| 18.01 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Favres sechs Sekunden und Laufbereitschaft im Stau

Pressestimmen: "Der Albtraum geht weiter!"
Pressestimmen: "Der Albtraum geht weiter!" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO
Frankfurt/Mönchengladbach. Ein wenig eingrenzen lässt sich das Saisonfazit nach dem 0:0 gegen Eintracht Frankfurt schon: Borussia Mönchengladbach ist so gut wie seit mindestens drei und seit maximal 31 Jahren nicht. Exaktere Antworten wird erst der Endspurt liefern. Und der beginnt genau jetzt. Von Jannik Sorgatz

1. Kein Autokorso
Es hatte was von einem Übergangsspiel: Nach der Siegesserie ist vor dem Saisonfinale. Dass ein vermeintlich schnödes 0:0 bei Eintracht Frankfurt genügte, um essentielle Weichen fürs nächste Jahr zu stellen, ging beinahe unter. Bereits nach 29 Spieltagen ist der Borussia der sechste Platz nicht mehr zu nehmen. Dass der Niederrhein angesichts eines solchen Erfolges weit davon entfernt ist, zu einem flächendeckenden Autokorso zu mutieren, zeugt von der Stabilität des Erfolges. Selbst wenn es aufgrund eines epischen Einbruchs und einer nicht für möglich gehaltenen Aufholjagd der Schalker und Augsburger nicht mehr als die Europa League werden sollte, kann Geschäftsführer Stephan Schippers Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich quasi sicher verbuchen. In den vergangenen 20 Jahren hatte Gladbach das europäische Geschäft nie vor dem 30. Spieltag klargemacht.

2. Beste Borussia in 31 Jahren?
Wo sich diese Spielzeit in der Vereinshistorie einsortiert, werden die kommenden Wochen zeigen. Momentan schimmert die Saison 1983/84 als erste am Horizont, die die Borussia nicht mehr übertreffen kann. Mit umgerechnet 69 Punkten verpasste der VfL damals unter Trainer Jupp Heynckes nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz den sechsten Meistertitel. Alles andere ist noch machbar. Derart wenige Niederlagen hatte Gladbach zum selben Zeitpunkt zuletzt 1986 kassiert, damals waren es sogar nur vier statt fünf nach 29 Spieltagen.

3. (Un)wichtiger Punkt
Legt man die Deutungshoheit über das torlose Remis in Frankfurt in die Hände der Medienlandschaft, tendiert das Urteil in Richtung einer Enttäuschung. Die Wörtchen "Dämpfer" und "nur" dienen als Indizien. Die beliebteste Aussage auf Seiten der Borussia war dagegen: "Der Punkt könnte noch wichtig werden." Da wiederum fällt es schwer, zu widersprechen. Man nehme nur folgendes Szenario: Gladbach holt noch zehn Punkte aus fünf Spielen, darunter drei gegen die Leverkusener, die zusätzlich nur gegen die Bayern verlieren – dann wäre es ein Zähler Vorsprung bei einem vermutlich schlechteren Torverhältnis. Eine andere Theorie, noch wahrscheinlicher: Der eine Punkt ist am Ende völlig egal.

4. Thomas-Schaaf-Fluch
Seit 1987 ist der Borussia kein Sieg in Bremen gelungen. Seitdem war sie nie so nah dran wie in der vergangenen Saison, als der Ausgleich erst in der 88. Minute fiel. Was der Bremen-Fluch in diesem Zusammenhang zu suchen hat? Unter Umständen ist der Bremen-Fluch seit Jahren ein Thomas-Schaaf-Fluch. Der Trainer der Frankfurter verlor keines seiner zwölf Werder-Heimspiele gegen Gladbach (acht Siege, vier Unentschieden), in der Liga hat er die Serie jetzt auch mit Frankfurt fortgeführt. Weitere Aufschlüsse, ob die Borussia jahrelang aufs falsche Angstgegner-Pferd gesetzt hat, gibt es am 16. Mai – dann steht das nächste Gastspiel in Bremen an.

5. Auf der Suche nach der "Tiefe"
Auch das sogenannte Tracking hat seine Grenzen. Laufwege, die außerhalb des Stadions zurückgelegt werden, bleiben von den Statistik-Dienstleistern der DFL unberücksichtigt. Somit ist unklar, wie viele Meter die Borussen vor dem Spiel zurückgelegt haben, als sie einen Baustellen-Stau zu Fuß umgingen. 114,3 Kilometer wurden offiziell über 90 Minuten gemessen, weniger lief das Favre-Team zuletzt am 16. Spieltag gegen Bremen, mindestens 118 Kilometer waren es in der Rückrunde bislang immer gewesen. "Wir haben es nicht geschafft, heute die Tiefe zu finden", sagte Tony Jantschke. Womöglich haben er und seine Kollegen sie auch zu selten gesucht.

