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Max Eberl im Interview
"Wir wollen einen Kader von 24 Spielern haben"

Das ist Max Eberl
Das ist Max Eberl FOTO: dpa, mb tba
Mönchengladbach. Borussias Sportdirektor Max Eberl ist dafür bekannt, auf dem Transfermarkt früh Nägel mit Köpfen zu machen. So war es auch in diesem Jahr. Trotzdem könnte sich personell noch etwas tun, wie Eberl im Interview mit unserer Redaktion verrät. Von Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz

Für einige Spieler ging ein beinahe sechswöchiger Urlaub zu Ende, als sie am Freitag die ersten medizinischen Tests im Borussia-Park absolvierten. Am Sonntag steht dann die erste Trainingseinheit der Vorbereitung an. Der Juni ist für Manager Max Eberl traditionell alles andere als Urlaubszeit. Wir haben mit ihm über seine Transferpolitik gesprochen, unmoralische Angebote aus dem Ausland und noch weitgehend unbekannte Youngster.

Am Sonntag beginnt das Training wieder. Haben Sie Ihren Wunschkader bereits zusammen?

Eberl Bislang haben wir unsere Pläne umgesetzt. Wir werden auf jeden Fall noch einen Spieler dazu nehmen. Dann bleiben acht, neun Wochen, um zu sehen, was noch passiert.

Wir haben die These vertreten, dass Borussia in der Defensive trotz des Abgangs von Andreas Christensen gut aufgestellt ist. Jetzt ist Matthias Ginter ein großes Thema. Also rückt doch dieser Mannschaftsteil in den Fokus?

Eberl Ja, in der Abwehr werden wir noch etwas machen.

Die Offensive ist also ausreichend gut besetzt?

Eberl Wenn unser Kader vorne komplett und gesund ist, besitzen wir da eine große Qualität. Das haben die letzten Jahre gezeigt. Letzte Saison haben wir aufgrund der Verletztenproblematik nicht so viele Tore geschossen, aber das Problem war auch, dass wir so viele bekommen haben. Kommende Saison wird eine gute Stabilität die Basis sein für erfolgreichen Fußball. Das sieht man an den Mannschaften wie Köln oder Hertha, die jetzt in Europa vertreten sein werden. Natürlich ist Angriffsfußball mit vier, fünf Toren attraktiv, aber am langen Ende geht es darum, eine Mannschaft zu formen, die konstruktiv erfolgreich Fußball spielen kann. Mit Andreas Christensen verlieren wir den besten Innenverteidiger der Bundesliga und haben mit Jannik Vestergaard und Kolo gute Voraussetzungen, das aufzufangen. Trotzdem werden wir da noch etwas tun, so wie wir es mit Denis Zakaria im defensiven Mittelfeld und mit Vincenzo Grifo in der Offensive getan haben. Das werden dann unsere drei wichtigsten Transfers sein.

Wie bald kommt der dritte Mann?

Eberl Sehr bald.

Nach dem Confed Cup? Denn da ist Matthias Ginter morgen noch im Einsatz.

Eberl Auf jeden Fall nach dem Confed Cup. (schmunzelt)

Fotos: Matthias Ginter – Freiburg, Dortmund, Gladbach FOTO: dpa, rwe gfh

Das heißt auch, dass das Thema Andreas Christensen komplett abgehakt ist?

Eberl Ja, wir müssen jetzt einfach Entscheidungen treffen. Ich habe sehr viele, sehr intensive und sehr gute Gespräche mit Chelsea gehabt. Sie haben einen Plan mit Andreas, das müssen wir respektieren. Deshalb wollen wir einen neuen Innenverteidiger holen.

Kolo haben Sie bereits angesprochen. Der kam als zweimaliger Europapokalsieger, wurde von Ihnen angepriesen als einer mit Führungsqualitäten und kommt dann so schlecht in der Bundesliga zurecht. Was kann man von ihm erwarten?

