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Max Eberl im Interview
"Stabilsten Mannschaften werden größten Erfolg haben"

Borussia Mönchengladbach: Max Eberl über Ziele und Konkurrenten
Borussia-Manager Max Eberl. FOTO: dpa, jai
Mönchengladbach. Die Einstelligkeit ist auch 2017/2018 Borussias Ziel. Sportdirektor Max Eberl will aber nicht abgedroschen klingen und sagt im Interview mit unserer Redaktion: "Wenn es geht, wollen wir besser als Platz neun enden." Von Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz

Wenn es um das Treiben auf dem Transfermarkt geht, hat Eberl schon vor einiger Zeit den Begriff "Monopoly" gewählt. "Manchmal kommt es mir vor, als gehe es um Spielgeld", sagt er und mahnt zur Vorsicht. Im zweiten Teil unseres Interviews zum Trainingsstart spricht der 43-Jährige über die Inflation der Ablösesummen, die Bedeutung des Alters eines Spielers und erklärt, warum aus seiner Sicht die Bundesliga nächste Saison besonders eng wird.

Wie sehr freuen Sie sich über Lars Stindls Rolle beim Confed Cup? Er gilt als einer der großen Gewinner.

Eberl Erst einmal bin ich sehr froh, dass wir vor dem Confed Cup den Vertrag mit ihm verlängert haben. So wie Lars gerade spielt, ist das nicht unwichtig. Dass er es verdient hat aufgrund seiner Leistungen sowohl in Gladbach als auch schon vorher in Hannover, haben wir immer gesagt.

Würden Sie ihm die WM 2018 zutrauen?

Eberl Es ist noch ein Jahr und man weiß nie, was bis dahin passiert. Aber Lars hat eine Duftmarke gesetzt und Joachim Löw ist bekannt dafür, auch mal zu überraschen bei der Kadernominierung. Das haben wir im eigenen Haus mit Chris Kramer damals erfahren. Warum sollte nicht ein Lars Stindl mit dann 29 Jahren die Überraschung sein?

Sie wurden vor der letzten Saison für den breiten Kader gelobt...

Eberl Ich habe immer vom besten Kader seit Jahrzehnten gelesen ...

Sagen wir, Sie hatten den in der Breite besten Kader seit langer Zeit. Wie würden Sie den neuen Kader beschreiben?

Eberl Ich war aufgrund der Verletzten heilfroh, dass wir so einen breiten Kader hatten. Andernfalls hätten wir vielleicht Riesenprobleme bekommen. Letzten Sommer haben wir die Breite des Kaders neben der Dreifachbelastung auch mit unseren beiden Langzeitverletzten Drmic und Domingez begründet. Nun werden wir ihn verjüngen.

Wie würden Sie diesen Sommer einordnen in Ihrer Biografie als Sportdirektor? Es gab in den vergangenen Jahren mehr oder minder große Umbrüche.

Eberl Der letzte Sommer war nicht nur ein gravierender Einschnitt, was die Qualität der Spieler anging, sondern vor allem wegen ihrer Führungsqualitäten. Mit Stranzl, Brouwers, Nordtveit und Xhaka haben wir vier Spieler verloren, die die Jahre davor als Persönlichkeiten geprägt hatten. Jeden Sommer kommen und gehen um die fünf, sechs Spieler, diesmal vielleicht ein paar mehr, wenn ich Talente wie Nils Rütten und Tsiy William Ndenge mitzähle. Es ist aber eher eine Veränderung der Namen, die Hierarchie hat sich im Laufe der letzten Saison entwickelt. Insgesamt ist es kein großer Wandel, aber es kommen neue wichtige Impulse.

Wie schauen Sie diesen Sommer nach Köln? Jörg Schmadtke macht da zum ersten Mal Dinge durch, die Sie schon vor ein paar Jahren erlebt haben. Empfinden Sie ein wenig Mitleid?

Eberl Ich habe alles, aber kein Mitleid mit Jörg Schmadtke. Das wird er auch nicht wollen. (lacht) Er weiß genau, was zu tun ist. So wie wir damals geschaut haben, wie es andere machen, wird Köln sich seine Gedanken haben. Ich konzentriere mich voll auf unseren Kader, damit wir am Ende der Saison Mannschaften wie Köln am besten wieder hinter uns gelassen haben.

Das ist Max Eberl FOTO: dpa, mb tba

Ist es für Sie diesmal besonders spannend, das Treiben in der Bundesliga und in ganz Europa zu verfolgen?

Eberl Früher hat man das Ende der fußballfreien Zeit herbeigesehnt, aber die Transferperiode ist für sich ein Highlight geworden. Die Intensität ist enorm. Vor zehn Jahren ging es gefühlt nur um deinen eigenen Verein und um den 20-Millionen-Transfer, den der FC Bayern gemacht hat. Inzwischen ist fast jeder Verein tangiert von großen Zugängen, Abgängen und viel Geld. Die Transferperiode ist zur dritten Halbzeit geworden.