6. Borussia hilft Real
Bei 51:57 stand das Torverhältnis der Eintracht vor dem Spiel, bei 51:57 steht es immer noch. Die Frankfurter schienen selbst etwas irritiert nach ihrem ersten 0:0 unter Thomas Schaaf. Schließlich hatte jeder, der den Unterhaltungswert einer Mannschaft nur an Toren festmacht, der Eintracht bescheinigen dürfen, dass sie von allen Teams in den großen Ligen am meisten Entertainment bietet. Vor diesem Wochenende lag Frankfurt mit durchschnittlich 3,86 Treffern knapp vor Real Madrid. Nun gut, die Gegner durften zu diesem Wert deutlich mehr beisteuern als bei den "Königlichen". Und was soll Gladbach mit der Abnormalität des 0:0 anfangen? Ein wenig darf die Mannschaft sich darauf einbilden, dass ihre Gegner anscheinend meinen, sich neu erfinden zu müssen, um etwas zu holen gegen die Borussia.

7. Von fünf auf zwei
Aufgrund des ungeplanten Spaziergangs ließ die Aufstellung am Freitagabend etwas länger auf sich warten. Doch was dann übermittelt wurde, überraschte auf keiner einzigen Position. Lucien Favre hat seine Stammelf für den Endspurt gefunden. Allenfalls ein genesener Martin Stranzl oder Nutznießer von Gelbsperren scheinen momentan eine Chance zu haben. In den Englischen Wochen im Februar lag Favres Rotationsschnitt bei fünf Spielern pro Partie, seitdem hat er ihn auf zwei reduziert. Selbst ein Fabian Johnson darf sich auf links inzwischen als Stammkraft bezeichnen.

8. Nachrichtenmann Favre
Lucien Favre schien sich nicht nur im Klaren darüber zu sein, dass seine Antwort ein paar Meldungen verursachen würde. Er schien sie im Kopf selber zu schreiben. Also dauerte es ganze sechs Sekunden, bis Borussias Trainer verkündete: "Sie können sagen, dass ich nicht nächste Saison nach Dortmund gehe. Definitiv. " Dass der Schweizer an dieser Stelle keinen Anlass sah, Treuebekenntnisse über den Start der Saison 2015/16 hinaus zu formulieren, überraschte kaum. Am Montagmorgen entließ Hannover 96 seinen Cheftrainer Tayfun Korkut. Elf Tage vorher hatte dessen Präsident Martin Kind gesagt: "Wir ziehen das mit Herrn Korkut bis zum Saisonende durch. Es wird bei uns in dieser Saison keinen Trainerwechsel geben." Favres Aussage dürfte dagegen von ungleich größerem Wert sein.

9. 4+2=1
Wenn am Sonntag der VfL Wolfsburg im Borussia-Park zu Gast ist, werden mathematische Grundregeln umgeschrieben. "4+2=1" heißt es dann, wenn der Tabellenvierte im Duell mit dem Zweiten den Ersten küren kann. Holen die Bayern am Samstagabend einen Punkt gegen Hertha und gewinnt Gladbach gegen die "Wölfe", ist die Meisterschaft entschieden. Gleiches gilt, wenn die Bayern gewinnen und Gladbach wenigstens einen Punkt holt. Meistermacher war die Borussia zuletzt 2012 in Dortmund – damals musste sie aber gegen den BVB verlieren, um indirekt das Titelrennen zu entscheiden. Diesmal wirkt ein Eingreifen weitaus verlockender.

10. Spitze in der Viertklassigkeit
Die Stichworte "Meisterschaft", "schwarz-gelb" und "Wolfsburg" passen auch zum folgenden Thema: Am Freitag hat die U23 der Borussia das Spitzenspiel der Regionalliga West bei der schwarz-gelben Alemannia aus Aachen 0:2 verloren. Obwohl es zur Überschneidung mit dem Spiel der ersten Mannschaft in Frankfurt kam, füllten mehr Borussen den Gästeblock als der VfL Wolfsburg bei vielen seiner Auswärtsauftritte. 21.200 Zuschauer sorgten auf dem Tivoli für eine stattliche Zweitliga-Kulisse. Trotz der Niederlage ist die U23 weiterhin Tabellenführer vor den punktgleichen Aachenern und hat noch ein Spiel in der Hinterhand. Die Aufstiegsspiele gegen den Meister der Nord-Staffel sind damit in Reichweite. Gegner wäre eine der Zweitvertretungen aus Bremen, Hamburg – oder Wolfsburg.

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