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Borussia Mönchengladbach
Stindls 3-3-3 und ein Abend mit Auszeichnung

Einzelkritik: Note 1 für Stindl
Einzelkritik: Note 1 für Stindl FOTO: afp, PST/ej
Düsseldorf. Lars Stindl übertrifft seinen Vorgänger Max Kruse mittlerweile in fast allen Belangen. Der 27-Jährige ragte beim 4:2 gegen den FC Sevilla zwar heraus, der alles entscheidende Faktor war jedoch wieder das Kollektiv. Von Jannik Sorgatz

1. Durststrecken beendet Sechs Europapokal-Spiele in Folge hatte die Borussia nicht gewonnen, nach knapp einem Jahr war sie mal wieder erfolgreich und das gleich auf historische Weise – mit dem ersten Sieg in der Champions League. So langsam verblasst die Erinnerung daran, dass es zwischen dem 29. Oktober 1996 und dem 29. August 2012 insgesamt 15 Jahre und zehn Monate lang keinen Erfolg im internationalen Geschäft gegeben hatte. Von den mehr als 37 Jahren seit dem Sieg gegen den FC Liverpool im Landesmeister-Pokal muss man da erst gar nicht anfangen.

2. 2024 dann Barcelona Der nostalgische Wert der Nordkurven-Choreografie war dagegen genau richtig. Auf drei riesigen Anzeigetafel-Bannern erinnerten die Macher an Siege gegen Juventus Turin (2:0, 1975), den FC Arsenal (3:2, 1996) und Real Madrid (5:1, 1985). Garniert wurde das mit einer Zeile aus dem in den vergangenen Jahren etwas in Vergessenheit geratenen Lied "Es gibt nur eine Borussia": "Immer Underdog und doch ganz groß; bei Borussia war jetzt immer was los." Dass das Spiel anschließend das Potenzial entwickelte, 2024 vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Barcelona gewürdigt zu werden, machte die Sache unfassbar rund.

Fotos: Borussia-Fans zeigen Anzeigetafeln-Choreo FOTO: Dirk Päffgen

3. Drmic statt Hazard für Traoré Als Schiedsrichter Damir Skomina aus Slowenien nach 92 Minuten abpfiff, war beinahe vergessen, wie schlecht die Partie aus Borussia-Sicht begonnen hatte. Ibrahima Traoré muss sich gefühlt bei der Hymne oder beim Mannschaftsfoto den Oberschenkel gezerrt haben. Nach 80 Sekunden fasste er bereits dort hin, nach fünf Minuten und einer kurzen Behandlung versuchte er es noch einmal, in der 13. Minute kam Josip Drmic. "Langsam wird es eng", sagte Max Eberl nach dem Spiel. Damit meinte der Sportdirektor natürlich das Verletzungspech und nicht Thorgan Hazard, für den die Nicht-Einwechslung ein weiteres klares Zeichen war, welches Standing er momentan bei André Schubert genießt.

4. Schubert hakt ab Wie so oft hat die Borussia die personellen Sorgen mit einer überragenden Mannschaftsleistung abgefangen. Natürlich ragen Spieler wie am Mittwochabend Lars Stindl aus dem Kollektiv heraus, es gibt aber auch die "unbesungenen Helden" wie Julian Korb oder Fabian Johnson, die Gladbach momentan zum drittaufregendsten Team aus Deutschland machen nach den Bayern und Dortmund. Schubert hat in seinem zweiten Spiel als Chef auf der To-Do-Liste bis zur Winterpause nach dem Punkt "Favoritensieg gegen schwächer einzuschätzenden Gegner" gleich den zweiten abgehakt: "Pflichtsieg in der Champions League, um auf Platz drei zu springen."

Pressestimmen: "Schubert, bleib bei deinen Leistungen" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

5. Schneller als mit der Straßenbahn Wer einen Schlüssel zum Erfolg finden will, muss sich nur die Entstehung der vier Tore gegen Sevilla anschauen. Zwei fielen nach Ballgewinnen, zweimal begann der Angriff bei Torwart Yann Sommer. Immer hatten die Treffer weniger Stationen als eine innerstädtische Straßenbahn: sieben, acht, sechs und sechs. So verteilten sich die insgesamt 27 Stationen auf alle Spieler, die länger als eine Viertelstunde auf dem Platz standen:

  • 6 Raffael
  • 4 Drmic
  • 3 Stindl
  • 2 Dahoud, Xhaka, Sommer, Korb, Johnson, Nordtveit
  • 1 Wendt
  • 0 Christensen

