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Borussia Mönchengladbach
Mittendrin in der Seele der Fans

Borussia Mönchengladbach: Mittendrin in der Seele der Fans
Andreas Kramer hat den Borussia-Film für den WDR gemacht. Er hat sich auf die Suche nach der Seele des Mythos gemacht. FOTO: Kramer
Mönchengladbach. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) widmet sich in der Reihe "Mein Verein" den fünf Bundesliga-Klubs im Westen. Am Sonntag um 22.15 Uhr läuft der Gladbach-Film. Karsten Kellermann hat sich den Film vorab mit Autor Andreas Kramer angeschaut und mit dem 46-Jährigen über das, was den Mythos Borussia ausmacht, gesprochen.

Herr Kramer, wenn man Ihren Film anschaut, könnte man sagen, es ist die Suche nach der Seele des Vereins.

Andreas Kramer Das kann man so sagen. Es geht ja in unserer Reihe um Alleinstellungsmerkmale, um die Frage also: Wo ist der Verein Borussia im Gesamtkontext Bundesliga oder Fußball-Westen anders als die anderen? Nach Antworten auf diese Fragen haben wir gesucht.

Was haben Sie im Fall Borussia gefunden?

Kramer Etwas Größeres, als ich zunächst angenommen hatte. Ich durfte für den Film in den Verein eintauchen. Das habe ich getan und habe festgestellt, dass es so viele Aspekte gibt, dass es nicht leicht war, das Surrogat meiner Erkenntnisse in 45 Minuten zusammenzufassen. Es hätte leicht auch ein 60- bis 90-Minuten-Film werden können. So aber muss man genau schauen, was das Wesentliche ist. Kill your Darlings ist dann gegen Ende das Motto. Da fallen leider auch einige sehr schöne Sachen raus, in die man viel Herzblut investiert hat. Aber unter dem Strich bleibt: Ich hätte nie gedacht, wie groß dieser Verein tatsächlich ist hier am linken Niederrhein, nein deutschlandweit, europaweit, vielleicht sogar weltweit. Oder im Universum (lacht).

Sie haben Ihre Geschichte vor allem über Menschen erzählt. An welcher Stelle bringt der Film das, was Borussias Innerstes ausmacht, am besten auf den Punkt?

Kramer Besonders an zwei Stellen. Einmal bei Waltraud Hamraths, der 82 Jahre alten Fan-Ikone Borussias. Und auch bei Hans-Willi Boox.

Warum?

Kramer Weil beide Geschichten dieser Fans faszinierend sind. Willi taucht mit Anpfiff der 90 Minuten in eine andere Sphäre ab, in der es nur das Spiel seiner heiß geliebten Borussia gibt, und dann macht er ganz automatisch seine Meter auf der Haupttribüne. Bis zu fünf Kilometer – wo gibt's denn sowas? Borussia hat ihm persönlich in schwierigen Zeiten so viel gegeben, und es ist faszinierend, wie sehr er sich auf Borussia einlässt. Nebenher finanziert er noch eine Dauerkarte für einen Rentner mit, der neben ihm sitzt. Ein großartiger Mensch, total reflektiert, faszinierend. Oder auch 'Walli'. Der Spaziergang mit ihr durch Eicken, ihre Geschichten, dass sie mit dem Bus bis Manchester oder Rom fährt, ihr Leben – da spürst Du ganz intensiv, was Borussia diesen Menschen bedeutet.

Ihr Film hat nur wenige Momente, in denen die Bilder aus der "guten alten Zeit" Borussias auftauchen.

Kramer Der Film soll auch ganz bewusst im Hier und Jetzt spielen. Es gibt so viele historische Dokumentationen über Borussia Mönchengladbach. Aber mich hat interessiert: Wie funktioniert der Mythos in der Gegenwart? Darum gibt es auch den Rundgang durch das Fohleninternat mit Roland Virkus und den Blick auf das Bauvorhaben im Borussia-Park. Ich glaube, im Moment entsteht wieder etwas Neues im Buch ,Mythos Borussia'. Das Kapitel ,Ära Favre' ist endgültig zu Ende.

Sie sprechen Favre an: Der Erfolgstrainer, mit dem Borussia wieder nach Europa gekommen ist, kommt ebenso selten vor in Ihrem Film wie die Ikonen der Vergangenheit.

Kramer Man könnte tatsächlich denken, wenn man in dieser Zeit einen Gladbach-Film macht, wird es vor allem ein Favre-Film. Wir haben auch mit ihm gedreht, im Trainingslager am Tegernsee, doch am Ende sind die Sequenzen rausgefallen. Denn: Seine Ära ist einfach vorbei. Favre hat Gladbach wachgeküsst, aber er ist Vergangenheit. Und, wie gesagt, dieser Film spielt im Jetzt – in der Nach-Favre-Ära. Da gibt es viele andere Dinge, auf die man sich konzentrieren kann.

