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Borussia Mönchengladbach
"Einige Szenarien sind schon sehr amüsant"

Das ist Max Eberl
Das ist Max Eberl FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Borussias Sportdirektor Max Eberl spricht im ersten Teil des RP-Interviews über Wahnsinn auf dem Transfermarkt und die Kaderplanung

Herr Eberl, müssen Sie in diesem Sommer ein wenig mit Ihren Prinzipien brechen bei der Planung des Borussen-Kaders?

Eberl Was sind denn meine Prinzipien?

Dass die Kaderplanung früh abgeschlossen ist und meistens möglichst alles bis zum Trainingslager getan ist, damit der Trainer den gesamten Kader zur Verfügung hat.

Eberl Es ist oft so. Wir haben aber auch schon Spieler später geholt. Luuk de Jong kam beispielsweise erst nach dem Trainingslager, Andreas Christensen kam im vergangenen Jahr erst zum Fototermin. Aber es stimmt, dass es unser Wunsch ist, früh fertig zu sein. Allerdings geht es uns nicht darum, die Entscheidung zu treffen, nur um schnell durch zu sein. Wir wollen die bestmöglichen Entscheidungen, und das kann auch schon mal dauern. In den vergangenen Jahren war es aber tatsächlich so, dass ein Großteil der Transfers frühzeitig getätigt war.

Wird sich die Situation im Sommer trotzdem noch mal anders darstellen durch den Hype in England? Werden Sie möglicherweise bis zum letzten Tag der Transferperiode nicht genau wissen, ob der Kader bleibt, wie er ist, weil noch Angebote von der Insel eintreffen?

Eberl Nein, denn ich weiß ja, dass keiner unserer Spieler gehen kann, weil es entsprechende Verträge gibt. Damit ist die Entscheidungslage doch relativ klar. Wir als Verein haben das Heft des Handelns in der Hand. Und ich habe oft genug betont, dass ich, wenn eine Saison schon läuft, keine Transfers mehr machen will. Das weiß auch jeder Spieler. Und ich denke, dass auch jeder Spieler frühzeitig wissen will, woran er ist. Allerdings wird oder kann sich in diesem Sommer durch die Europameisterschaft alles zeitlich etwas nach hinten verschieben. Trotzdem wird sich für mich aller Voraussicht nach nicht die Situation ergeben, dass ich in den letzten Tagen der Transferperiode großartig aktiv werden möchte.

Wenn man die aktuelle Gerüchtesituation anschaut, kann man auf die Idee kommen, dass im Sommer der ganz große Ausverkauf droht.

Eberl (grinst) Dann würden wir das Stadion abbezahlen und gleich auch noch das geplante Hotel und wären dann finanziell absolut auf Rosen gebettet. Aber Spaß beiseite: Gefühlt ist es doch jedes Jahr so, dass uns vier, fünf Stammspieler verlassen und gesagt wird, dass der große Umbruch käme. Vergangene Saison war früh klar, dass Max Kruse und Christoph Kramer gehen werden, aber es wurde immer gesagt, es würden noch mehr Stammspieler gehen. Das ist nicht passiert. Jetzt, durch den englischen Markt sicherlich befeuert, habe ich das Gefühl, dass jeder den anderen überbieten will mit Meldungen, wer für wie viel wohin geht und es werden sogar schon einige Szenarien konstruiert, dass Klubs Spieler von uns kaufen und an uns wieder zurückverleihen - das ist schon sehr amüsant.

Gibt es konkrete Angebote?

Eberl Es gibt keine Angebote. Und ich will auch nicht, dass jemand etwas anbietet.

Ein Spieler wurde schon verpflichtet: Tobias Strobl. Es ist eine schon etwas überraschende Personalie, die nicht gleich auf der Hand lag. Oder ist es ein typischer Max-Eberl-Transfer?

Eberl Sicherlich ist es etwas überraschend - vordergründig. Aber wir haben immer gesagt, dass die Mischung im Kader für uns elementar wichtig ist. Wir verlieren in Havard Nordtveit einen Strukturspieler, der sehr flexibel ist und der eine super Mentalität hat. Wir haben in Tobias Strobl einen gefunden, der nahtlos in die Fußstapfen von Havard treten kann, weil seine Art des Fußballs sehr ähnlich ist und er eine herausragende Mentalität hat. Er hat Bock auf die neue Herausforderung Mönchengladbach - und genau das sind die Spieler, die wir immer haben wollen. So gesehen kann man schon sagen: ein typischer Borussia-Transfer.

Strobl ist nach Peniel Mlapa und Fabian Johnson der dritte Spieler, der aus dem Nachwuchs von 1860 München stammt und über Hoffenheim nach Gladbach kommt. Das ist schon seltsam: Die Löwen bringen viele tolle Spieler hervor, als Klub haben sie aber große Probleme.

