Sie immerhin bei Manchester City zu Gast, also auch auf der Insel. Wie hat es Ihnen im Etihad-Stadion atmosphärisch gefallen?

Stindl Unsere Fans waren da so tonangebend, dass man zwar die Atmosphäre mitbekommen hat, aber sich 80, 85 Minuten wie bei einem Heimspiel gefühlt hat. Darum war es trotz der Niederlage ein besonderer Abend.

Eine besondere Atmosphäre herrschte auch beim Derby gegen Köln. Teile der Fanszene hatten sich aus Protest zum Schweigen verurteilt. Sie haben Ähnliches auch schon in Hannover erlebt. Bekommt man so etwas mit auf dem Rasen?

Stindl Natürlich. Wir wurden auf die Situation vorbereitet und wussten, dass es kein Protest gegen die Mannschaft war, sondern dass es um die Fankultur ging. Wir haben das akzeptiert und haben uns auf das Wesentliche auf dem Rasen konzentriert. Das haben wir gut hingekriegt. Aber man merkt es schon, wenn die Unterstützung fehlt.

Können die Fans ein Team zum Erfolg tragen?

Stindl Mal ganz unabhängig von den Fans: Es ist doch die Atmosphäre im Stadion, die den Fußball auch ausmacht. Als Spieler saugt man sie auf - und sie kann in manchen Situationen schon helfen.

Also ist es ein Vorteil, dass Borussia in Auswärtsspielen auf viele Fans bauen kann?

Stindl Ganz sicher. Das beeindruckt nicht nur die eigene Mannschaft, sondern auch die gegnerischen Fans und das gegnerische Team. Oft sind unsere Fans sogar die, die lauter sind in den fremden Stadien. Das ist ein tolles Gefühl und macht einen Klub wie Borussia aus.

Sie waren beim Derby an allen wichtigen Szenen beteiligt: Sie haben am 1:0 mitgewirkt, haben eine Kölner Chance auf der Linie geklärt - und haben Gelb gesehen. Sind Sie ein Derby-Typ?

Stindl Es sind immer besondere Spiele und es gehört für mich einfach dazu, mich voll ins Spiel einzubringen: taktisch, spielerisch und emotional. Vielleicht hätte ich mich in der einen oder anderen Szene ein wenig zügeln müssen. Aber ich denke, in der Summe war alles im grünen Bereich. Wir sind auf dem Rasen hart, aber fair miteinander umgegangen.

Trotzdem: Sie sind in Augsburg gesperrt nach der fünften Gelben Karte. Damit haben Sie Borussia einen Bärendienst erwiesen. Denn Sie sind ein echter Augsburg-Experte, nicht nur wegen Ihres herrlichen Tores beim 4:2 im Hinspiel.

Stindl Das stimmt. Ich habe bislang kein Spiel gegen den FC Augsburg verloren. Das ist mir aber erst im Nachhinein aufgefallen, als mir mein Kumpel das geschrieben hat. Dumm gelaufen, würde ich sagen. Natürlich würde ich gern helfen, den Weg, den wir mit dem Derbysieg eingeschlagen haben, fortzuführen und vielleicht eine Serie zu starten wie in der Vorrunde. Aber wir haben viel Qualität im Kader, daher mache ich mir keine Sorgen, dass es die Jungs auch ohne mich hinkriegen.

Thorgan Hazard oder Branimir Hrgota könnten Sie ersetzen. Spielen sie mal Trainer: Was spricht für Hazard? Und was für Hrgota? Charakterisieren Sie die beiden.

Stindl Beide sind super Spieler. Branne hat gerade sicherlich eine schwierigere Zeit, aber er hat immer gezeigt, was er drauf hat, wenn er reinkam. Ich erinnere nur an das Pokalspiel gegen Bremen. Er hat eine unglaubliche Abschlussstärke und einen tollen linken Fuß. Thorgan ist ein sehr spielstarker, cleverer und schneller Spieler. Zuletzt war er auch sehr aggressiv und gut in den Kopfballduellen. Es ist sicherlich keine leichte Entscheidung für unseren Trainer.

Würde es Ihnen, wenn Sie Trainer wären, schwer fallen, die Entscheidung zu treffen und dann einem der beiden zu sagen: Du spielst nicht?

Stindl Darüber habe ich mir noch nie groß Gedanken gemacht. Ich bin ja noch Spieler. Aber natürlich sind es immer schwierige Situationen für einen Trainer, gerade, wenn man einen so guten Kader hat wie wir. Aber es ist so in diesem Business: Entscheidungen müssen gefällt werden und sind dann zu akzeptieren.

Beim ersten Derby dieser Saison hat es Sie noch getroffen: Sie saßen beim Spiel in Köln draußen. Dann gegen Augsburg ging es für Sie bei Borussia erst richtig los. Würden Sie das auch so sehen?

Stindl Allgemein war das Augsburg-Spiel für den Verein der echte Startschuss dieser Saison. Wie alle wissen, waren die ersten fünf Spiele nicht erfolgreich, und wir hatten das eine oder andere Problem. Gegen Augsburg haben wir uns den Frust von der Seele geschossen. Wir sind danach in einen unglaublichen Lauf gekommen. Aber das kam nicht aus dem Nichts. Wir hatten schon vorher hart gearbeitet. Doch erst gegen Augsburg hat es geklappt, alles richtig umzusetzen.

Das hatte auch mit Raffael und Ihnen zu tun, denn seit dem Augsburg-Spiel bilden Sie ein hoch effektives Angriffsduo. Warum passt es so gut mit Ihnen beiden?

