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Borussia Mönchengladbach
Ein guter Jahrgang und die Rückkehr des Gassenhauers

Einzelkritik: Note 1 für Hazard und Christensen
Einzelkritik: Note 1 für Hazard und Christensen FOTO: dpa, bt hak
Mönchengladbach. Gladbach hat das "Spiel um Platz drei" gegen Hertha gewonnen, ist aber trotzdem Vierter. Die Tabelle flunkert ein wenig. Was ein Rucksack damit zu tun hat, erklärt die "Zehn vom Niederrhein". Von Jannik Sorgatz

1. Wie ein Judoka aus Island Bei Weltmeisterschaften ist das Spiel um Platz drei eine spezielle Veranstaltung. Fußballer machen sich nichts aus Medaillen, der Beiname des vorletzten Turnierspiels lautet "Verlierer-Duell". Das kann einen gefühlsduseligen Abschluss besorgen wie 2006 für Deutschland oder neben einem 1:7-Trauma wie 2014 für Brasilien noch eine allgemeine Fußballkrise zementieren. Dagegen hat das Spiel um Platz drei in der Bundesliga ein Potenzial, das viel zu wenig gewürdigt wird. Erstens gibt es davon gleich mehrere in einer Saison und zweitens freut sich derjenige, der am Ende Dritter wird, wie ein isländischer Judoka über Bronze. Das Geld spielt bei den Bundesligaklubs eine ungleich größere Rolle. Allerdings ist der dritte Platz nur deshalb ein gefühlter Titel, weil in der Champions League so viel Geld ausgeschüttet wird. Die "B.Z." schrieb von einem "12-Millionen-Euro-Spiel". Diese Huhn-Ei-Frage kann man auch erst einmal unbeantwortet lassen.

2. Heimrekord Das 7:0 gegen FK Sarajevo in den Europa-League-Play-offs 2014 wird es mit Nachsicht hinnehmen: Der nominell höchste Sieg im Borussia-Park hat seine Daseinsberechtigung, es wäre aber unfair, ihn eine Liste anführen zu lassen, auf der allein 202 Heimspiele in der Bundesliga stehen. Das 5:0 gegen Hertha BSC steht gemeinsam mit dem 5:0 gegen Werder Bremen im November 2011 nun an der Spitze. Anfang Februar gab es gegen Bremen ein 5:1, dazu Anfang März das 4:0 gegen den VfB Stuttgart. Ansonsten landete die Borussia in ihrem nicht mehr ganz so neuen Stadion nur 2011 gegen den 1. FC Köln (5:1) einen Bundesliga-Heimsieg mit mindestens vier Toren Unterschied.

3. So gut wie Darmstadt und um Welten besser Ein paar Statistiken für den nächsten Stammtisch (was ja nur ein Synonym für die meisten Gespräche über Fußball ist):

  • Gladbach hat fünf Heimspiele in Folge gewonnen bei einem Torverhältnis von 18:1.
  • Seit 394 Minuten ist die Borussia ohne Gegentor im eigenen Stadion, vergangene Saison waren es von Dezember 2014 bis April 2015 sogar 476.
  • Gladbach hat nur sieben Tore weniger als der FC Bayern erzielt, aber 31 mehr kassiert.
  • Die Borussia stellt den besten Angriff der Rückrunde und könnte am Saisonende ihre beste Ausbeute seit 1986/87 erreichen.
  • Elf Niederlagen hat auch der SV Darmstadt kassiert und dabei sogar ein Tor weniger kassiert. Bei den Siegen steht es aber 14:6.
  • 103 Tore sind bislang in 28 Spielen mit Gladbach-Beteiligung gefallen – Liga-Höchstwert.

4. 25 Spiele sind Pflicht Wie ein Mantra beschwörten die Borussen nach dem Spiel die "Qualität im Kader". Gar nicht dabei waren Raffael, Martin Stranzl, Alvaro Dominguez, Roel Brouwers, Branimir Hrgota, Nico Schulz und Marvin Schulz. Nicht so schlecht. Auf der Bank saßen zunächst fünf ehemalige deutsche U21-Nationalspieler (51 Einsätze) und die beiden Nationalspieler Martin Hinteregger (Österreich) und Ibrahima Traoré (Guinea). Noch besser. Selbst bei vier möglichen Abgängen aufgrund auslaufender Verträge drohen Engpässe nur im Fall einer allergrößten Verletzungsseuche. Ein 25-Spiele-Pensum in der kommenden Hinrunde ist allein deshalb Pflicht.

