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Borussia Mönchengladbach
Herrmann macht den Reus – Wendt kopiert Dahlin

Einzelkritik: Herrmann verdient sich die Bestnote
Einzelkritik: Herrmann verdient sich die Bestnote FOTO: dpa, mjh hak
Mönchengladbach. "Alles kommt wieder", heißt es in der Modebranche. Demnach liegt Gladbachs Sieg gegen Dortmund voll im Trend. 3:1 nach einem Tor in der ersten Minute, ein Wirbelwind sprintet 50 Meter geradeaus und ist nicht aufzuhalten – hat es alles schon gegeben. Überragend war es trotzdem. Von Jannik Sorgatz

1. VfL lässt BVB keine Chance

Diese Überschriften sind natürlich die sprichwörtlichen Elfmeter ohne Torwart. Am 29. September 2012 titelte die Frankfurter Allgemeine: "Dortmund ist klar die bessere Borussia." Der BVB hatte das direkte Duell mit 5:0 für sich entschieden. Am 11. April 2015 hat die FAZ es sich anders überlegt, die Schlagzeile lautet: "Gladbach hat die bessere Borussia." Auf das "klar" wird man am Niederrhein verzichten können. In der fußballerischen Neuzeit, also mindestens in diesem Jahrtausend, hat es keinen souveräneren Sieg des Vereins für Leibesübungen über den Ballspielverein gegeben.

2. Aderlass auf dem Prüfstand

Erstmals seit 1991 steht Gladbach damit am Saisonende vor Dortmund. Noch vor vier Jahren empfing die Mannschaft von Lucien Favre als Tabellenletzter den Spitzenreiter. Was ist passiert seitdem? Die Analyse könnte Bücher füllen. Fest steht auf jeden Fall: Der Aderlass des BVB allein kann es nicht sein. Acht der Spieler, die im April 2012 in der Startelf standen, als Dortmund im Borussen-Duell Meister wurde, waren auch am Samstag dabei. Bei Gladbach waren es nur vier. Ter Stegen, Dante und Reus wurden verkauft, die Zeit von Daems, Arango und Hanke ist abgelaufen, Stranzl fehlte verletzt. Und anstelle von Lewandowski, Piszczek, Perisic und Lewandowski konnte der BVB am Samstag immerhin Sokratis, Aubameyang und Mchitarjan von Beginn an aufbieten. Das Trio hat zusammen 50 Millionen Euro gekostet. Not so bad, eigentlich.

3. Schwedische Frühstarter

Es ist nicht überliefert, wie Martin Dahlin sich am Abend des 21. März 1997 auf das Spiel gegen Borussia Dortmund vorbereitet hat. Fest steht, dass er nicht wie Oscar Wendt und Havard Nordtveit, am Abend des 10. April 2015, eine Sammlung der besten Last-Minute-Tore auf YouTube ansehen konnte. Vielleicht war Dahlin deshalb am nächsten Tag so ausgeschlafen, dass er bereits nach 13 Sekunden Gladbachs schnellstes Tor der Vereinsgeschichte erzielte. Endstand: 3:1 für die schwarz-weiß-grüne Borussia, die an jenem Tag ihren gelbgesperrten defensiven Mittelfeldspieler Ioan Lupescu ersetzen musste (Sechser gab es ja genauso wenig wie YouTube). Nun dauerte es am Samstag 29 Sekunden, bis Wendt offiziell die Tradition der schwedischen Frühaufsteher begründete – und dabei das schnellste Tor im Borussia-Park erzielte. Co-Skandinavier Nordtveit bezeichnete das private Videostudium mit einem Schmunzeln als gescheitert. Er führte 2011 den Einwurf vor Igor de Camargos Last-Minute-Tor gegen Bochum aus (gibt's natürlich auch bei YouTube).

4. Play-Taste im Kopf

"Herrmanns Tor war sensationell!", hörte man nach dem Spiel Menschen resümieren. Oder etwas knapper: "Boah, der Herrmann!" Ein Fußballer verdient wohl den Nobelpreis für Uneigennützigkeit, wenn ihm ein Treffer zugeschrieben wird, den er – so pedantisch müssen wir und Raffael ja sein – gar nicht erzielt hat. Aber Herrmanns Sprint war eben so "sensationell" und "boah", dass in den Gedächtnissen vieler Beobachter in der 32. Minute die Play-Taste gedrückt wurde. Und dann schoss Marco Reus im November 2011 das 2:0 beim 5:0 gegen Werder Bremen. Wer sich das ansieht, wird feststellen, dass Herrmann am Samstag einen neuen Stadionrekord aufgestellt hat – im Mehrkampf aus den Disziplinen "Geschwindigkeit", "Gegenspieler tölpelhaft aussehen lassen" und "ein Auge für den Mitspieler haben". Nach 53 Metern übergab er den Staffelstab an Raffael.