6. Der Haltestellenplan Dass bis auf Andreas Christensen und Oscar Wendt alle Spieler, sogar Sommer, mehrmals beteiligt waren, zeigt der genaue Passweg vor den Toren, jeweils beginnend beim Balleroberer oder bei einem Abwurf bzw. Abschlag des Keepers:

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7. Stindls 3-3-3 Wie gesagt, aus einer Elf, die kaum auszurechnen ist, ragte Borussias neuer Rekord-Champions-League-Schütze Stindl heraus. In allen drei Wettbewerben hat der Ex-Hannoveraner jetzt jeweils dreimal getroffen. Die Bezeichnung "Kruse-Ersatz" ist längst kein Quatsch mehr, weil Stindl inzwischen aus dem Spiel heraus genauso viele Tore erzielt hat wie Kruse in der gesamten vergangenen Saison. Alle 109 Minuten produziert er einen Scorerpunkt, sein Vorgänger benötigte 123 dafür. Stindls Statistiken, in diesem Fall die aus der Bundesliga, sind sogar durchgehend besser:

  • Stindl: 83 % Passquote, 2,3 Schüsse pro Spiel, 12,1 km/90 Min., 44 % gew. Zweik.
  • Kruse: 81 % Passquote, 2,0 Schüsse pro Spiel, 11,2 km/90 Min., 39 % gew. Zweik.

8. Schubert ist nicht berechnend Als das Heimspiel gegen Juventus Turin vor drei Wochen zu Ende und die Borussia aus der Champions League ausgeschieden war, wollten viele Fans es zunächst gar nicht glauben. Auch Damals-noch-Interim Schubert schien das drohende Aus nicht auf dem Schirm zu haben, er wechselte in Überzahl nur einmal positionsbezogen. Beim Ergebnis von 3:0 gegen Sevilla wäre Gladbach in der Lage gewesen, mit einem Punkt bei Manchester City weiterzukommen, solange die Spanier nicht mit vier Toren gegen Turin gewinnen. Dieses Rechenspiel hatte sich mit dem Gegentor durch Vitolo erledigt, doch die Borussia hätte ja – so absurd die Forderung klingen mag – lediglich mit aller Gewalt aufs fünfte Tor gehen müssen, nachdem Stindl so schnell das vierte gelungen war. Stattdessen brachte Schubert Nico Elvedi für Fabian Johnson. Auf die Interview-Frage, ob ihm bewusst gewesen sei, dass der direkte Vergleich flöten ging, antwortete Schubert: "Ich wusste ja nicht einmal, dass wir dieses Spiel gewinnen." Das ist sehr ehrlich, aber womöglich etwas zu kurz gedacht.

9. Zur Not auch 183 Gegentore Nichtsdestotrotz stehen die Chancen gut, dass die Borussia am Ende den dritten Platz erreicht und die Reise im Februar in der Europa League weitergeht. Solange Sevilla nicht gegen Turin gewinnt, kann Gladbach in Manchester mit 0:183 verlieren – mindestens. Hoffnung müsste dem VfL die Tatsache machen, dass die Turiner es sich sicher gut überlegen werden, ob sie im Achtelfinale gegen die Bayern oder Barcelona spielen wollen, oder ob sie es doch erst einmal mit Benfica oder Gent probieren. Aber so defensiv muss die Borussia den letzten Spieltag gar nicht angehen: Viel angebrachter wäre die Diskussion, ob sie mit diesen Leistungen nicht in den meisten anderen sieben Gruppen weitergekommen wäre.

10. Abend mit Auszeichnung Das 4:2 gegen Sevilla war das 13. internationale Heimspiel im Borussia-Park. Ohne sich die zwölf vorherigen im Schnelldurchlauf anzuschauen, kann man den Titel "Größter Europapokal-Abend im neuen Stadion" jedoch nicht vergeben: 1:3 gegen Kiew, 2:4 gegen Fenerbahce, 2:0 gegen Marseille, 2:0 gegen Limassol, 3:3 gegen Lazio, 7:0 gegen Sarajevo, 1:1 gegen Villarreal, 5:0 gegen Limassol, 3:0 gegen Zürich, 2:3 gegen Sevilla, 1:2 gegen Manchester, 1:1 gegen Turin, 4:2 gegen Sevilla. Okay, der Superlativ dürfte in Ordnung gehen.

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