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Tony Jantschke im Interview
"Ein Titel wäre schon das Größte"

Porträt in Bildern: Das ist Tony Jantschke
Porträt in Bildern: Das ist Tony Jantschke FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Tony Jantschke ist ein echter Schalke-Experte. 14 Spiele hat er gegen den Ruhrgebietsklub gemacht, mehr als gegen jeden anderen Verein. Im Interview spricht der Defensivmann über das heutige Achtelfinal-Rückspiel in der Europa-League gegen seinen Spezial-Gegner. Von Karsten Kellermann

Herr Jantschke, Sie haben eine gute Bilanz gegen Schalke: acht Siege, zwei Unentschieden und vier Niederlagen. Was sagt uns das für das Achtelfinal-Rückspiel?

Jantschke Dass alles drin ist.

Oder dass Tony Jantschke als Schalke-Experte definitiv spielen sollte.

Jantschke Na ja, nicht nur deswegen würde ich sagen. Ich habe in diesem Jahr zwölf von 13 Spielen gemacht. In Hamburg habe ich ausgesetzt, das war mit dem Trainer so abgesprochen. Zum einen, weil wir einen breiten Kader haben und jeder Spielpraxis braucht. Zum anderen, weil vielleicht ein wenig die Frische gefehlt hat. Nicht mal so sehr vom Körperlichen, sondern vielmehr vom Kopf her. Man hat ja auch bei mir in den letzten 20 Minuten auf Schalke gesehen, dass am Ende komplett die Power weg war. Da wurden wir ein-, zweimal zu leicht ausgespielt, so dass man auch sagen musste: Komm', eine Pause tut vielleicht mal ganz gut.

Wenn Sie gegen Schalke und dann gegen die Bayern spielen, haben Sie die Saison voll mit 34 Einsätzen.

Jantschke Richtig. Ich würde sagen, ich kann im Großen und Ganzen mit der Saison bisher zufrieden sein. Ich war kaum verletzt, das Knie hält – und es ist das Wichtigste, gesund zu bleiben. Ich denke da nur an Marvin Schulz, der schon die ganze Saison raus ist, oder auch an Ibo Traoré, der lange fehlt. Ich habe es ja in der letzten Saison zu spüren bekommen, als es mich immer wieder getroffen hat. Du kommst dann einfach nicht in den Rhythmus – das ist suboptimal. Es ist ja auch nicht schön, wenn der Verein nicht auf einen Spieler bauen kann, weil er immer wieder ausfällt.

In Ihrem Fall baut der Verein aber schon sehr lange auf Sie. 2006 kamen Sie vom FV Dresden-Nord ins Nachwuchsinternat, seit 2008 gehören Sie zum Profi-Team. Bis 2018 läuft der aktuelle Vertrag – gab es schon Zukunftsgespräche? Darf man spekulieren, dass sich beide Seiten eine weitere Zusammenarbeit vorstellen können?

Jantschke Max Eberl und ich kennen uns ja schon sehr lange, er hat mich als Jugenddirektor mit 16 aus Dresden hergeholt. Wenn etwas ansteht, setzen wir uns zusammen und normalerweise geht es schnell voran. Ich fühle mich jedenfalls wohl in Gladbach und ich denke, der Verein weiß, was er an mir hat.

Also könnte es sein, dass Sie als Profi am Ende der Karriere nur einen Verein hatten? Sie stehen dann in einer Reihe mit Berti Vogts, Christian Hochstätter oder Uwe Kamps.

Jantschke Das wäre doch schön. Solche Sachen imponieren mir. Ich finde, so etwas ist eine Auszeichnung für einen Spieler. Natürlich müssen die Rahmenbedingungen passen. Und die Leistung. Geschenke verteilt kein Verein, es muss für beide Seiten passen. Bisher hat es immer wunderbar gepasst mit Borussia und mir. Ich hoffe, dass es so weitergeht. Garantien hat man nicht, aber der Verein weiß, dass ich gerne hierbleibe und der Verein hat, denke ich, auch kein Problem mit mir. Ich bin mir recht sicher, dass wir auf einen Nenner kommen werden, wenn wir sprechen. Jetzt während der Englischen Wochen fehlt einfach auch die Zeit.

Diese Englischen Wochen haben ja so ihre Besonderheiten. Zum einen gibt es die Schalke-Trilogie, die nur unterbrochen wird vom HSV-Spiel am vergangenen Sonntag. Zum anderen kommt da noch ein Spiel gegen die Bayern, das fast schon ein wenig in den Hintergrund rückt. Früher war das Bayern-Spiel immer das absolute Highlight der Saison. Fühlt sich das nicht seltsam an?

Jantschke Das ist schwer zu sagen. Zum einen, weil die Bayern im Moment sowieso alles gewinnen, da schauen die Leute gar nicht so drauf, weil sie so überlegen sind. Zum anderen ist für uns das Euro-League-Spiel kurz zuvor eine Riesenchance. Es ist für beide Teams, für uns wie für Schalke eine Riesenchance. Schade ist, dass wir so früh aufeinandertreffen.

