| 11.51 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Max-Christoph Stindl und Gänsehaut für die Geschichtsbücher

Einzelkritik: Borussias Innenverteidigung überzeugt
Einzelkritik: Borussias Innenverteidigung überzeugt FOTO: afp, pst/dg
Mönchengladbach. Stolz und Enttäuschung vermischten sich gegen 22.35 Uhr im Borussia-Park. In der Champions League ist der Fußball für Gladbach weniger ein Ergebnissport als in anderen Wettbewerben. Doch selbst Manchester City schien zu staunen. Von Jannik Sorgatz

1. 60 Minuten atemberaubend

"Enttäuschende Heim-Premiere für Borussia Mönchengladbach" – noch sieben Tage und ein paar Minuten vor dem Anpfiff gegen Manchester City war das eine Schlagzeile, die jeder halbwegs realistisch veranlagte Reporter vorschreiben konnte. Lucien Favre hatte nach sechs Niederlagen in Folge seinen Trainerjob beendet, die Borussia war Tabellenletzter, hatte den Königsklassen-Auftakt beim FC Sevilla mächtig vergeigt und André Schubert sollte den Verein auf halbwegs sicheren Beinen durch die Zeit nach der Trennung führen. Der Mittwochabend endete tatsächlich mit einer Enttäuschung: Gladbach durfte sich ärgern, nach einer atemberaubenden Leistung über knapp 60 Minuten Manchester City nicht einfach geschlagen und den dritten Sieg in Folge eingefahren zu haben – was dann wiederum eine Gemengelage ist, die alle Beteiligten extrem stolz zurücklässt.

2. Choreo für die Wohnzimmer-Wand

Das Gute an Champions-League-Abenden im Borussia-Park: Der Schiedsrichter könnte sich um 20.45 Uhr weigern, das Spiel anzupfeifen, und kein Zuschauer würde schlecht gelaunt nach Hause gehen. Dass nach Mannschaftsaufstellung und "Elf vom Niederrhein" die Hymne gespielt werden würde, hatte die Fans in Prä-Gänsehautstimmung versetzt, seit die erste Teilnahme an der Königsklasse am 16. Mai in Bremen klargemacht wurde. Von einer Choreo war auch auszugehen gewesen, und wer Ultras kennt, kann sich denken, dass die sich an diesem großen Abend nicht lumpen lassen würden. Als dann aber das gesamte Stadion schwarz-weiß-grüne Pappe nach oben hielt und die Wappen der Gladbacher Vereinsgeschichte auf den Rängen erschienen, konnten 10.000 Poster ohne großes kaufmännisches Risiko in den Druck gehen.

3. Partystimmung im Zweitstudium

Yann Sommer taugte nach dem Abpfiff dann als Sinnbild für 90 über weite Strecken mitreißende Minuten. Die medizinische Abteilung schien jeglichen geeigneten Inhalt ihres Koffers in die Nasenlöcher des Schweizers gesteckt zu haben, um die Blutung zu stillen. Doch Sommer ging keineswegs mit schmerzverzerrtem Gesicht in Richtung Nordkurve, um sich bei den Fans zu bedanken. Eher schien er den Abend mit Oscar Wendt, dessen Knie ihm die Verletzung in der Nachspielzeit zugefügt hatte, zu resümieren wie zwei Erstsemester die erste rauschende Partynacht an der Uni. Wobei Sommer und Wendt, in Basel und Kopenhagen in der Champions League aktiv, bereits ein Zweitstudium absolvieren.

4. Fünf in neun

Lars Stindl heimste mit dem ersten Champions-League-Tor in Borussias Geschichte die handfesteste Auszeichnung ein. Max Kruse hatte vergangene Saison wie Stindl nach neun Einsätzen ebenfalls fünf Tore auf dem Konto und traf danach ein halbes Jahr lang nur noch vom Elfmeterpunkt. Insofern kann Stindl für sich reklamieren, dass er Kruse und den chronisch torungefährlichen Christoph Kramer zumindest in dieser Hinsicht herausragend ersetzt. Ein Tor mehr hätte es sein können, wenn sich der Neuzugang von Hannover 96 in der 20. Minute den Ball geschnappt hätte und auch vom Elfmeterpunkt in Kruses Fußstapfen getreten wäre. Die Möglichkeit, dies nachzuholen, wurde Stindl von Schiedsrichter Clement Turpin anschließend noch zweimal zu Unrecht verwehrt.

5. Daems weint

Raffaels Schuss, den Englands Nationaltorwart Joe Hart problemlos parierte, zeugte von einem ausgeprägten Fair-Play-Verständnis. Nach einem "Ich gehe nächsten Sommer für 30 Millionen auf die Insel, obwohl ich dann schon 31 bin"-Solo hatte der Brasilianer sich fallen lassen. Turpin zeigte auf den Punkt, was allein schon verdächtig war, weil er seinen Torrichter intensiv in die Entscheidungsfindung einbezogen hatte. Da musste etwas faul sein. Doch warum schoss Raffael? Seit seinem Wechsel aus der Schweiz nach Deutschland hatte er einen einzigen in der Bundesliga für Schalke schießen dürfen. Im DFB-Pokal gegen Arminia Bielefeld scheiterte er erst im April. Auf der Tribüne dürfte Filip Daems, Zuverlässigkeit in Person a. D., das Gesicht in seinen Händen vergraben haben.