Trotzdem ist die Vergangenheit noch da. Sie sind auch in Eicken gewesen, wo Borussias Ursprung ist. Treffen sich dort Vergangenheit und Gegenwart?

Kramer Wenn man mit ,Walli' Hamraths durch Eicken läuft, dann ist es so. Die Frau an sich ist ein Schmelztiegel: An der Bökelstraße groß geworden, in den 60ern ein Groupie gewesen, dann im Alt Eicken gearbeitet und Karten verkauft im alten Fanprojekt am Eickener Markt – diese Frau ist für Borussia die personifizierte Zusammenführung von Geschichte und Gegenwart. ,Walli' steht ja immer noch für den Verein Gewehr bei Fuß. Sie arbeitet im Fanhaus und steht bei 35 Grad dort, wo früher der Bökelberg war und wirbt für EM-Spiele in Gladbach. Mehr geht nicht.

'Walli' Hamraths sagt auch den Satz des Films: "Borussia ist Mönchengladbach. Mönchengladbach ist meine Heimat. Darum ist Borussia meine Heimat." Ist das eine Quintessenz Ihrer Mythos-Suche: Borussia als ein Stück Heimat?

Kramer Für 'Walli' auf alle Fälle. Und ich denke auch für Willi Boox. Beide sind in der Fanszene auch sehr anerkannt. Wir haben zum Beispiel in Essen beim Pokalspiel hinter der Gladbach-Kurve gedreht. Wie viele Leute da auf 'Walli' zukommen und sie begrüßen – Kutten-Fans, Ultras, Normalos. Alle kommen zu ihr, schlagen ihr auf die Schulter, begrüßen sie herzlich. Das waren schon irre und für mich sehr aussagekräftige Szenen.

Warum ist Borussia "Mehr als ein Mythos", wie es der Titel sagt?

Kramer Ich will mich gar nicht so sehr an dem Titel festbeißen. Uns ging es bei der Reihe über die NRW-Bundesligisten darum, zu erforschen, warum in Zeiten, da Kirchen, Gewerkschaften und Vereinen immer mehr die Leute weglaufen, der Fußball gerade hier im Westen einen solchen Zulauf hat. Und warum funktioniert das hier am linken Niederrhein, etwas fernab von den Metropolen, trotzdem? Das kann ja nicht mehr nur an den 70ern liegen, es muss auch clever konserviert und übertragen worden sein in die Gegenwart. Da galt es die Lupe draufzuhalten.

Stichwort Lupe: Der Film beginnt mit einer Reminiszenz an Stanley Kubricks "Odyssee im Weltall": Ein Tippkick-Spieler wirbelt durch das All wie der Knochen in Kubricks Film.

Kramer Die Story dazu ist echt top. Man muss sich das mal vergegenwärtigen: Diese Tipp-Kick-Figur im Borussia-Look, die dem Astronauten Manfred Ewald gehört, war ja wirklich mit ihm im Weltall: 1997 auf der Raumstation MIR. Welcher Verein kann denn schon von sich behaupten, einen Tipp-Kicker von sich im Orbit gehabt zu haben? Dann noch von jemanden eine Einschätzung zu bekommen, der schon mal von ganz oben drauf geguckt hat, wie Manfred Ewald, das ist schon mal ein Einstieg in den Film wert.

Und der Tipp-Kick-Spieler?

Kramer Den hat uns glücklicherweise Frau Ewald extra für den Dreh auf dem Fahrrad zum WDR gebracht. Quer durch Köln ist sie geradelt, weil ihr Mann einen wichtigen Raketenstart in Beikonur verfolgen musste. So ist die für Gladbach-Fans wahrscheinlich hochwertigste Metall-Figur unerkannt durch FC-Gebiet geschleust worden. Wir haben einen Bindfaden dran geknotet und die Szene gedreht – allein das ist schon eine abgefahrene Geschichte, auf die man nie kommen würde, wenn man an Fußballvereine denkt.

Der Film beginnt im Weltraum und endet auf der Bühne des Mönchengladbacher Theaters, wo die Schauspieler der Borussia-Revue die Borussia-Hymne "Die Seele brennt" singen". Der Blick von den unendlichen Weiten bis zum Blick in das Innerste des Vereins – kann man es so sagen?

Kramer Top. Erst ganz weit weg und dann mitten drin in der Seele Borussias, nein: In der Seele des Fans – das ist die Fahrt, die wir in dem Film machen.

(kk)
 
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