Eberl Er hat noch nicht das bringen können, wozu er in der Lage ist. Mit Andreas Christensen und Jannik Vestergaard hat sich in der Rückrunde ein herausragendes Innenverteidiger-Paar entwickelt, auch offensiv. Kolo hatte wenig Chancen, sich in die Mannschaft zu spielen, aber er hat auch lange gebraucht, um sich an das Bundesliga-Umfeld zu gewöhnen. Da hat sich der Fußball gewandelt. Wenn früher ein Spieler aus Italien, England, Frankreich oder eben Spanien kam, war der automatisch auf Bundesliga-Niveau. Kolo hat im Training eine ganz andere Intensität zu leisten und nicht das gezeigt, was den Trainer dazu veranlasst hätte, Christensen oder Vestergaard rauszunehmen. Sie haben sich Gott sei Dank auch nicht verletzt. Dementsprechend hat Kolo nicht wirklich eine Chance gehabt, wir hoffen aber, dass er sie nun am Schopfe packt.

Kann es trotzdem eine Konstellation geben, in der Kolo vor dem Ende der Transferperiode abgegeben wird?

Eberl Er wird mit uns in die Saisonvorbereitung gehen, aber ich kann nicht definitiv sagen, was bis zum Ende der Transferperiode passieren wird. Es gibt Spieler, bei denen ich zu 100 Prozent ausschließen kann, dass sie uns verlassen. Aber es kann auch welche geben, die zu Beginn unzufrieden sind, weil sie nicht spielen, die dann sagen: Ich möchte etwas anderes machen. Ob das Kolo ist oder ein anderer, das weiß ich jetzt noch nicht. Dafür hat jeder in der Vorbereitung die Chance, seine Position zu finden.

Porträt: Timothee Kolodziejczak – Borussias einiziger Wintertransfer FOTO: Dirk Päffgen

Wer ist unverkäuflich?

Eberl Namen will ich gar keine nennen. Es geht um wichtige Spieler, was den inneren Kreis der Mannschaft angeht. Sie kennen unsere Philosophie: Wir wollen frühzeitig unseren Kader beisammen haben. Er wird mit Beginn der Vorbereitung stehen.

Wie sehr droht Unruhe von außerhalb in Form von unmoralischen Angeboten, die Sie selbst gar nicht absehen können?

Eberl Der Transfermarkt wird immer verrückter, weil die Summen immer utopischer werden. Aber wir sind sehr stabil in unserer Planung. Die Spieler wissen, wie wir zu ihnen stehen. Und wir wissen, dass sich ein Thorgan Hazard in Gladbach durchbeißen will. Den Namen nenne ich jetzt mal, weil er sehr viel in den Medien gehandelt worden ist. Thorgan will eine gute Saison hier spielen, um sich für die WM 2018 in Russland zu empfehlen. Ich weiß, wie die Spieler denken. Deshalb mache ich mir gar keine Sorgen.

Zählt Thorgan Hazard zu den Spielern, von denen Sie den nächsten Schritt erwarten? Wenn er gesund bleibt...

Eberl Das ist erst einmal das große Ziel. Alles wird auf Null gesetzt, alle kommen gesund wieder. Dann gilt es, dass all diese Spieler auch gesund bleiben. Ein, zwei Verletzte gibt es immer, aber es dürfen nicht wieder sechs, sieben werden. Dann können wir eine sehr gute Saison spielen und Spieler wie Thorgan Hazard werden ein ganz anderes Niveau haben als in der vergangenen.

Dr. Andreas Schlumberger dürfte demnach einer der wichtigsten Transfers sein.

Eberl Er ist ein wichtiger Faktor, weil er unsere medizinische Abteilung bereichert. Wir haben ein Team, von dem wir überzeugt sind. Nicht die Qualität war das Problem, sondern die Quantität. In der Phase mit vielen Verletzten fehlte uns die Kapazität, um mit den anderen auch noch prophylaktisch zu arbeiten. Da ist Andreas Schlumberger ein wichtiges Puzzleteil.