Es wäre auch ein schönes Finale gewesen …

Jantschke … oder ein Halbfinale. Aber es ist nun eben, wie es ist. Wir werden natürlich probieren, im Heimspiel die Chance zu nutzen. Wir sind erst mal froh, dass wir jetzt zwei Heimspiele in Folge haben, es ist schon hart, ständig auswärts zu spielen. Mit den sechs Siegen bei neun Spielen haben wir eine tolle Bilanz, klar, aber jeder Spieler spielt doch am liebsten im eigenen Stadion und vor den eigenen Fans. Zumal wir echt heimstark sind.

Nun, die Fans kriegen auch was geboten: Erst Schalke, dann Bayern – und vorher der HSV, der ja auch ein großer Name ist. Das macht doch Spaß.

Jantschke Och, das war in den anderen Wochen nicht anders. Sicherlich haben Darmstadt und Ingolstadt nicht ganz so klangvolle Namen, aber wenn man bedenkt, dass wir nach dem Fußballfest in Florenz gleich nach Ingolstadt fahren zu einem echten Abstiegsduell – das ist hart, aber für einen Spieler sehr schön.

Wo ordnen Sie für sich persönlich das Schalke-Spiel ein? Ist es Ihr bisher größtes Spiel für Gladbach? Oder war das das Pokal-Halbfinale 2012 gegen die Bayern? Oder doch die Relegation gegen Bochum?

Jantschke Die größten Spiele für mich sind und bleiben die Relegationsspiele. Das war noch mal ein ganz anderer Druck, es geht um alles, darum, ob der ganze Klub absteigt, und alle Konsequenzen, die das hat. Diese Spiele sind, glaube ich, schwer zu toppen. Aber auch die Champions-League-Spiele sind Highlights. Gerade in dieser Saison waren das für mich brutale Highlights, eben auch, weil ich in der ersten Champions-League-Saison, wie Patrick Herrmann auch, das Pech hatte, viel verletzt zu sein. Daher war es umso schöner, dass wir das jetzt erleben konnten. Auch die Champions-League-Quali-Spiele gegen Kiew und Bern hatten was – und auch das Halbfinale gegen die Bayern. Trotzdem: Das Achtelfinale gegen Schalke ist ein Highlightspiel, ohne Frage.

Die meisten dieser Highlight-Spiele haben Sie mitgemacht.

Jantschke Ich habe ja immer gesagt: Wenn ich fit bin und mich zeigen kann, habe ich immer den Anspruch, zu spielen. Ich bin davon überzeugt, dass sich Qualität durchsetzt. Ich werde nicht mehr der großartige Offensivverteidiger, aber ich versuche immer meine Stärken einzubringen und ich glaube, wenn man sich auf seine Stärken besinnt, kommt man immer ein Stück weiter.

Was ist zu erwarten?

Jantschke Es wird ein hartes Spiel. Schalke hat zurückgefunden zu seiner Form, wir haben zuletzt etwas geschwächelt. Aber wir haben ein Heimspiel, sind heimstark, haben Schalke vor eineinhalb Wochen hier geschlagen, haben aber auch gesehen, dass Schalke jederzeit in der Lage ist, hier Tore zu machen. Es wird sicher eine enge Kiste, die wir hoffentlich für uns entscheiden können.

Solche Spiele sind doch für einen Kämpfer wie Sie wie gemacht.

Jantschke Es sind einfach besondere Spiele, die man genießt. Man spielt Fußball, um so etwas zu erleben. Was aber nicht heißt, dass man in so einem Spiel motivierter ist, als gegen andere Gegner. Wenn der Anpfiff da ist, ist man in jedem Pflichtspiel so motiviert wie in den anderen. Und man will gewinnen. Auch jetzt gegen Schalke. Egal wie.

Kann da auch die neue Qualität helfen, die Borussia unter Dieter Hecking an den Tag legt? Plötzlich klappt es mit den Standards. Früher bei Lucien Favre waren diese quasi verboten, und auch André Schubert hat keinen großen Wert darauf gelegt.

Jantschke Wir sprechen da über die Offensivstandards. Man darf nicht vergessen, dass wir bei Lucien Favre in einer Saison kein Gegentor nach Eckbällen oder seitlichen Freistößen bekommen haben. Das ist schon krass. Es gibt immer verschiedene Richtungen. Aber es stimmt, dass Dirk Bremser, unser neuer Co-Trainer, darauf Wert legt und akribisch daran arbeitet, die Einlaufwege zu optimieren. Wir machen das jetzt besser als vorher – auch, weil wir mehr Selbstbewusstsein haben. Das kommt, wenn man wie in Florenz vier Tore durch Standards macht.

So können dann auch Spiele gewonnen werden, wenn es spielerisch nicht so läuft.

Jantschke Absolut. Es ist schon eine Qualität, die wir dazu bekommen haben. Wir haben in Jannik Verstergaard oder Andreas Christensen zwei Spieler, die sehr gut sind bei Standards, das nutzen wir jetzt aus. Ich habe da schon lange kein Tor mehr gemacht, es wäre mal wieder an der Zeit.

Mal ehrlich: Müssen Sie sich ab und an mal zwicken, wenn Sie sehen, wie sich Borussia entwickelt hat?

