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Borussia Mönchengladbach
"Verliebt in den Ball"

Raffael – Auch ohne Favre wichtig für Borussia
Raffael – Auch ohne Favre wichtig für Borussia FOTO: ap
Mönchengladbach. Borussias Brasilianer Raffel spricht über seine besondere Beziehung zum Spielgerät, seinen entschwundenen Ziehvater Lucien Favre und seine Leistungssteigerung unter Nachfolger André Schubert.

Raffael, Sie sind Brasilianer. Über die sagt man, sie hätten eine ganz innige Beziehung zum Ball. Es sei vergleichbar mit dem Verhältnis zu einer Frau: sehr emotional. Ist das bei Ihnen auch so?

Raffael Für uns Brasilianer ist der Ball wie eine Frau. Man ist verliebt in ihn, man geht möglichst gefühlvoll mit ihm um, man hat eine enge Bindung zu ihm. Wenn man in Brasilien geboren wird, ist es einfach so, das haben wir im Blut. Wir sind alle Straßenfußballer und streicheln am liebsten den Ball. Da sind auch viele Emotionen im Spiel, das ist ja klar. Wir wollen tolle Sachen mit dem Ball machen, da muss man ihn auch entsprechend behandeln.

Raffael bringt Borussia mit Traum-Freistoß in Führung FOTO: ap

In den ersten Wochen der aktuellen Saison war Ihr Verhältnis zum Ball etwas gestört - er lief nicht so, wie sie wollten. Seit dem Trainerwechsel von Lucien Favre zu André Schubert sind Sie dann aber eine der großen Überraschungen bei Borussia. Favre war, so sagten Sie mal, sei so etwas wie Ihr Ziehvater. Nun konnte man vermuten, dass Sie ihm nachtrauern, wenn er weg ist. Doch Sie sind total aufgeblüht.

Raffael Für mich ist das gar keine Überraschung. Ich habe in den letzten beiden Jahren schon gut gespielt, ich habe viele Tore und Vorlagen gemacht. Und jetzt spiele ich wieder gut. Dass man im Fußball auch mal eine Phase hat, in der es nicht so gut läuft, als Mannschaft und auch als Spieler, das ist doch normal.

Fotos: Raffael erzielt Billard-Tor gegen Hertha FOTO: Dirk Päffgen

Trotzdem: Trauern Sie Favre manchmal noch nach?

Raffael Nein. In dem Moment, als er sich entschieden hat, zu gehen, war ich natürlich traurig. Aber es geht weiter, es bringt ja nichts, immer traurig zu sein. Man muss nach vorn schauen, das, was war, ist vorbei, auch wenn es eine schöne Zeit war.

Schubert neuer Cheftrainer – Stranzl trainiert wieder FOTO: Dirk Päffgen

Sie kennen Favre, seit Sie 18 sind. Sie kennen ihn also sehr gut. Haben Sie damit gerechnet, dass er so plötzlich gehen würde?

Raffael Nein, sicher nicht. Ich war genauso überrascht wie alle anderen, als er ging. Es hat sich nichts angedeutet. Für keinen von uns.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Raffael Er hat sich noch einmal bei allen Spielern gemeldet, als er aufgehört hat. Auch bei mir. Er hat mir gesagt, dass er mir und meiner Familie alles Gute wünscht und dass er hofft, dass wir in Kontakt bleiben. Zuletzt war dazu leider keine Zeit. Aber Favre wird immer ein wichtiger Trainer für mich sein, er hat den Raffael aus mir gemacht, der ich heute bin.

Was gibt Ihnen der neue Cheftrainer André Schubert?

Raffael Den unbedingten Willen, zu gewinnen. Motivation. Ich freue mich darauf, mit ihm weiter zusammenzuarbeiten.

Bitte erklären Sie mal, wie das geht: Borussia wird Dritter und spielt tollen Fußball. Dann beginnt die neue Saison, und plötzlich ist in den ersten Spielen alles weg. Und dann geht es plötzlich wieder so gut wie vorher.

Raffael Puh, das ist schwer zu erklären. Manchmal versteht man auch als Spieler nicht, warum man so schlecht gespielt hat. Es passiert einfach. Wir haben das doch in der Saison zuvor bei Borussia Dortmund gesehen. Die Mannschaft ist so stark und war auf einmal Letzter.

Woran hat es bei Borussia gelegen?

Raffael Es sind Kleinigkeiten, die am Ende entscheiden, ob ein Spiel gewonnen wird oder nicht. Es lief in der Phase vieles gegen uns.

Hatte es auch etwas mit Favre zu tun? Hatte sich seine Ansprache nach so langer Zeit abgenutzt?

Raffael Nein, das war nicht so. Es war einfach für alle, für uns Spieler und für den Trainer, eine schwierige Phase.

Ibrahima Traoré sagte nach der Niederlage im Derby in Köln, Borussia müsse einfach mal 1:0 in Führung gehen, dann würde sich vieles lösen. War es so? Gegen Augsburg gab es schnell die 1:0-Führung, dann brachen alle Dämme - auch bei Ihnen, Sie waren in dem Spiel an allen Toren beteiligt.

Raffael Wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen und waren bereit dazu. Die vielen Niederlagen in Folge waren genug, das wollten wir nicht auf uns sitzen lassen. Darum haben wir alles dran gesetzt, etwas zu ändern und haben es geschafft.

Haben Sie persönlich schon mal so eine extreme Negativserie erlebt wie jetzt die in den ersten Spielen dieser Saison?

