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Borussia Mönchengladbach
Neuer Trainer-Reiz, Typen und Teamgeist

Das ist André Schubert
Das ist André Schubert FOTO: dpa, fg fdt
Mönchengladbach. Vor einer Woche war Gladbach in Schockstarre, als Lucien Favre zurücktrat. Doch die Wende ist geglückt. Weil Trainer Schubert anders und zugleich wie Favre ist, weil Spieler Verantwortung übernehmen und das Kollektiv wieder zusammensteht. Die nächste Herausforderung ist Manchester. Von Karsten Kellermann

Vor etwas mehr als einer Woche war Borussia in Schockstarre. Lucien Favre hatte seinen Rücktritt erklärt. Der Mann, der für Gladbachs Renaissance stand, hatte sich entschieden, seine Tätigkeit zu beenden. Favre ist ein ganz spezieller Typ, schrullig sicherlich, vor allem aber genial, und genau in dieser Genialität liegt auch der Ursprung seines Abschieds: Er sah für sich keinen anderen Ausweg. Der Mann, der für die Hoffnung stand, war hoffnungslos geworden angesichts der Situation. Aber Borussia ohne Favre - das war nahezu unvorstellbar.

Natürlich wird der Verlust noch betrauert, und er fehlt auch, der Schweizer. Es ist immer Leere da nach einer großartigen Beziehung, zumal, wenn nach dem Ende die Frage nach dem Warum nicht bis in den letzten Winkel beantwortet werden kann. Doch die Welt des Fußballs dreht sich schnell, zumal in englischen Wochen. Zwei Spiele hat es in der Post-Favre-Ära schon gegeben - und sie haben gezeigt, dass Favres Erbe ein Team ist, das es kann. War es aber genau der Reiz, den Favre erzwungen hat, der fehlte? Eine neue Ansprache nach so vielen erfolgreichen Jahren? Das, was André Schubert nun eingebracht hat und damit das aus dem Team vollends herausgekitzelt hat, was sich in Köln schon andeutete.

Fotos: Die Trainer-Galerie von Borussia Mönchengladbach FOTO: dpa, mb jhe

Schubert ist anders als Favre. Und doch gar nicht so anders: Auch er ist akribisch, auch er ist ein Tüftler. Aber vielleicht kommt bei ihm trotzdem ein bisschen mehr Bauchgefühl ins Spiel, als beim Kopfmenschen Favre. Und vielleicht ist der Ansatz, auf die Selbstbestimmung der Spieler zu setzen - so durften sie die offensiven Standards selbst kreieren und wurden gefragt, welcher Stil dem Team liegt - das, was die Mannschaft brauchte. Jedenfalls macht die Mischung aus dem Anders- und Gleichsein in Bezug auf Favre Schubert in der Gegenwart wohl genau zu dem Typen, den es brauchte, um die Wende zu schaffen: Kein Ersatz-Favre, sondern ein Schubert, der dem Favre-Style eine etwas andere Richtung gibt. Morgen betritt er nun mit seinem Team, das nur auf Zeit das seine ist, die große Bühne Champions League, und man tut ihm sicher nicht Unrecht, wenn man vermutet, dass sich der prominente Kollege Manuel Pellegrini erst mal erkundigen musste, wer nun sein Pendant ist auf Borussias Seite. Das kann ein Vorteil sein. Denn Trainer bauen ihre Strategien meist auf das zu Erwartende auf. Was aber, wenn man nicht genau weiß, was man zu erwarten hat?

Schubert jedenfalls ist fest entschlossen, eine Visitenkarte abzugeben, die die Citizens und den Kollegen Pellegrini beeindruckt. Und gerade rechtzeitig für das große Spiel gegen die reichen Briten hat Schubert für eine notwendige Renaissance bei Borussia gesorgt: die Renaissance der Typen. Und das in Abwesenheit des Typen schlechthin, Martin Stranzl. Plötzlich sind andere da, die Verantwortung übernehmen, Spieler, die zuvor zu viel mit sich selbst beschäftigt waren und daher keine Führungsaufgaben übernehmen konnten oder wollten.

Nehmen wir Granit Xhaka. Er trägt jetzt die Kapitänsbinde - und rechtfertigt das auch. Mit seinen Kopfballtoren hat er wesentlich zum Erfolg beigetragen, zudem hat er sich als großer Antreiber bewiesen. Dass beide Treffer nach Freistoßflanken von Raffael fielen, kommt nicht von ungefähr. Denn auch Raffael (fünf Vorlagen, ein Tor in den Schubert-Spielen) ist raus aus seinem Schneckenhaus - nicht gekrochen, sondern gestürmt.

Fotos: Borussen trainieren für Duell mit ManCity FOTO: Dirk Päffgen

Hinten hat Rückkehrer Alvaro Dominguez zur entscheidenden Stabilität beigetragen - gegen Augsburg von Beginn an und in Stuttgart als Trouble-Shooter in der Schlussphase. In der wurde auch Havard Nordtveit, erst als Abwehrchef, dann als kopfballstarker Sechser zum Bollwerk bei der Ergebnisverteidigung. Und dann ist da noch der junge Mo Dahoud, der so viel Ruhe und gute Ideen ins Spiel bringt. Doch ein paar Typen allein machen keine Wende: Borussia hat sich auch als Team befreit. Jeder war wieder bereit, für den anderen und die Sache da zu sein - und war es auch.

So ist die Formel des momentanen Erfolgs: neuer Trainer-Reiz plus Typen plus Teamgeist. Gegen Manchester wartet die bislang größte Herausforderung auf die Post-Favre-Borussia. Man darf freudig gespannt sein auf den Champions-League-Abend. Vor einer Woche sah das noch anders aus.

Quelle: RP
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