| 18.28 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Gladbach stoppt Hertha und baut Siegesserie aus

Einzelkritk: Xhaka verdient sich Bestnote
Einzelkritk: Xhaka verdient sich Bestnote FOTO: afp, oa-iw-pb
Berlin. Es waren viele Spukgestalten unterwegs in Berlin. Schon am Vorabend von Halloween hatten einige Geschäfte, in denen es allerlei Schauriges zu erstehen gibt, extra lange geöffnet, und die Kundschaft strömte kauflustig heran. Sodann sah der geneigte Berlin-Besucher dann auch Hexen, Vampire, Monster und andere Schauer-Gestalten am Freitagabend. Trotzdem sollte es tags darauf kein Horror-Trip in die deutsche Hauptstadt werden für die Mönchengladbacher Borussen. Von Karsten Kellermann

Schließlich begann ihre Arbeitseinheit im imposanten Berliner Olympiastadion auch lange vor der Geisterstunde – und es war herrliches Herbstwetter, 16 Grad und Sonnenschein. Bei besten Rahmenbedingungen also und unterstützt von 7000 Gladbach-Fans wollte das Team von André Schubert seine Erfolgsserie fortsetzen und mindestens unbesiegt bleiben auch im sechsten Liga-Spiel unter Leitung des Interimstrainers.

Das gelang den Borussen beeindruckend. 4:1 siegten sie durch die Tore von Oscar Wendt (erstes Saisontor), dem früheren Berliner Raffael, Granit Xhaka und Havard Nordtveit verdient. Das, was in Gladbach passiert, seit der 44-jährige Schubert vom U23-Trainer zum Coach des Bundesligateams aufgestiegen ist, ist beeindruckend. Das Team, das in den ersten fünf Spielen jedes Selbstvertrauen vermissen ließ, strotzt nun nur so davor. In Berlin dominierten die Gladbacher das Spiel gegen eines der bisherigen Überraschungsteams dieser Saison nach Belieben: Der Ball zirkulierte sicher, die Gäste hatten im ersten Durchgang 60 Prozent Ballbesitz und machten im richtigen Moment das Spiel schnell. So kam es auch zum vorentscheidenden Doppelschlag in der 26. und 28. Minute. Borussia ist mit nun 18 Punkten längst wieder in den gehobenen Europapokal-Regionen der Tabelle angekommen.

Kellermann: Die Gladbacher machen der Liga ein bisschen Angst

Schubert sammelt weiter fleißig Argumente

Die Bilanz von Schubert nach 40 Tagen als Gladbach-Trainer: sechs Siege in der Bundesliga, der Sprung von Platz 18 auf Platz vier, zudem im Pokal der Einzug ins Achtelfinale und in der Champions League der Debüt-Punkt durch das 0:0 bei Juventus Turin. All das sind Argumente, die Sportdirektor Max Eberl in Schuberts Trainer-Akte vermerken wird. Nachteilig ist diese Bilanz sicher nicht, denn noch immer sucht Eberl nach dem "neuen perfekten Trainer". Mindestens kann er sich weiter Zeit lassen, denn der, der den Job jetzt macht, macht ihn richtig gut. Das Team wirkt hoch motiviert, ist spielfreudig und wirkt sehr erwachsen, vor allem bei den letzten Auftritten. Womöglich gibt Eberl in der Sport-1-Sendung "Doppelpass" am Sonntag Aufschluss über die Zukunft Schuberts.

Auch die Verletzungsmisere, die Gladbach in diesen Wochen heimsucht, bringt Schubert und sein Team nicht aus dem Tritt. Schubert nimmt es gelassen und verlässt sich auf die qualitative Breite seines Kaders. Auf der rechten Abwehrseite gab es in Berlin eine Neuerung: Havard Nordtveit spielte dort. Denn Stammplatzinhaber Julian Korb war nicht richtig fit wegen der Oberschenkelprellung, die er sich beim Pokalspiel auf Schalke zugezogen hatte. Und auch Tony Jantschke, der rechts Dienst tun könnte, fehlte wegen seiner Schulterverletzung. Also musste Nordtveit ran. Alvaro Dominguez kam als Innenverteidiger wieder in die Mannschaft. Den Job indes, den hat er in Gladbach schon öfter gemacht. Ansonsten war alles wie gehabt: Denn Fabian Johnson, der im Pokal erst draußen blieb, gehörte wieder zur Startelf, und auch Raffael kehrte nach seiner Erkältung zurück und bildete gegen seinen Ex-Verein wieder mit Lars Stindl das Angriffsduo.

