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Borussias Ex-Präsident Drygalsky
"Effenbergs Rückkehr war die richtige Entscheidung"

Borussia Mönchengladbach: "Rückkehr von Stefan Effenberg war richtig"
Karl-Heinz Drygalsky (mit erhobener Hand) war 1994 Präsident, als Borussia Stefan Effenberg aus Florenz zurückholte. FOTO: Lothar Str�
Mönchengladbach. Borussia und Florenz, da war doch etwas. Ex-Präsident Karl-Heinz Drygalsky erklärt, warum der Verein den "Stinkefinger" Stefan Effenberg 1994 aus Florenz wieder an den Bökelberg holte. Von Karsten Kellermann

Borussia und der AC Florenz heute Gegner in der Europa League, haben sich bisher in einem Pflichtspiel noch nie getroffen. Gleichwohl gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Vereinen: Borussia holte 1994 Stefan Effenberg von der Fiorentina zurück nach Gladbach. Der damalige Präsident Karl-Heinz Drygalsky spricht im Interview über den Transfer und die Folgen.

Herr Drygalsky, Borussia trifft in der Europa League auf den AC Florenz. Das dürfte Erinnerungen bei Ihnen wecken. Stichwort: Stefan Effenberg.

Drygalsky Man muss ja zunächst mal sagen, dass die jetzige Reise nach Florenz für die Borussen weniger eine Effenberg-Geschichte sein wird. In erster Linie ist es eine bezaubernde Stadt mit viel Kunst und imposanten Denkmälern – das ist doch genau die Touristenattraktion, die man sich wünscht bei solchen Europapokal-Reisen. Dass es nun bei der Auslosung ausgerechnet der Klub geworden ist, von dem wir damals Stefan Effenberg geholt haben, kommt vereinshistorisch noch dazu. Wir sind damals allerdings im Zuge des Transfers gar nicht nach Florenz gereist, es war keine Hol- Aktion. Er kam ja zu uns, und der Transfer wurde nach den üblichen Abläufen abgewickelt.

Unüblich war, dass Effenberg mit dem Fahrrad kam …

Drygalsky (lacht) Ja, das war ja eine werbewirksame Geschichte, nachdem er zwischenzeitlich gesagt hatte, er würde auch mit dem Fahrrad zurück nach Gladbach kommen. Die Inszenierung fand ja auch die entsprechende Beachtung.

Effenberg galt damals als Bad Boy des deutschen Fußballs, nachdem er wegen der Stinkefinger-Affäre bei der WM 1994 von Bundestrainer Berti Vogts nach Hause geschickt worden war. Ihn dann in der Situation zurückzuholen als Borussia, war schon mutig.

Drygalsky Es sorgte natürlich für Aufsehen im deutschen Fußball. Man muss Effenberg als besondere Person sehen, nicht nur auf dem Fußballfeld. Er hatte immer eine gewisse Dynamik, aber er war eben gelegentlich auch sehr provozierend. Das wollte er auch gar nicht unterdrücken. Das gehört zu seinem Charakter. Wir kannten die Problemzonen der Geschichte, darum haben wir den Transfer auch sehr gut durchdacht. Wir haben sogar mit der Mannschaft Rücksprache gehalten, um auch von der Seite die Zustimmung zu haben, denn sonst hätte es nicht funktioniert. Das Team gab grünes Licht, weil es Erfolg wollte und Effenberg ein Faktor dafür sein konnte.

Welche Idee stand hinter dem Transfer? Borussia hatte ein Team mit viel Potenzial. War Stefan Effenberg die Leaderfigur, die damals noch fehlte?

Drygalsky Es war erkennbar, dass Stefan Effenberg in Florenz nicht mehr unumstritten war. Zudem war ja die damalige Ehefrau Martina Gladbacherin, und er hatte seine Vergangenheit bei uns. So lag die Verbindung natürlich auf der Hand – und uns bot sich die Gelegenheit, einen Spieler seiner Klasse zu bekommen. Das war für uns der Hauptgrund, ihn zu holen. In Bestform war Stefan Effenberg nicht nur für Borussia, sondern für jede andere Mannschaft ein Highlight. Denn er hatte wirklich Führungsqualität.

Sie waren von 1972 bis 1992 Konditionstrainer bei Borussia, kannten Effenberg also schon als jungen Spieler, der aus Hamburg nach Gladbach kam. Wie war der junge Effenberg?

Drygalsky Er war damals schon gewohnt, ich vermute mal auch außerhalb des Platzes, die Ellbogen einzusetzen. Auch mit dem Mundwerk war er schon als junger Mann nicht zurückhaltend. Er wollte sich immer durchsetzen und hat es auch getan.

War er der Leader, den sich Borussia – Manager Rolf Rüssmann, Trainer Bernd Krauss und Sie – erhofft hatten?

Drygalsky Wir wussten genau, dass er alles daransetzen würde, sich voll einzubringen, um das negative Image, das er in der Fußballwelt damals hatte, zu revidieren.

Es war also eine Win-win-Situation? Borussia brauchte einen guten Spieler, und dieser gute Spieler brauchte eine Bühne, um sich zu zeigen.