Ist die enorme Inflation der Ablösesummen schon in den Köpfen der Fans angekommen? Würden Sie Granit Xhaka, der 2012 etwa acht Millionen Euro gekostet hat, heute vom FC Basel holen, würde er vermutlich 15 Millionen kosten.

Eberl Ich bin schon der Meinung, dass es mehr akzeptiert wird. Köln hat zum Beispiel Cordoba für geschätzte 15 Millionen geholt, wie man hört...

...kurz schlucken muss man da trotzdem noch.

Eberl Aber nur im ersten Moment. Nach einer Stunde hat sich das schon wieder gelegt, wenn man es in Relation zu anderen Transfers setzt. Um auf den Vergleich einzugehen, den Sie angestellt haben: Klar, acht Millionen für Xhaka vor fünf Jahren und zwölf Millionen für Zakaria heute sind vergleichbar. Ich sage nicht, dass die Entwicklung gut ist. Wenn ich von Ablösesummen von über 120 Millionen Euro lese oder von elf Millionen Nettogehalt für Modeste, müssen wir schon aufpassen, dass es nicht in die falsche Richtung geht. Es ist mittlerweile wie Monopoly. Manchmal kommt es mir vor, als gehe es um Spielgeld.

Borussia muss sich also Nischen suchen.

Eberl Wir machen inzwischen auch Transfers in einer gewissen Größenordnung. Bei unserem Haushalt gilt aber weiter die Devise: Was wir einnehmen, können wir ausgeben. Gefühlt gibt es Mannschaften, die nur ausgeben. Natürlich schaffen sie so auch Werte und könnten theoretisch einen Spieler für sehr viel Geld abgeben. Bei uns ist es aber so, dass wir den Spieler erst einmal abgeben müssen, um das Geld für Einkäufe zu haben. Das ist der große Unterschied. Der eine Klub arbeitet als Wirtschaftsunternehmen, der andere als Gambler.

Heißt: Sie sind darauf angewiesen, nur Spieler mit Weiterverkaufspotenzial zu holen?

Eberl Nehmen wir an, wir bauen einen Kader nur mit älteren Spielern. Dann laufen die Verträge nach drei Jahren aus und wir haben keine Transfereinnahmen, um neue Spieler zu holen. Dem können wir nur entgegensteuern, indem wir immer wieder Toptalente finden, die uns erstens die Perspektive für sportlichen Erfolg geben und zweitens für finanziellen.

Ist es absolut unwahrscheinlich, dass Sie einen Spieler holen, der in Gladbach seinen letzten großen Vertrag unterschreibt?

Eberl Martin Stranzl war so ein Beispiel, allerdings war der Vertrag im Vergleich zu dem bei Spartka Moskau definitiv nicht "groß" … (lacht)

...das ist aber sechs Jahre her.

Eberl Exakt, der würde heute womöglich auch sechs Millionen Euro kosten. Es kann mal ein logischer Schritt sein, wenn du eine Führungsfigur brauchst. Martin Stranzl hat uns allen gut getan, deswegen würde ich es nie ausschließen. Ich schließe aber aus, dass wir nur solche Spieler holen, denn dann wäre unser Weg ziemlich schnell zu Ende.

Da landen wir bei Simon Terodde, 29 Jahre, Zweitliga-Torschützenkönig beim VfB Stuttgart. War es in dem Fall zumindest Ihre Aufgabe, über ihn nachzudenken?

Eberl Ja, so kann man das ausdrücken.

Und auf der Basis dessen, was Sie gerade erörtert haben, sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass er nicht die Lösung ist?

Eberl Als Verein sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir mit einem Budget arbeiten, bei dem uns an einem anderen Ende vielleicht etwas gefehlt hätte.

Wenn der angekündigte Verteidiger kommt, ist deshalb für einen Stürmer kein Geld mehr da?

Eberl Unser Kader wird zunächst einmal stehen. Dann gilt es, abzuwägen und aufmerksam zu sein. In England wird der Transfermarkt ab Juli noch richtig explodieren. Die eine oder andere Chance wird da sein, die wir uns offenhalten wollen, um offensiv vielleicht noch etwas zu tun.

Ein interner Transfer dürfte bei Oscar Wendt anstehen.

Eberl Für 25 Millionen Euro werden wir Oscar sicher nicht mehr transferieren können. Er ist jetzt sechs Jahre da und hat sich zu einer Führungsfigur entwickelt. Deshalb würden wir ihn gerne noch länger bei uns sehen.

Die Erwartungshaltung ist zuletzt ein großes Thema gewesen bei Borussia. Was dürfen wir von der neuen Saison erwarten? Die Liga scheint komplizierter zu werden.