Stindl (grinst) Es ist ja unsere Aufgabe, Tore zu machen oder vorzubereiten und Chancen zu kreieren. Wir stehen ganz vorn und sind daher dabei, wenn es gefährlich wird. Es wird zudem gut eingeleitet durch unsere Kollegen hinter uns. Aber ich bin ganz ehrlich: Es macht einfach jedem Fußballer Spaß, mit einem wie Raffa zusammenzuspielen.

Es wird viel diskutiert über die 9, die Neuneinhalb, die 10. Was sind Sie?

Stindl Raffa und ich sind beide keine echten Mittelstürmer, sondern Neuneinhalber. Wir sind Kombinationsspieler, die versuchen, Tiefe ins Spiel zu bekommen, Anschluss ans Mittelfeld zu schaffen, ein Wechselspiel hinzukriegen und über Stafetten den Gegner auszuspielen, um Chancen zu kreieren.

Ihr Vorgänger Max Kruse hat sich über Gladbach in die Nationalmannschaft geschossen. Könnte Ihnen das auch gelingen? Im Sommer ist die Europameisterschaft, es würde sich also lohnen.

Stindl Ich werde oft mit dem Thema konfrontiert, habe aber keinen Kontakt zur Nationalmannschaft. Jeder Spieler will gern dabei sein, das geht mir auch so. Aber ich bin realistisch und weiß, welche Qualität wir gerade auch auf meinen Positionen haben.

In Gladbach haben Sie verschiedene Positionen gespielt, zunächst vor der Abwehr, dann auf Außen und nun im Angriff. Anfangs haben Sie sich schwer getan als Sechser. Lag das an der Position?

Stindl Wir hatten allgemein Probleme. Auch ich. Das hatte nichts mit der Position zu tun, sondern damit, dass ich ganz einfach nicht die Leistung gebracht habe, die ich mir selbst gewünscht habe. Ich musste erst richtig ankommen in Gladbach. Ich hatte die Position vor der Abwehr schon gespielt - und das auch schon viel besser. Zum Glück haben wir alle dann den Turnaround geschafft. Und die Art und Weise, wie wir es geschafft haben, muss man uns hoch anrechnen. Borussia Dortmund hat im Jahr zuvor fast eine ganze Saison gebraucht, um noch auf Platz sieben zu kommen. Wir haben es binnen weniger Wochen geschafft, den Anschluss ganz nach oben zu bekommen.

Hat sich Borussias Fußball unter André Schubert im Vergleich zu Lucien Favre komplett verändert?

Stindl Jeder Trainer hat seine Ansichten. Mit Lucien Favre haben wir vor der Saison sehr intensiv gearbeitet, vor allem im taktischen Bereich. Und die Mannschaft war ja schon hervorragend geschult und sehr reif. André Schubert hat nach dem Trainerwechsel dann seine Ideen eingebracht: mehr Pressing, höheres Verteidigen, mehr Individualität. Das hat für den Moment sehr gut getan und wir waren sehr erfolgreich. Jetzt geht es darum, Dinge zu festigen. Aber die grundlegenden Dinge sind bei den meisten Trainern gleich.

Bei Borussia hat sich der Trainerwechsel ausgezahlt, in Hannover geht weiterhin nichts. Das muss Ihnen in der Seele wehtun, schließlich haben Sie in der vergangenen Saison wesentlich dazu beigetragen, dass 96 nicht abgestiegen ist.

Stindl Ich verfolge natürlich, was da passiert, ich war ja sehr lange in dem Verein. Ein paar Mal war ich live im Stadion und habe auch am Fernseher einige Spiele gesehen. Ein bisschen leidet man da auch noch mit. Leider sieht es nicht gut aus, der Rückstand ist groß. Aber, das weiß ich aus eigener Erfahrung, man muss daran glauben, so lange rechnerisch etwas möglich ist - dann müssen aber die Mechanismen greifen. Ich würde mich freuen, wenn 96 das hinkriegt.

Am Mittwoch gegen Stuttgart werden Sie, das darf man wohl stark vermuten, wieder ins Team zurückkehren. Es wird insgesamt eine wichtige Woche.

Stindl Es wird eine interessante Woche, das stimmt. Wir wollen in dieser englischen Woche so viele Punkte wie möglich holen, um eine gute Ausgangsposition für den Schlussspurt zu haben. Wir werden alles dafür tun, wieder großartige Momente im Europapokal erleben zu dürfen.

Dann könnten Sie vielleicht auch wieder von Spielen gegen Liverpool träumen. Apropos: Schlackern Ihnen manchmal die Ohren, wenn Sie hören, wie viel Geld da nun im Spiel ist?

Stindl Das sind utopische Summen, absolut. Aber es eröffnet den Vereinen, die Spieler für solche Summen nach England transferieren, neue Möglichkeiten. Sie können für das Geld wiederum mehrere gute Spieler kaufen. Aber dass das in England, aber auch in China Dimensionen annimmt, von denen keiner genau weiß, wohin das führt, ist schon krass.

Wäre für Sie ein Wechsel nach China denkbar, um mal eine andere Kultur kennenzulernen?

Stindl Gerade als ganz junger Spieler träumt man sicherlich, mal in Australien oder den USA zu spielen. Aber inzwischen haben sich die Prioritäten verändert. Es geht uns sehr gut in Deutschland, daher fühlen meine Familie und ich uns sehr wohl. Daher kann ich mir derzeit nicht vorstellen, ins Ausland zu wechseln. Und ich habe ja auch einen langfristigen Vertrag bei Borussia.

Wie spielt die Borussia am Sonntag ohne Lars Stindl in Augsburg?

Stindl Ich hoffe, dass wir 2:0 gewinnen.

KARSTEN KELLERMANN FÜHRT DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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