Drygalsky Ja, so kann man es sagen. Er hat aber immer auch polarisiert.

Inwieweit muss man so etwas einkalkulieren, wenn man einen Spieler wie Effenberg holt? Er hat die ganze Palette in jener Zeit abgerufen: Er hat die Mannschaft zum Pokalsieg geführt, dann aber auch runtergerissen, als seine Leistung nicht mehr stimmte.

Drygalsky Wenn ein so dominanter Typ dauerhaft zu viel Einfluss bekommt, sind das typische Entwicklungen. Ich glaube, man kann das sogar mit Günter Netzer vorher vergleichen, der auch Phasen hatte, in denen er nicht auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit war, trotzdem aber seine Führungsrolle beibehalten wollte. Das kann dazu führen, dass die eigentlichen Pflichtaufgaben vernachlässigt werden. Im Erfolgsfall wird eine Mannschaft eine solch herausragende Persönlichkeit unterstützen. Wenn der Erfolg aber ausbleibt und diese Persönlichkeit keine Leistung bringt, führt das schnell zu strukturellen Problemen. Das hat sich damals bei Effenberg gezeigt.

Es wurde besonders deutlich, als Effenbergs Fünf-Millionen-Mark-Gehalt durch die Rheinische Post öffentlich gemacht wurde. War es ein Fehler, ihm eine solche Sonderstellung im Team einzuräumen?

Drygalsky Effenberg war für uns insgesamt wirtschaftlich eine große Herausforderung, es gab viele Auflagen, vonseiten des AC Florenz, aber auch vonseiten der Familie Effenberg. Wir haben Effenberg ja zunächst ausgeliehen und erst später gekauft. Uns allen war klar, dass es, wenn ein für damalige Verhältnisse überdimensionales Salär die Runde macht, Unruhe geben würde. So war es dann auch, besonders, als die Leistung nicht mehr stimmte.

Kann man das überhaupt verhindern, gerade bei einer solchen Galionsfigur, die dann doch in vielen Bereichen eine Sonderstellung hat?

Drygalsky Ich glaube, da die heutige Fußballwelt sehr gläsern geworden ist, wäre es fast unmöglich, eine solche Geschichte so zu handhaben. Aber unter dem Strich würde ich trotzdem sagen, wenn ich mich noch einmal in unsere Lage jener Tage versetze: Es war die richtige Entscheidung.

Die zum Pokalsieg geführt hat. Es ist nach wie vor der letzte Titel, den Borussia geholt hat. Der Pokal bietet mehr als die Liga diese Chance, es erneut zu schaffen. Borussia hat es gerade bis ins Viertelfinale geschafft. Ur-Borusse Berti Vogts hat schon öfter gesagt, Borussia müsse in dieser Saison alles daransetzen, den Weg nach Berlin zu schaffen.

Drygalsky Ich traue Dieter Hecking ganz sicher zu, dass er die Bedeutung dieses Wettbewerbs kennt. Er hat ja mit dem VfL Wolfsburg den Pokal schon gewonnen. Leider sind wir ja in den vergangenen Jahren trotz günstiger Bedingungen ausgeschieden, das fand ich doch ein wenig schade, weil vielleicht etwas Tolles hätte passieren können. Grundsätzlich ist der Pokal der leichteste Weg zu einem Titel.

Welchen Wert hatte der Pokalsieg damals für den Klub?

Drygalsky Wir – Trainer, Manager, die Mannschaft, alle, die damals im Klub waren – sind nach wie vor sehr stolz, 1995 diesen Triumph mit Borussia geschafft zu haben. Und rückblickend ist es ja leider bisher so, dass das, was Berti Vogts 1979 nach dem Uefa-Cup-Sieg sagte, auch hier zutrifft: Schaut euch den Pokal gut an, es wird für lange Zeit der letzte sein.

In den Spielzeiten nach dem Triumph von Berlin fiel die Mannschaft nach und nach auseinander. War der Pokalsieg im Rückblick der Wendepunkt auf den Weg nach unten?

Drygalsky Ein bisschen Absacken nach einem Titel halte ich für normal. Wir haben dann ja auch danach gut gespielt und hatten tolle Europapokal-Erlebnisse wie die Spiele gegen Arsenal London. Auch da hat Effenberg eine wichtige Rolle gespielt. Leider war es ja so, dass Spieler wie Heiko Herrlich oder Martin Dahlin ihre eigenen Pläne hatten und wegwollten. Es war schwer, sie zu ersetzen, das hat sich in den folgenden Jahren gezeigt. Der Niedergang, den ich aufgrund meines Rücktritts 1997 nicht mehr bis zum Ende aktiv begleitet habe, wurde ja in der Saison 1997/98 noch einmal aufgehalten durch die Rettung im letzten Spiel in Wolfsburg. Stefan Effenberg hat da seine Führungsqualitäten noch einmal zeigen müssen. Er war schließlich ein wesentlicher Faktor, in der Saison den Abstieg zu verhindern. Er wollte danach wieder zum FC Bayern gehen – und er wollte Gladbach nicht als Absteiger verlassen

Karsten Kellermann führte das Gespräch.

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