Eberl Wir haben in den vergangenen Jahren mehrmals die Gunst der Stunde genutzt. Ich habe immer gesagt: Wenn Borussia Mönchengladbach Top-Niveau erreicht, also die wichtigen Spieler zur Verfügung hat, top spielt und andere schwächeln, gibt es immer die Chance, um Europa zu spielen. Aber auch wir sind nicht vor Problemen gefeit, was Verletzungen oder Leistungen angeht, neben der hohen Belastung. Andersherum kommen Hertha, Köln und Hoffenheim in eine für sie neue Situation, die wir schon viermal erleben durften. Sie werden anders wahrgenommen werden. Dann haben wir Mannschaften wie Leverkusen, Schalke und Wolfsburg hinter uns, die ganz andere Möglichkeiten haben. Die wollen bestimmt auch wieder nach oben. Hinzu kommt Leipzig, das kein Zufallsprodukt ist, sondern sich die nächsten Jahre da oben bewegen wird. So hast du gleich acht bis zehn Mannschaften, die Europa als Ziel haben. Es wird eine hochspannende Bundesligasaison werden. Ich sage: Der deutsche Meister wird nicht frühzeitig feststehen, wenn Dortmund Dembélé und Aubameyang halten kann. Bei Leipzig muss man abwarten. Und dann hast du 15 doch sehr ausgeglichene Mannschaften. Wenn Sie nach Zielen fragen: Wir wollen besser sein als letzte Saison.

Das Ziel der Einstelligkeit bleibt aber?

Eberl Einstelligkeit klingt leider für den einen oder anderen abgedroschen. Aber man muss berücksichtigen, dass in den vergangenen sechs Jahren nur drei Mannschaften immer einstellig waren – Bayern, Dortmund und Gladbach. Das Ziel ist also sehr nachhaltig, auch wenn sechsmal Neunter natürlich nicht schön wäre. Wir wollen wieder um die Einstelligkeit spielen und wenn es geht, besser als Platz neun enden. Im Pokal wollen wir wieder weit kommen – am besten weiter als in der letzten Saison.

Fünf Jahre lang lief alles mehr oder minder glatt, trotz aller Abgänge und des Rücktritts von Lucien Favre. Vergangene Saison hatte Borussia dann so viele Verletzte wie vielleicht noch nie, dazu den Trainerwechsel in der Winterpause und insgesamt 51 Pflichtspiele zu bewältigen. Macht Ihnen das in gewisser Weise auch Mut nach dem Motto: Selbst wenn so viel schiefgeht, sind Platz neun und 45 Punkte die untere Schwelle?

Eberl Ich fand es auch bemerkenswert, wie stabil der Klub ist, in allen Belangen. Wenn diese vergangene Saison diese Schwelle gesetzt hätte, wäre das schön, aber in der Bundesliga lässt sich das leider nicht automatisch sagen. Wir waren 15 Jahre lang bestenfalls Zehnter, drei Jahre sogar zweitklassig. Seit 2011 haben wir dieses Zickzack in die obere Tabellenhälfte verlagert, das war ein sehr großer Schritt. Wenn wir von der Einstelligkeit reden, heißt es oft, wir hätten keine Visionen. Ich kann natürlich auch sagen, dass ich Meister werden will. Dafür trete ich ja auch in der Bundesliga an. Aber das hat doch keinen Sinn. Wir träumen von großen Zielen, aber ich muss die Realität im Auge haben. Dafür bin ich Manager dieses Klubs. Manch einer fragt sich, warum ich mich nach so Spielen wie im Pokal gegen Frankfurt nicht mal richtig auskotze. Ich muss aber immer bedenken, welche Reaktionen meine Aktion nach sich zieht. Wenn ich an diesem Dienstagabend alles schlecht geredet hätte, weiß ich nicht, ob wir am Samstag danach in Mainz gewonnen hätten. Ich sollte als Manager, für unseren Verein und unseren Erfolg, schon Weitsicht walten lassen.

Eigentlich wäre die nächste Frage gewesen, ob die nächste Saison der Gipfel des Von-Spiel-zu-Spiel-Denkens wird.

Eberl Ich als Manager darf natürlich nicht nur von Woche zu Woche denken. Aber es stimmt, die Voraussetzungen lassen vermuten, dass es in der Bundesliga extrem dicht wird. Gefühlt kann von Platz vier bis 18 für jeden alles passieren. Es gibt keine designierten Absteiger wie in der Vergangenheit vielleicht Fürth, Braunschweig, Paderborn oder Darmstadt. Wolfsburg war als 16. sozusagen der Letzte derer, die noch in der Liga geblieben sind. Dazu kommen Stuttgart und Hannover von unten, geborene Bundesligisten. Ich denke, dass die stabilsten Mannschaften den größten Erfolg haben werden, und wünsche mir, dass wir dazugehören.

Wie stabil kann eine so junge Mannschaft mit so vielen Fragezeichen sein? Ist Borussia eine Wundertüte?

Eberl Das halte ich für übertrieben. Wir haben einen Kern von 14 Spielern behalten, die die Bundesliga und Borussia gut kennen und sich etabliert haben. Hinzu kommen Grifo, der sie auch kennt, und Zakaria, der sie kennenlernen wird. Auch der Verteidiger, der noch kommt, kennt die Liga. Für mich ist das Wundertüten-Potenzial nicht groß. Wir haben eine gewisse Stabilität und sind gespannt, wie sich junge Spieler wie Bénes, Doucouré, Cuisance oder Oxford einfügen. Trotz des jungen Durchschnittsalters haben wir eine erfahrene Mannschaft.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.

 
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