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Borussia Mönchengladbach
Die Krankenakte der Hinrunde

Borussia Mönchengladbach: Die Verletzten in der Saison 2015/16
Borussia Mönchengladbach: Die Verletzten in der Saison 2015/16 FOTO: dpa, fg fdt
Mönchengladbach. Die vergangene Hinrunde von Borussia Mönchengladbach war in vielerlei Hinsicht historisch – sowohl der kapitale Fehlstart unter Lucien Favre als auch André Schuberts Rekord-Siegesserie werden in Erinnerung bleiben. Doch auch die vielen Verletzten waren beispiellos. Von Daniel Thiel und Jannik Sorgatz

Insgesamt 116 verletzungsbedingte Ausfälle verzeichneten die Borussen in den 26 Hinrunden-Pflichtspielen. Das sind auf jede einzelne Partie gerechnet 4,5 Profis, die fehlten – hinzu kommen noch Sperren, wofür sich jedoch ausschließlich Granit Xhaka verantwortlich zeigte.

Das große Verletzungspech machte Rotation über weite Strecken der Vorrunde unmöglich. Dem mussten besonders die jungen und unerfahrenen Spieler wie Mahmoud Dahoud im Dezember Tribut zollen. Deshalb herrschte zwischen mentaler und körperlicher Frische zeitweise ein gravierender Unterschied. Die Mannschaft schlug die Bayern, brach in Manchester und Leverkusen am Ende zusammen, agierte vogelwild gegen Bremen und drehte dann zum Abschluss in Unterzahl das Spiel gegen Darmstadt.

Übersicht: Borussias Verletztenliste der Saison 2014/15 FOTO: Dieter Wiechmann

Einer war dabei stets außen vor. Martin Stranzl stand sinnbildlich für eine medizinisch verkorkste Hinrunde. Der Österreicher kämpfte sich zunächst von seiner langwierigen Verletzung aus der vergangenen Spielzeit zurück und feierte sein Comeback gegen den Hamburger SV. Sein erster Einsatz in der Saison 2015/16 war jäh beendet, als er nach einem Zweikampf mit Augenhöhlenbruch vom Platz getragen werden musste. Eine Verletzung, die ihn bis zum Trainingsauftakt in dieser Woche außer Gefecht setzte. 

Damit erging es Stranzl allerdings immer noch besser als seinen Teamkollegen André Hahn, Patrick Herrmann, Alvaro Dominguez, Tony Jantschke und Nico Schulz. Für die beiden Letztgenannten sei die Saison wohl beendet, sagte Sportdirektor Max Eberl nach dem letzten Hinrundenspiel. Mit den anderen Langzeitverletzten sei in näherer Zukunft auch nicht zu rechnen.

Derartige Sätze waren von Borussias Verantwortlichen in den vergangenen Jahre selten zu hören, gefühlt überhaupt nicht: In der Ära Lucien Favre hatten die "Fohlen" in jeder Halbserie mit den wenigstens Ausfällen der Liga zu kämpfen. Die Seite "Fußballverletzungen.com" listet mit viel Akribie die Verletzungstage der Bundesligavereine auf. In den vergangenen vier Spielzeiten lagen Borussias Zahlen stets zwischen 500 und 800 Verletzungstagen.

In der Favre-Ära hatte Borussia stets mit den wenigsten Verletzungen zu kämpfen:

Den Wert aus der kompletten Vorsaison hat Gladbach bereits in einer Halbserie übertroffen – bisher sind es 634 Verletzungstage. Als es vor einem Jahr Borussia Dortmund ähnlich schlimm erwischte, rutschte der BVB bis auf den letzten Tabellenplatz ab – die Namenscousine vom Niederrhein arbeitete sich dagegen vom letzten auf den vierten Rang hoch.

Die Verträge der Borussia-Spieler FOTO: Dirk Päffgen

Der direkte Vergleich zur Saison 2014/15 spricht Bände: In der gesamten Vorsaison verzeichnete die Borussia in 48 Pflichtsspielen 72 Ausfälle. Durchschnittlich fehlten also 1,5 Spieler pro Partie, aktuell sind es dreimal so viele. Bereits damals war Stranzl der größte Unglücksrabe und musste 16-mal passen. In einer ähnlichen Größenordnung bewegen sich nach einer Halbserie bereits fünf Spieler, die mehr als die Hälfte aller Spiele verpassten. 

Dass es an einer übermäßigen Belastung liegt, ist mit Blick auf die vergangenen Jahre nahezu von der Hand zu weisen. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren fielen die Play-offs in der Europa League weg. Zudem haben die erlittenen Verletzungen sehr unterschiedliche Ursachen: Der Zwischenfall, der den meisten Fußball-Fans noch in Erinnerung geblieben sein dürfte, ist das harte Foul von Johannes Geis an André Hahn, der einen Meniskusriss und eine Schienbeinverletzung erlitt.

Zu einem solchen Zweikampf sollte es nicht, aber kann es eben kommen: im Training, in der ersten Minute einer neuen Saison oder auch in einem Testspiel, in dem es Neuzugang Nico Schulz erwischte. Für den Außenbahnspieler bedeutete ein unglücklich geführter Zweikampf wahrscheinlich das Saisonaus. Fast gleichzeitig wurde bei einer genaueren Untersuchung entdeckt, dass Patrick Herrmann einen Monat lang mit einem gerissenen Kreuzband trainiert und sogar gespielt hatte.

Von Platz eins auf zwölf im Verletzungsranking:

Zu einem Engpass in der Defensive führten neben Stranzls Verletzung auch die chronischen Rückenprobleme von Dominguez. Immer wieder musste der Spanier in den vergangenen Jahren aufgrund seiner Beschwerden passen. Nur 12 der 26 Pflichtsspiele konnte er in der aktuellen Spielzeit absolvieren. Im November fiel dann die Entscheidung des Spaniers, sich einer Operation zu unterziehen. Wann er wieder fit sein wird, ist ungewiss. Vor März rechnet der Verein nicht mit ihm.

Deshalb hat sich die Borussia dafür entschieden, im Winter aktiv zu werden. In Jonas Hofmann wurde aus Dortmund ein Flügelspieler verpflichtet, auch in der Defensive könnte es noch einen Neuzugang geben. Der Österreicher Martin Hinteregger ist im Gespräch.

Bislang sucht das Verletzungspech seinesgleichen. Unabhängig vom Stil des Trainers, der Belastung und der Arbeit der Athletiktrainer kam es in diesem Jahrtausend nicht einer derartigen Fülle an schweren Verletzungen. Dass trotz dieser Situation und der fünf Niederlagen zu Beginn der Saison Platz vier und 29 Punkte zu Buche stehen, ist umso bemerkenswerter. 

(dth/jaso)
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