6. Das fehlte noch

Ein Elfmeterproblem kann die Borussia nicht auch noch gebrauchen, sie hat doch schon eins. Neun verursachte Elfmeter in zehn Pflichtspielen sind einfach der Wahnsinn. Korrekt wäre ja sogar die Aussage: neun in den vergangenen sieben Partien. Unter Schubert ließ Gladbach in drei Spielen neun Großchancen zu, davon vier vom Punkt. "In der Tat müssen wir uns dem stellen", sagte der Interimstrainer. "Wir können nur darauf hinweisen und mit den Jungs daran arbeiten, dass wir eher blocken, den Gegner stellen, nicht zu aktiv werden in den Zweikämpfen. Es macht niemand absichtlich Fehler." Ein absichtlich verursachter Elfmeter ist – oh Wunder – neben einem Handelfmeter eine der wenigen Arten, die die Borussia noch nicht produziert hat.

7. Staunendes City

Per Elfmeter und nach einer Ecke erzielte ManCity also seine Tore. In der Rückrunde unter Favre war beides nicht einmal passiert. Dass Patrick Herrmann sich den Ball an der eigenen Eckfahne selbst zum Fallrückzieher in die Luft legt und am anderen Ende nach einem Traumpass von Raffael frei vor dem Tor steht, sieht man jedoch auch nicht alle Tage. Das Prinzip "Mut und Fehler" unter Schubert hat eben seine Tücken. Nicht nur wegen der Elfmeterseuche dürften 1:0-Siege momentan von der Tagesordnung gestrichen sein. Dem neutralen Beobachter bereitet das jedoch so viel Spaß, dass selbst Citys Weltklasse-Elf zeitweise in diese Rolle verfiel – staunen und hinterherlaufen.

8. "Mut und Fehler" plus Favre

Bei 12:10 lag das Torverhältnis nach Stindls Führungstreffer. Bis zum Ende zog Manchester noch auf 13:26 davon, 1:16 Torschüsse aus Sicht der Borussia in einer guten halben Stunde. Es kann nicht nur dem Laufpensum in diesem Spiel geschuldet gewesen sein, dass Gladbach nach dem 1:0 nur noch einmal in den gegnerischen Strafraum kam. In der 69. Minute wurde die Statistik eingeblendet: 90:84 Kilometer, deutliche Vorteile für die Borussia also, aber ein Wert, der völlig im eigenen Bundesligaschnitt liegt. City dagegen war so wenig gelaufen, dass der Hamburger SV von der Boulevardpresse zerrissen werden würde, wenn so eine Statistik auftaucht. Die "Mut und Fehler"-Borussia muss sich zumindest wieder so sehr auf Favres Schule besinnen, dass sie den Gegner konsequenter aus dem Strafraum heraushält – was obendrein eine so banale wie clevere Lösung des Elfmeterproblems wäre.

9. Korbs Tatendrang

Julian Korb durfte seinen Platz in der Mannschaft behalten, obwohl Tony Jantschke wieder an Bord war. Er dankte es Schubert mit einer seiner ungewöhnlichsten Leistungen in 62 Pflichtspielen für die Borussia: Einmal tauchte er am gegnerischen Strafraum auf wie ein aggressiver Hund, der den Briefträger am Gartentor attackiert. Eine Raffael-Chance bereitete Korb mit dem vielleicht besten Zuspiel seiner noch jungen Karriere vor. Der Assist zum 1:0 war dann erst sein zweiter im Gladbach-Trikot. Korbs Tatendrang konnte sogar Probleme mit Raheem Sterling im Eins gegen Eins und ein teilweise übertriebenes Einrücken überstrahlen.

10. Und nun Wolfsburg

Ein wenig ist der Fußball als Ergebnissport in der Champions League außer Kraft gesetzt. Kein Borusse sagte in ein Mikrofron: "Man muss bedenken, dass wir hier auch 1,5 Millionen Euro gewinnen konnten. Jetzt stehen wir mit leeren Händen da." Vielmehr ist es für den VfL, sicher auch in der Außendarstellung, ein riesiges Geschenk, noch vier solcher Abende und davon zwei im eigenen Stadion erleben zu dürfen. Am Samstag kommen die Wolfsburger, die eine ähnliche Geschichte von einem Spiel gegen Manchester erzählen können. Allerdings fielen die Niedersachsen am Mittwochabend nicht in ihre eigenen Betten, müssen am Freitag nach Gladbach reisen, haben den Lewandowski-Schock aus München noch irgendwie im Kopf und leben momentan in einer Stadt, die aufgrund eines historischen Skandals die Weltnachrichten bestimmt. Wie idyllisch der Niederrhein doch sein kann.

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