Die Gerüchteküche der Bundesliga im Sommer 2017 FOTO: dpa, km sam hjb

Josip Drmic war in der vergangenen Saison einer der langwierigen Patienten. Sein Ziel ist es, sich in der Vorbereitung wieder anzubieten. Welche Rolle spielt er in Ihren Planungen?

Eberl Josip ist fest eingeplant. Wir müssen abwarten, wie seine Reha im Urlaub verlaufen ist, wissen aber, dass er auf einem guten Weg ist. Wann genau er zurückkommt, wissen wir nicht.

Geht man den Kader durch, fällt auf, dass Sie ihn nicht unbedingt verkleinert haben.

Eberl Doch.

Dann scheinen Sie mehr Abgänge einzuplanen, als bekannt ist.

Eberl Zählen wir mal auf: Mo Dahoud, Andreas Christensen, Julian Korb, André Hahn, Djibril Sow, Alvaro Dominguez, Nils Rütten, Tsy-William Ndenge wollen wir durch eine Leihe Spielpraxis geben, dazu hört Christofer Heimeroth peu à peu auf und hinter Josip Drmic steht aktuell noch ein Fragezeichen. Wenn wir dann über die zwei, drei Spieler sprechen, die wir noch abgegeben wollen, und unsere weiteren Pläne umsetzen, haben wir einen Kader von 24 Spielern, inklusive drei Torhüter.

Die Youngster Mickaël Cuisance und Julio Villalba zählen Sie mit?

Eberl Ja.

Villalba haben Sie schon vor einem Jahr verpflichtet, er ist noch ein Unbekannter. Was erwarten Sie von dem jungen Paraguayer?

Eberl Wir durften ihn anfangs nicht transferieren, weil er noch 17 war. Dann haben wir ihn noch ein halbes Jahr in seiner Heimat spielen lassen, weil er die U20-Südamerika-Meisterschaft gespielt hat. Deshalb wäre er erst im Februar gekommen, das hätte keinen Sinn mehr gemacht. Für uns ist es auch spannend, er besitzt großes Potenzial. Südamerika ist nicht unbedingt die Region, in der wir Spieler suchen, aber Julio hat sich so in den Vordergrund gespielt, dass wir gespannt sind, wie er hier ankommt. Er ist ein geschickter Fußballer, technisch gut und macht auch die Läufe in die Tiefe. Das wird er hoffentlich bei uns zeigen.

Für die U23 darf er nicht spielen. Ist das ein Nachteil? Viele Talente haben von diesem Zwischenschritt bei Borussia profitiert.

Eberl Es ist schade, klar, aber die Fifa-Regularien kann ich nicht ändern. Man muss überlegen, ob man solch einen Transfer trotzdem macht. Wenn nach einem halben Jahr keine Möglichkeiten da sind, dass er bei den Profis Einsätze bekommt, kann man über eine Leihe nachdenken. Jetzt reden wir aber erst einmal darüber, dass er ankommen und in der Vorbereitung die Zeit bekommen soll, sich zu zeigen. In freien Wochen während der Saison sollen die jungen Talente unter Otto Addo ein paar Spiele machen. Da haben wir hier im Westen mit Holland und Belgien gute Möglichkeiten, schnell mal einen Gegner zu finden. So können wir Jungs wie Villalba, Doucouré, Cuisance, Simakala, Ndenge – den wir allerdings gerne noch verleihen würden – oder Jungs wie Herzog, Benger und Mustafic, die aus der A-Jugend hochgekommen sind, Spielpraxis geben.

Sie sprechen Mamadou Doucouré an. Der wird als Riesentalent gehandelt, hat aber durch seine Verletzung ein ganzes Jahr verloren.