Raffael Ich kann mich nicht daran erinnern, ich würde sagen: Nein. Das war eine Erfahrung, die ich mir gern erspart hätte. Aber wie gesagt: Niederlagen gehören zum Fußball dazu. Zum Glück kann ich bei meiner Familie auch in solchen Phasen abschalten, das ist wichtig. Ständig darüber zu grüblen, bringt auch nichts. Man muss einfach immer versuchen, es im nächsten Spiel besser zu machen.

Das ist seit dem Spiel gegen den FC Augsburg gelungen. Auffällig ist, dass Sie plötzlich ein Feierbiest sind. Sie laufen nach Toren in die Kurve zu den Fans, klettern Zäune im Stadion hoch. Das gab es vorher so nicht, da haben Sie sich eher nach innen gefreut.

Raffael Wir haben tolle Fans, und es macht mir sehr viel Spaß mit ihnen. Als wir das Derby in Köln verloren haben, kamen viele zum Stadion, als wir zurückkamen und haben uns unterstützt. Das war unglaublich. Und nach meinem ersten Saisontor musste ich einfach mit den Fans feiern in Stuttgart. Ich konnte nicht anders, es sprudelte so aus mir heraus. Es ist schon richtig, dass ich vorher meistens nicht in dieser Art meine Tore gefeiert habe. Da habe ich mich sicher ein bisschen verändert. Aber warum sollte man das nicht tun?

Verändert hat sich auch viel, seit André Schubert für das Team verantwortlich ist. Wie ist es ihm gelungen, dem Team so schnell den Spaß am Spiel zurückzugeben?

Raffael Er hat ein paar Sachen korrigiert. Das war der Schlüssel für den Erfolg. Er hat uns gesagt, dass wir vorn früher attackieren sollen und versuchen sollen, unser Spiel zu machen. Diese Aggressivität, mit der wir vorn nun draufgehen, gefällt uns. Lucien Favre hatte da sicher einen anderen Ansatz, da haben wir abwartender gespielt und länger nach der perfekten Lücke gesucht.

Was waren die ersten Worte, die André Schubert an die Mannschaft gerichtet hat?

Raffael Er hat uns gesagt: Ich vertraue euch. Und er hat uns gesagt: Ihr habt die Qualität, guten Fußball zu spielen. Wir wussten das, aber er hat uns das Vertrauen in unsere Stärke zurückgegeben. Aber für einen Trainer, der neu zu einer Mannschaft kommt, ist es auch einfacher, so an die Sache heranzugehen, zumal nach fünf Niederlagen. Er ist unbelastet von dem, was vorher war. Es war für uns ein Neubeginn.

Seit Freitag ist André Schubert Cheftrainer. Mal ehrlich: Kannten Sie ihn eigentlich, bevor er Ihr Trainer wurde?

Raffael Ich wusste natürlich, dass er seit dem Sommer unsere U23 trainiert. Aber sonst kannte ich ihn nicht, muss ich gestehen.

Es gibt Menschen, die sagen, dass Borussias Fußball unter Schubert schöner und aufregender geworden sei. Ist das so?

Raffael Wir spielen seit langem einen schönen Fußball, seit vier, fünf Jahren. Es ist genau der Fußball, den ich mag.

Vor allem mögen Sie es, mit Lars Stindl zu spielen.

Raffael Er ist ein super Spieler. Das wusste ich schon vorher, ich habe ja viele Spiele von ihm gesehen, als er in Hannover war. Er ist ein anderer Spielertyp als Max Kruse. Aber wir ergänzen uns gut. Das heißt aber nicht, dass ich nicht mit anderen da vorn spielen kann. Mit Lars funktioniert es im Moment aber am besten, es ist mehr als perfekt.

Welche Ziele haben Sie noch in dieser Saison?

Raffael In der Champions League wollen wir den dritten Platz schaffen und dann weiter international spielen. Wir haben noch zwei Spiele, da ist alles möglich. Wenn wir zu Hause gegen Sevilla gewinnen und in Manchester einen Punkt holen, sind wir wahrscheinlich durch. Was die Bundesliga angeht, ist es noch zu früh, etwas zu sagen. Sie ist ja total unberechenbar, das haben wir jetzt gesehen.

Haben Sie damit gerechnet, dass es für Borussia nach dem Fehlstart so schnell wieder nach oben geht?

Raffael Nein! Ich dachte, es dauert mindestens bis zur Winterpause bis wir wieder in der Spur sind. Aber es ging alles viel schneller.

Weswegen Borussia nun in den nächsten beiden Spielen gegen Hannover und in Hoffenheim als Favorit angesehen wird. Viele erwarten da Siege.

Raffael Stimmt. Aber das ist nicht so leicht. Jedes Spiel ist ein harter Kampf, das haben wir jetzt gegen Ingolstadt gesehen. Mamma Mia, so etwas habe ich noch nie in der Art erlebt. Es ist zwar normal, dass man in der Bundesliga seine Gegenspieler anspricht, doch da war es extrem. Ich hatte aber Glück, dass mich keiner so belabert hat.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsspieler? Pelé zum Beispiel?

Raffael Nein, ich habe kein Vorbild. Ich versuche, mein Spiel zu machen.

Und dabei immer möglichst liebevoll mit dem Ball umzugehen.

Raffael Genau! Ich bin ja Brasilianer, auch wenn ich jetzt schon lange in Deutschland bin.

KARSTEN KELLERMANN SPRACH MIT RAFFAEL.

Quelle: RP
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