5. "Wellen"-Garantie unter Schubert Nicht nur die Laufwege bei Heimspielen sind einstudiert, gerade davor und danach sind die Abläufe ziemlich klar. Allein das Ergebnis justiert das Nachprogramm: In die Kurve geht es immer, allein die "Welle" fällt mal weg, wobei die Borussia unter André Schubert jetzt elf von 13 Heimspielen gewonnen und eine "Wellen"-Garantie etabliert hat. Doch nach dem 5:0 gegen Hertha bildete der Trainer mit seinen Spielern und seinem Stab zuerst einen Kreis im Mittelkreis. Den Inhalt der Ansprache wollte er weder paraphrasieren noch mit einer Überschrift versehen. "Sonst hätte ich es ja im Presseraum gemacht, wenn es für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen wäre", meinte Schubert. 

6. Rückkehr des Gassenhauers Die Fans sind dagegen keine Geheimniskrämer und kehren ihre Gefühlswelt stets nach außen. Wer wollte, konnte sie am Sonntag als Seismograph der Erwartungshaltung bezeichnen. Nach dem 2:0 stimmten sie das Europapokal-Lied an. So konkret hatte man es länger nicht gehört. Vermutlich steckte bei den vergangenen Heimsiegen die letzte Auswärts-Enttäuschung noch zu sehr in den Knochen. Jetzt half die Länderspielpause, die Niederlage auf Schalke zu verdauen. Als Thorgan Hazard auf 4:0 erhöht hatte, wagte sich die Nordkurve noch weiter nach vorne und sang den Gassenhauer des Vorjahres: "Auf, auf, auf in die Champions League!" 

7. "Haben halt die Tore nicht gemacht" Nach dem 1:2 gegen den FC Schalke diagnostizierten wir ein "Auswärts-Chancenverwertungs-Problem". Zu Hause läuft nicht nur das besser, die Borussia kann auch darauf bauen, dass sie seit einigen Heimspielen kaum noch etwas zulässt. Hertha, Frankfurt und Stuttgart blieben allesamt ohne Treffer und durften nur 19 Torschüsse abgeben, fünf davon auf den Kasten von Yann Sommer. Auf Schalke und in Wolfsburg war es nicht grundlegend anders, weshalb Schubert zurecht feststellte, dass seine Mannschaft dort "halt die Tore nicht gemacht" habe. Stimmt, aber zu Hause ist ihr zuletzt auch kein Tiki-Taka-Eigentor unterlaufen, kein abgefälschtes Ding und es gab keinen dreimütigen Tiefschlaf, in dem zwei Gegentore fielen. Weniger davon in Ingolstadt und mehr von der Chancenverwertung im Borussia-Park (nur 1,83 Schüsse aufs Tor für einen Treffer seit Anfang März), dann klappt's auch mal auswärts.

8. Die Tabelle flunkert Als Vierter steht die Borussia drei Punkte hinter dem Dritten, den sie in dieser Saison zweimal demontiert hat – mit 4:1 und 5:0. Abgesehen davon fielen Herthas höchste Niederlagen mit maximal zwei Toren Differenz aus. Insofern darf man der Tabelle schon unterstellen, dass sie es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt. Allerdings muss sich Berlin nicht dafür rechtfertigen, vor Gladbach zu stehen. Gladbach muss sich eher dafür rechtfertigen, hinter Berlin zu stehen. Wobei der Fünf-Pleiten-Rucksack zwar immer leichter wird, die Borussia ihn bis zum Ende aber nicht ganz ablegen wird.

9. Tagessieg für Darida "Lauf-Treff am Sonntag", titelte der "Kicker" vor dem Topspiel. Mo Dahoud und Herthas Vladimir Darida sind dafür bekannt, die größten Distanzen der Liga zurückzulegen. Bei Dahoud sind es im Schnitt 12,78 Kilometer pro Spiel, bei Darida 13,10. Nun wurde der 90-Minuten-Lauf vorzeitig abgebrochen, beide wurden ausgewechselt, genau wie die ebenfalls lauffreudigen André Hahn und Tolga Cigerci. Um den Sieger zu küren, ist also ein wenig Rechnerei nötig:

  1. Darida: 62 Min. – 9,16 km – 13,30 km/90 Min.
  2. Dahoud: 80 Min. – 11,45 km – 12,88 km/90 Min.
  3. Cigerci: 45 Min. – 6,37 km – 12,74 km/90 Min.
  4. Hahn: 65 Min. – 8,90 km – 12,32 km/90 Min.

10. "Fußballgötter"-Doppelsechs Irgendwann wendet sich das Blatt. Wer viele Verletzte zu beklagen hat, darf viele Rückkehrer feiern. Patrick Herrmann hat den Weg Bank-Joker-Joker hinter sich. Dabei ist es bislang geblieben. André Hahn steht für Bank-Joker-Startelf. Bei Jantschke ging es schneller: Joker. Mit Granit Xhaka bildete er in den letzten zehn Minuten eine "Fußballgötter"-Doppelsechs. Jantschke brachte neun von neun Pässen zum Mitspieler, einen davon zu Lars Stindl, der Ibrahima Traoré das 5:0 auflegte. 

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