Fotos: Wendt trifft aus spitzem Winkel zur Führung gegen Hertha FOTO: Dirk Päffgen

Das Bruderduell mit Ronny fiel für Borussias Brasilianer aber zunächst aus, weil Ronny nur auf der Bank saß. Dort fand sich auch der frühere Gladbacher Alexander Baumjohann wieder, während der ehemalige Borusse Tolga Cigerci von Anfang an spielte. Baumjohann kam nach 46 Minuten ins Spiel, weil sich der bis dahin beste Berliner, Salomon Kalou, eine Platzwunde zuzog, als er einen Schuss von Nordtveit ins Gesicht bekam. Kalou musste raus.

Hertha kontert im eigenen Stadion

Berlins Trainer Pal Dardai hatte sich vor dem Spiel vor allem den Kopf darüber zerbrochen, wie er Borussias Geschwindigkeitsfußball stoppen könnte. Sein Team löste das zunächst so: Es stand recht tief, so dass es keine Tiefe gab für das Gladbacher Spiel. Borussia versuchte daher mit gepflegtem Pass- und Kombinationsspiel, Lücken zu erarbeiten, um den sechsten Sieg am Stück auf den Weg zu bringen. Hertha versuchte ebenfalls zum sechsten Mal zu siegen, dies jedoch weniger aktiv als die Borussen, sondern mit Konterfußball im eigenen Stadion. Dennoch waren es die Berliner, die als erste gefährlich wurden. Nach einer Ecke befördert Kalou den Ball per Kopf auf das Gladbacher Tor, doch Maskenmann Yann Sommer griff beherzt zu (5.). Gleiches tat Hertha-Keeper Rune Jarstein 13 Minuten später, als es Raffael aus 17 Metern versuchte.

Weil aber die Berliner nur selten ihre Konter durchbrachten und die Gladbacher nicht so recht Löcher fanden in Herthas Defensive, passierte vor beiden Tore jenseits dieser beiden Szene wenig. So waren die hüpfenden und singenden Fans beider Mannschaften in der Anfangsphase tatsächlich die größte Attraktion dieses Spiels. Die Berliner waren natürlich in der Überzahl, doch die Gladbacher, die unnötigerweise vor dem Spiel Rauchbomben zündeten, hielten sehr gut dagegen.

Nach 26 Minuten gab es aber die ersten Höhepunkte auf dem Spielfeld zu bestaunen. Und dann hatten die Gäste-Fans auch deutlich die klanglichen Vorteile, denn sie durften binnen zwei Minuten zwei Tore bejubeln. Johnson fand die Tiefe nach einem Pass von Nordtveit, er wurde aber abgedrängt von Jarstein. Doch Wendt war da und schoss den Ball aus durchaus spitzem Winkel ins Netz. Zwei Minuten nach dem 0:1 war es Raffael, der nach einem Ballverlust von Per Skjelbred im Mittelfeld allen Berliner Verfolgern enteilte und den Ball aus 18 Metern ins Tor beförderte. Mit Ruhe und Bedacht hatten die Gladbacher bis dahin den Gegner bespielt und mürbe gemacht. Als es dann darauf ankam, waren sie eiskalt – wie schon am Mittwoch im Pokalspiel. So nahm der zweite Auswärtssieg binnen vier Tagen mehr und mehr Gestalt an.

Die endgültige Entscheidung leitete ein weiterer Ex-Berliner ein. Nach einer Ballstafette schickte Lars Stindl Ibrahima Traoré, der früher bei Hertha angestellt war. Traoré ging im Strafraum zu Boden, Elfmeter. Gladbachs Kapitän Granit Xhaka übernahm Verantwortung und schoss den Ball zum 3:0 ins Tor (54.). Beim fünften Elfmeter, den die Borussen in dieser Saison zugesprochen bekamen, war Xhaka der fünfte Schütze. Vom Punkt ist Schuberts Borussia sehr variabel. Auswärts sind Xhaka und seine Kollegen nicht eben gern gesehene Gäste. 3:1 in Stuttgart, 5:1 in Frankfurt und nun 3:0 in Berlin – das ist schaurig für die Heimteams. Die Gladbacher hingegen fühlen sich spürbar wohl in der Rolle als Schreckgespenster. Am Dienstag wollen sie nun Juventus Turin in der Champions League das Fürchten lehren. Der Berliner Anschlusstreffer zum 1:3 durch Baumjohann, der ebenfalls per Elfmeter traf, war nur noch Ergebniskosmetik. In der Schlussminute erzielte Nordtveit den Endstand.

Das letzte Wort hatte dann Schubert. Auf die erneute Frage nach seiner Zukunft sagte der Interimstrainer: "Wir sind alle Interimstrainer – ich habe nur keinen Vertrag."

(seeg/rpo)
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