| 19.11 Uhr

Prozess gegen Borussia-Ultra
"Ich wollte nur einen Angriff abwehren"

Ultra wegen versuchten Totschlags vor Gericht
Ultra wegen versuchten Totschlags vor Gericht FOTO: Reichartz,Hans-Peter
Mönchengladbach. Der wegen versuchten Totschlags angeklagte Borussia-Ultra hat am Dienstag im Totschlagsprozess eine umfassende Erklärung abgegeben. Das Opfer kann sich an nichts erinnern. Von Gabi Peters

Er gehörte zu den prominenten Vertretern der Mönchengladbacher Fußballfanszene. Von einem Podest in der Nordkurve stimmte er die Fangesänge an und koordinierte die Choreographien. Zu seinen Aufgaben gehörte nicht nur, für Stimmung zu sorgen, er sollte auch in brenzligen Situationen beschwichtigen.

Ausgerechnet dieser Mann steht jetzt wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Der ehemalige sogenannte Vorsänger oder "Capo" (29) soll einem 37-Jährigen laut Anklage "ohne rechtfertigenden Grund" ins Gesicht getreten haben. Das alkoholisierte Opfer fiel rücklings mit dem Kopf aufs Pflaster und wurde lebensgefährlich verletzt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Vorsänger, der sich in mehreren Fan-Projekten engagierte, vor, dass er den Tod seines Opfers billigend in Kauf nahm. Dem widersprach der Angeklagte, der lange geschwiegen hatte, in einer umfassenden Erklärung vehement: Er habe nur einen Angriff auf ihn abwehren wollen.

Opfer soll sich aggressiv Verhalten haben

Der 29-Jährige schilderte den Hergang vor dem Anpfiff der Bundesliga-Partie Borussia Mönchengladbach gegen Darmstadt 98 am 20. Dezember vergangenen Jahres so: Rechtzeitig habe er an diesem Tag zu seinem Platz am Zaun in der Fankurve gehen wollen. Auf dem Weg dorthin sei er angerempelt und angesprochen worden. Das spätere Opfer habe gesagt: "Bald habe ich deinen Posten." Der 37-Jährige sei sehr aggressiv gewesen. Dann habe er ihm vier volle Plastikbecher mit Bier, die er auf einer Papp-Palette bei sich trug, über den Kopf gegossen.

"Ich war nass bis auf die Unterhose, habe ihn geschubst und gesagt: 'Was soll der Scheiß?'" Nach Aussage des Angeklagten habe der 37-Jährige eine körperliche Auseinandersetzung gesucht. Er selbst habe dies abwenden wollen und seitlich zugetreten, als der Mann auf ihn zukam. "Ich konnte nicht ahnen, wo ich ihn treffen werde", sagte der Ex-Vorsänger. Dass der 37-Jährige sterben könnte, daran hätte er nie gedacht. "Mir tut es aufrichtig leid, dass er durch meinen Tritt nach hinten fiel", sagte er vor Gericht.

Er habe schon Kontakt mit dem Opfer aufnehmen wollen und wünsche sich eine Versöhnung. Der 37-Jährige, der damals der Fangruppe "Locals MG" angehörte, erklärte im Gericht, dass er sich an die Vorfälle im Stadion nicht erinnern könne. Damals habe er noch Arbeit gehabt und sei an diesem Tag nach Feierabend ausnahmsweise frühzeitig nach Hause gekommen. "Ich habe mich mit einem Freund getroffen. Wir haben Bier und Wodka getrunken", berichtete das Opfer.

"Ich kann nicht singen, ich gucke lieber Fußball"

Erinnerungen habe er noch daran, wie er sich später mit weiteren Bekannten am Hennes-Weisweiler-Schild getroffen habe. Danach sei er erst in der Düsseldorfer Uniklinik wieder zu Bewusstsein gekommen. Den Vorsänger kenne er in seiner Funktion, aber nicht persönlich. Die Frage des Vorsitzenden Richters Lothar Beckers, ob er auch gerne den Posten eines Vorsängers hätte, verneinte der 37-Jährige: "Ich kann nicht singen, ich gucke lieber Fußball."

Mehr Erinnerungen hatten zwei Zeugen, die gestern gehört wurden. Beide sagten aus, dass der Angeklagte "kräftig" zugetreten habe. Und beide wollen auch gesehen haben, dass sich das Opfer bereits im Fall befunden habe, als der Vorsänger zutrat. Der Geschädigte sei sehr betrunken gewesen, berichtete ein 25 Jahre alter Zeuge. Der Geschädigte sei nach einem Rempler und einer Rangelei zuerst zurückgetaumelt, habe sich gefangen, sei dann wieder nach vorne getorkelt. In dem Moment habe der Angeklagte zugetreten. Dadurch sei das Opfer rücklings nach hinten gefallen.

"Mir wird jetzt noch ganz anders, wenn ich an das Geräusch denke, als sein Hinterkopf aufs Pflaster schlug", so der 25-Jährige. Er habe sich nach dem Tritt des Vorsängers gefragt, wie ein Mann so etwas tun könne, der doch ein "Vorbild für Jüngere" sei. Nach einem Angriff des Opfers habe es nicht ausgesehen, sagte auch der zweite Zeuge.

Prozess geht am 3. November weiter

Bis zu dem Vorfall am 20. Dezember im Borussia-Stadion schien das Leben des Angeklagten in geordneten Bahnen gelaufen zu sein. Er kommt aus gutem Elternhaus, besuchte das Gymnasium, schloss zügig ein Studium ab. Nach eigenen Angaben ist er seit 15 Jahren Teil der aktiven Fanszene, seit etwa sieben Jahren bei der Ultra-Gruppierung Sottocultura, seit zehn Jahren Vorsänger, ein Amt, in dem auch Diplomatie gefragt sei.

"In der Fanszene hat man es mit unterschiedlichen Gruppen und verschiedenen Generationen zu tun", sagte er vor Gericht. Im Heimspiel gegen Köln, als Anhänger der Gastmannschaft Bengalos zündeten und den Platz stürmten, habe er mit dafür gesorgt, dass die Gladbacher Fans auf ihren Plätzen blieben, sagte der 29-Jährige, der "Manolo", den Trommler vom Bökelberg, sein Vorbild nennt. Der Prozess wird am 3. November fortgesetzt. Darüber hinaus sind noch vier weitere Verhandlungstage vorgesehen.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Borussia Mönchengladbach: Ultra-Vorsänger wollte nur "Angriff abwehren"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.