Jantschke Die Entwicklung ist phänomenal. Man kann darauf nur stolz sein, als Fan und auch als Spieler. Wenn man als Spieler mit so einer Entwicklung in Verbindung gebracht wird, und wenn es nur ein kleines bisschen ist, eine größere Auszeichnung gibt es doch gar nicht.

Ist es für Dieter Hecking eine Auszeichnung, dass seine Borussia immer wieder mit der von Lucien Favre verglichen wird, oder wird man ihm damit nicht gerecht?

Jantschke Es gibt viele Ähnlichkeiten, gerade, was die defensive Stabilität angeht. Es gibt aber auch Unterschiede, gerade wir Außenverteidiger spielen nach vorn auch mal den Chip-Ball hinter die gegnerische Abwehr. Dadurch ist die Fehlpassquote höher, aber so kann man das Feld lang ziehen. Früher bei Lucien Favre haben wir immer versucht, uns rauszukombinieren. Jetzt spielen wir auch die langen Bälle auf die schnellen Außen. Grundsätzlich finde ich es aber nicht negativ, wenn solche Vergleiche angestellt werden. Selbst wenn man Favre kopieren würde, wäre es als Kompliment gemeint, denn wir hatten damals eine unglaublich tolle Zeit in Gladbach. Und es gibt schon auch Gemeinsamkeiten. Das ist vor allem die Akribie, mit der Favre und Dieter Hecking arbeiten, zum Beispiel in der Videoanalyse, so dass man dann als Spieler einfach im Kopf hat, wie man sich bewegen soll. Es ist doch beachtlich: Wir hatten sehr wenig Zeit und wir haben alles, was er uns sagt, schnell umgesetzt. Darum haben wir gut gepunktet und haben jetzt, trotz des 1:2 in Hamburg, eine sehr gute Ausgangsposition. Es passt sehr gut zwischen Team und Trainer.

Lucien Favre war eine Art Vaterfigur für das Team, ein Lehrer. So ist es auch bei Dieter Hecking. André Schubert hat eher auf Kumpelhaftigkeit gesetzt. Braucht das Team doch eine starke Hand?

Jantschke Es kommt immer darauf an. Mit André Schubert sind wir ja auch noch Vierter geworden. Ich tue mich schwer, Trainer zu vergleichen. Fakt ist: Alle Trainer, die kommen, gehen irgendwann auch wieder. Klingt blöd, aber es ist so. Es gibt immer mal Durststrecken, die Frage ist dann immer: Wie weit geht der Verein? Das ist so in diesem Geschäft und daran ändert sich nichts. Da kann man noch so ein guter Trainer sein, manchmal braucht ein Team einfach einen neuen Impuls. Aber wir müssen auch nicht drum herumreden: Dieter Hecking hat mit Abstand die meisten Bundesligaspiele aller Trainer auf dem Buckel – und das merkt man.

Schauen wir auf das Ende der Saison: Gibt es zwei Titel für Gladbach?

Jantschke Puh! Schön wäre es natürlich. Und wir spielen ja alle, um Titel zu holen. Wir haben im Pokal eine Riesenchance, aber Frankfurt muss man erstmal im Halbfinale besiegen. Und Schalke in der Euro League auch. Selbst wenn wir das schaffen, sind wir gerade mal im Viertelfinale. Deswegen: Zu weit zu denken, ist schwierig. Aber ich gebe zu: Ein Titel wäre schon das größte. Das ist mir bisher nicht gelungen. Nicht mit der deutschen U17, als wir Dritter wurden, und auch nicht mit der U21. Auch das Halbfinale, das ich mit Borussia erlebt habe, ging verloren. Aber Moment: Wir haben mal in Dortmund das Hallenmasters gewonnen, mit Hans Meyer. Das war ein Titel. Jeden weiteren nehme ich mit. Aber toll ist doch, dass wir jetzt im März überhaupt noch über so etwas reden können.

Das gab es noch nicht in Ihrer Zeit als Borusse.

Jantschke Stimmt. Und natürlich wollen wir jetzt noch mehr mitnehmen. So viel wie möglich.

Es sollte nur kein Elfmeterschießen geben. Die gingen verloren, wenn große Chancen da waren. Wie gegen die Bayern im Halbfinale oder gegen Bielefeld im Viertelfinale.

Jantschke Bielefeld, das tat richtig weh. Es war eine Riesenchance, wir haben da die Rückrunde unseres Lebens gespielt. Aber wenn es jetzt wieder dazu kommt, zählen die Statistiken nicht.

So oder so: Es ist schon jetzt eine besondere Saison.

Jantschke Jede Saison hat etwas Besonderes, selbst die, in der ich so lange verletzt war. Es gab da viele neue Erfahrungen. Wie auch aus der ersten Euro-League-Saison. Da hat man viel gelernt, mit der Doppelbelastung umzugehen, zu lernen, richtig zu regenerieren, vielleicht doch noch die eine Massage mitzunehmen. So ist jede Saison auf ihre Art speziell.

Karsten Kellermann führte das Gespräch.

(kk)
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