Eberl Sie sprechen es an: Er hat nicht nur ein Jahr lang keinen Fußball gespielt, sondern war ein Jahr lang in der Reha. Mamadou hat riesiges Potenzial, aber er muss erst einmal wieder Fuß fassen und sich an normale Trainingsbelastung gewöhnen. Wie schnell er eine Alternative sein kann, wissen wir heute nicht. Aber wir können nicht erwarten, dass er im August als Stammspieler auf dem Platz steht. Ich wünsche mir, dass er gesund bleibt und die nächsten zwei, drei Monate nutzt, um aufzuholen, was er verpasst hat.

Reece Oxford ist noch so ein junger Mann. Sie haben ihn ausgeliehen von West Ham United, um ihm Spielpraxis in der Bundesliga zu verschaffen.

Eberl Er ist auf seiner Position ein Toptalent, von dem wir schon sehr viel Gutes gesehen haben. Dass der eine oder andere das Modell der Leihe nicht nachvollziehen kann, habe ich registriert. Für uns sind Leihgeschäfte die Möglichkeit, Spieler zu bekommen, die wir uns sonst gar nicht leisten könnten. Reece ist in der Innenverteidigung eines der Toptalente in Europa. Für was es am Ende reicht, weiß ich auch noch nicht. So breit werden wir in dem Bereich nicht bestückt sein. Deshalb hat er auf jeden Fall die Chance, Einsätze zu bekommen.

Hätten Sie Ihn lieber für zwei Jahre geholt, wie Christensen?

Eberl Das ist immer unser Wunsch, aber mit der Christensen-Leihe haben wir uns sozusagen ein Eigentor geschossen, weil Chelsea ihn schon nach dem ersten Jahr sehr gerne zurückgehabt hätte. Deshalb muss man einen Konsens finden, bei Reece ist es jetzt so. Aber es gibt immer eine Perspektive.

Eine Grauzone bei Leihgeschäften scheint es fast nicht zu geben. Entweder setzt sich der Spieler nicht durch und Sie wollen ihn nicht behalten, oder aber er schlägt ein und sein Verein will ihn auf jeden Fall zurück.

Eberl Ich verstehe, dass die Leute fragen, was uns eine Leihe nützt. Ein Christensen ist nicht nur selber besser geworden, er hat auch unsere Mannschaft besser gemacht und uns zu sportlichem Erfolg verholfen. Auf anderen Wegen würden wir solche Spieler gar nicht bekommen. Hazard haben wir sogar behalten können. Natürlich könnte ich sagen, dass wir einen Spieler im ersten Schritt dann lieber gar nicht wollen, aber wir sind der Meinung, dass uns auch diese Leihgeschäfte gut tun.

Verleihen die Entwicklungen auf dem Transfermarkt den Leihgeschäften eine andere Bedeutung?

Eberl Ja, das wird sich verschärfen, wenn die Engländer immer mehr Spieler kaufen. Einem englischen Klub einen Spieler abzukaufen, ist für uns verdammt schwer. Wir reden ja von Spielern, die uns verstärken sollen, nicht von Ergänzungsspielern.

Hätten Sie Djibril Sow lieber verliehen? Er wechselt zu den Young Boys Bern.

Eberl Wir hätten ihn lieber verliehen, haben aber mit Bern einen guten Deal gemacht. Djibril war zwei Jahre bei uns und hat sich definitiv entwickelt – aber eben nicht so, dass er sich gegen Hazard und Stindl durchsetzen konnte. Das ist alles andere als enttäuschend und es ist genau richtig von Djibril, dass er sich mit seinen Beratern Gedanken gemacht hat. Bern hat diese Position eben unbesetzt, weil Denis Zakaria zu uns gekommen ist. Wir wollen ja keinen Spieler blockieren, und wenn er bei uns nicht die Chance hat, muss ich so fair sein und ihm woanders die Chance eröffnen.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie am Sonntag bei RP ONLINE. Darin spricht Eberl über Borussia Ziele für die kommende Saison, Zweitliga-Torschützenkönig Simon Terodde und Lars Stindls Auftritte beim Confed Cup.

 
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