5. Dortmund-Experte Nordtveit

Nachdem in den vergangenen Wochen gefühlt sogar die Greenkeeper langfristig an den Verein gebunden wurden, geriet so langsam auch mal Havard Nordtveit in den Fokus. Der Vertrag des Norwegers läuft 2016 aus, gegen Dortmund hat er im 42. Pflichtspiel der Saison seinen 17. Startelf-Einsatz gehabt. Das ist ziemlich genau die Summe der Partien, in denen Granit Xhaka und Christoph Kramer gesperrt, verletzt, krank oder noch WM-geplagt waren. Nordtveit spielte fehlerfrei, stand beim 3:0 goldrichtig und blieb so eiskalt wie die Durchschnittstemperatur seiner norwegischen Heimat im Januar. Als Dortmund-Experte hat er auf jeden Fall einen Platz sicher, 2013/14 und 2014/15 machte er jeweils beide Spiele – drei Siege, eine Niederlage gab es.

6. Kurz oder lang

Der Minutenzähler für Tore aus dem Spiel heraus tickt nur noch im Hintergrund. Auch die Nörgel-Latte bei Eckbällen hat Max Kruse mit seiner Vorlage gegen den Hamburger SV erhöht. Nach mehr als 200 ohne anschließenden Torerfolg traf Branimir Hrgota. Doch in dieser Hinsicht bewegte sich das Spiel gegen Dortmund lange Zeit auf einen Rückfall in alte Zeiten zu. Kruse führte die Ecken konsequent kurz aus. Ein akribisch einstudierter Plan war nicht zu erkennen, einmal konnte der BVB im Anschluss sogar gefährlich kontern. Nachdem Kruse den Ball in der 67. Minute doch direkt in die Mitte schlug und Nordtveit am langen Pfosten traf, liegt die Vermutung nahe, dass den Gegner mit einer 100-prozentigen Erfolgsquote demütigen wollte.

7. Sieben gewinnt – und meist zu Null

Berlin, Bremen, Freiburg, Köln, Paderborn, Hannover, Dortmund – die vergangenen sieben Heimspiel hat Gladbach allesamt gewonnen. Bis zu Ilkay Gündogans Treffer in der 77. Minute blieb Yann Sommer dabei 476 Minuten ohne Gegentor im eigenen Stadion. Das ist die längste Bundesliga-Serie seit der Saison 1989/90, als Uwe Kamps seinen Kasten am Bökelberg 482 Minuten in Folge sauber hielt. Sommers heutiger Vorgesetzter schaffte zudem in der Zweitliga-Saison 1999/00 503 Minuten am Stück.

8. Dahouds Debüt

Derartige Sentimentalitäten sind Lucien Favre eigentlich fremd. Eine Einwechslung nur um der Einwechslung willen erscheint unwahrscheinlich. In der Nachspielzeit sollte Mahmoud Dahoud noch zu seinem Bundesliga-Debüt kommen. Favre instruierte den 19-Jährigen trotzdem so ausführlich wie Joachim Löw Mario Götze im WM-Finale. Ob der Satz "Zeig' ihnen, dass du besser bist als Gündogan" dabei fiel, ist nicht überliefert. Doch dann ging der Ball zweieinhalb Minuten lang nicht ins Aus. Es deutete sich ein Bundesliga-Debüt im Bereit-an-der-Seitenlinie-Stehen an, aber eine Ecke für den BVB beendete Dahouds Wartezeit. Der Arbeitsnachweis der ersten Eigengewächs-Premiere seit Julian Korb im Mai 2012: Ecke Dortmund, Dahoud fällt der Ball auf den Kopf, noch eine Ecke, Abpfiff. Da geht noch was.

9. Asymmetrisch zum Erfolg

Wendt und Johnson auf links, Jantschke und Herrmann auf rechts – in den Spielen gegen Bayern, Hoffenheim und Dortmund haben sich die Außenbahn-Duos für den Endspurt herauskristallisiert. Während die beiden auf links getrost die Positionen tauschen könnten, erledigt rechts in ungleiches Pärchen mit Bravour den Job. Jantschke und Herrmann sind derzeit so etwas wie die Anführer einer imaginären B-Nationalmannschaft. Insgesamt trägt die Asymmetrie in Borussias Spiel dazu bei, dass die Mannschaft noch schwieriger auszurechnen ist. Gegen Dortmund erzielten ein Abwehrspieler, ein Mittelfeldspieler und ein Angreifer die Tore – ein herausgespieltes, ein Kontertor und eines nach einem Standard.

10. Herr Eberl, handeln Sie!

Zum vierten Mal in Folge ist die Einstelligkeit gesichert. Vergangenes Jahr hat Max Eberl den "Einstelligkeits-Hattrick" erfunden. So langsam wird es Zeit für eine Wort-Neuschöpfung. Am 20. April ist Mitgliederversammlung, da darf man etwas vom Sportdirektor erwarten. Immerhin sollte das "Europapokal-Platz-Double" bald unter Dach und Fach sein. Für Platz vier benötigt der VfL noch zwei Siege. In der Rückrunde hat das Favre-Team so viele Punkte gesammelt wie Ex-Verfolger Schalke und Augsburg zusammen. Lediglich das Rennen um die direkte Champions-League-Qualifikation entwickelt Krimi-Potenzial. Gladbach und Leverkusen sind zweifellos die "Mannschaften der Stunde".

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