Eberl Man kann noch die Bender-Brüder oder Kevin Volland dazu nehmen. 1860 macht eine super Jugendarbeit, von der viele Vereine profitieren. Wir sind froh, dass wir in Tobias Strobl einen Spieler gefunden haben, der sehr viele Facetten hat und uns in unserer Struktur ein großes Stück nach vorne bringt.

Auch Borussia bringt seit Jahren Talente hervor, jüngst ist Mo Dahoud das beste Beispiel. Wird die, sagen wir, Eigenproduktion von Talenten angesichts der Wahnsinns-Transfersummen immer wichtiger?

Eberl Wir verfolgen das Prinzip, auf den eigenen Nachwuchs zu setzen, schon seit sieben Jahren: Levels, van den Bergh, Marin, Herrmann, Jantschke, ter Stegen, Korb, Blaswich, Younes, jetzt Mo Dahoud und Marvin Schulz und in Zukunft Torwart Moritz Nicolas und Tsy William Ndenge - der Reigen der Spieler, die bei uns den Sprung schaffen, ist groß und soll auch groß bleiben, weil es schon immer ein wichtiger Faktor in unserer Kaderstruktur war und sein soll. Es ist unser Credo, mit jungen Spielern zu arbeiten, das zeigt das Nachwuchsleistungszentrum, das zeigen die Transfers. Gute Spieler entwickeln und kreieren, gute Spieler fördern - aber auch gute Spieler finden, diese Symbiose ist es, die wir verfolgen. Es ist toll, Mo Dahoud zu haben, aber es ist auch toll, Andreas Christensen oder Nico Elvedi zu haben. Diese Facetten müssen wir weiter verfolgen und immer kreativ bleiben, bei dem Wahnsinn auf dem Transfermarkt.

Christensen ist ein gutes Beispiel: Er kommt aus der zweiten Reihe eines britischen Top-Klubs, wie zuvor auch Thorgan Hazard. Auch das bleibt eine Facette bei der Kaderplanung?

Eberl Begonnen hat das ja schon mit Havard Nordtveit, der vor fünf Jahren von Arsenal London kam. Natürlich ist auch das ein wichtiger Part, den es zu beobachten gilt. Wichtig ist, Spieler immer weiter zu verfolgen. Wenn mal eine Entscheidung gefallen ist, heißt es ja nicht, dass sie endgültig ist, sondern dass es später auch eine andere Chance geben kann, sie zu bekommen. Wir haben es mit Nordtveit, Christensen und Hazard erlebt, dass sie bei uns die nächsten Schritte machen. Borussia ist ein Verein, der sich in diese Nische begibt und sie gut einschätzen kann.

Die Zahl der Spieler, die regelmäßig auf dem Scouting-Radar Borussias sind, ist groß. Ist die Breite wichtig?

Eberl Richtig. Unsere Scouts müssen die verschiedenen Ligen kennen, müssen den Nachwuchs kennen. Daraus ergibt sich das große Portfolio. Unsere Datenbank umfasst viele Spieler und zudem viele Berichte über Spieler. Dann muss man das Puzzle zusammenbringen und schauen, welcher Spieler in welcher Situation am besten passt. Man muss dann natürlich auch abklopfen, ob es machbar ist und die Spieler wollen - aber wir haben auf diese Weise einen guten Weg gefunden, Spieler, die uns verlassen, ersetzen zu können, auch wenn es natürlich immer wieder schwierig ist.

Werden auch Trainer gescoutet? André Schubert zum Beispiel?

Eberl André Schubert haben wir ganz bewusst geholt. Wir haben gesagt, als uns Sven Demandt verlassen hat, dass wir für unsere wichtigste Nachwuchsmannschaft, die U23, einen Trainer brauchen, der eine ähnliche Gedankenwelt hat wie Lucien Favre. Es war kein Scouting, wir kannten André. Es war ein guter Schritt, ihn für uns zu gewinnen - das hat sich im Nachhinein ja noch mal nachhaltig bewahrheitet. Was das Trainer-Scouting angeht: Natürlich beobachtet man junge Trainer und ihre Ansätze, es geht darum Trainer und ihre Arbeitsweise zu kennen und ihren Weg zu verfolgen.

Derzeit planen sie mit Schubert für die neue Saison. Sie können mit der Chance auf Europa werben. Hilft das, Topspieler zu bekommen?

Eberl Wenn wir keinen sportlichen Erfolg haben und auch keine großen Transfererlöse, können wir auch keinen Topspieler verpflichten. Aber ich kann sagen: Der Kader wird weitgehend zusammenbleiben. Wenn einer geht, wäre das verbunden mit einem sehr großen Transfererlös. Werben müssen wir nicht nur, Spieler wollen auch zu uns. Wir müssen entscheiden, welche Spieler zu uns passen. Klar ist, dass wir, wie in den vergangenen Jahren, einen Kader haben werden, der auch ohne Europa finanzierbar ist.

KARSTEN KELLERMANN SPRACH MIT MAX EBERL.

Teil II des Interviews lesen Sie am Sonntag bei RP Online.

Quelle: RP
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