| 18.42 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Vokale für Schulz und immer wieder 2011

Fotos: Borussia-Frust nach Null-Punkte-Start
Fotos: Borussia-Frust nach Null-Punkte-Start FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Nur 1993 ist Borussia Mönchengladbach schlechter in eine Bundesliga-Saison gestartet. Nach dem Rekordfrühjahr geht der Blick erst einmal nach unten. Aber alle Beteiligten lassen sich noch nicht aus der Ruhe bringen. Von Jannik Sorgatz

1. Routiniert ganz unten

Dritter, Rückrundenmeister, erste Champions-League-Teilnahme, nur zehn Gegentore nach der Winterpause – nicht einmal die Schwimmer waren nach der Einführung ihrer High-Tech-Anzüge so sehr in Rekordstimmung wie Borussia Mönchengladbach im vergangenen halben Jahr. Jetzt hat sich das Blatt vorerst gewendet, was die leidgeprüften Borussia-Fans bei aller Ernüchterung auch ein Eberl'sches "Stück weit" routiniert hinnehmen. Zum vierten Mal in ihrer Bundesliga-Geschichte ist die Borussia mit zwei Niederlagen gestartet. Bislang schloss sie diese Spielzeiten auf Rang 15, 10 und 9 ab.

  • 15/16: 1:6 Tore, Platz 18
  • 08/09: 1:4 Tore, Platz 18
  • 93/94: 2:8 Tore, Platz 18
  • 90/91: 1:5 Tore, Platz 16

2. Glückspfeife

Vielleicht steckt inzwischen Aberglaube dahinter, aus Ergebnissicht gab es in den vergangenen Jahren allerdings keinen Bedarf, Schiedsrichter Deniz Aytekin provisorisch auszupfeifen (vom Fairplay-Gedanken mal abgesehen). Fünf Spiele hatte Gladbach zuletzt hintereinander unter seiner Leitung gewonnen, darunter waren 2014 das 2:1 in Dortmund und im Februar der Last-Minute-Derbysieg gegen Köln. Die letzte Niederlage hatte es im April 2011 gegeben, damals lag Aytekin wirklich fatal daneben, als er Mike Hanke mit Gelb-Rot vom Platz stellte und der Borussia einen klaren Elfmeter verweigerte. Der Gegner: Mainz 05.

3. Am 2. statt 30.

Damit endet die Reihe der Mainz-Zufälle noch nicht. Nach jenem halbwegs traumatischen 0:1 am Bruchweg – André Schürrle traf spät per Weitschuss – fand man die Borussia zuletzt am Tabellenende, von dem sie sich eine Woche später durch einen Überraschungssieg gegen Bald-Meister Borussia Dortmund verabschiedete. Aber es war der 30. Spieltag.

4. Kein Freund der Jubiläen

Lucien Favre hat zu Beginn seiner Zeit am Niederrhein mehr als zwei Monate mit dem VfL am Tabellenende verbracht. Neu ist für ihn lediglich der Sturz an sich, und der fiel am Sonntag zusammen mit seinem 150. Bundesligaspiel mit Borussia Mönchengladbach. Schon das 50. (1:1 in Leverkusen) und das 100. (0:1 zu Hause gegen Leverkusen) brachte keinen Sieg. Dafür belegt Favre in der Trainer-Galerie gleich zwei bedeutsame dritte Plätze: Nur Hennes Weisweiler und Jupp Heynckes saßen länger auf der Bank, nur Weisweiler (1,74) und Lattek (1,72) punkteten im Schnitt besser als der Schweizer (1,65). Der hat in 150 Spielen 70 Siege eingefahren, 38 Unentschieden geholt und 42 Partien verloren.

5. Tauschen bringt sonst Glück

Noch eine Anmerkung zum Thema Aberglaube: Als Gastmannschaft zieht man die Pfiffe der Nordkurve zuverlässig auf sich, wenn man die Seitenwahl für sich entscheidet und daraufhin dem Schiedsrichter "Wir tauschen" signalisiert. Das treueste Fanvolk sieht das Geschehen in der zweiten Hälfte eben gerne auf sich zukommen. Dabei war das Tauschen bis Sonntag ein zuverlässiger Glücksbringer, elfmal in Folge verlor die Borussia nicht, wenn es erst in Richtung Nord, dann in Richtung Süd ging. Die letzte Niederlage in dieser Konstellation war traumatisch: Logan Bailly faustete den Ball gegen Kaiserslautern ins eigene Tor. Warum landet jede "Wann gab's das zuletzt?"-Statistik eigentlich in der Relegationssaison? 

6. Zu 98,8 Prozent Topf 4

Nach den beiden Niederlagen in der Bundesliga fällt es leicht, den Abend des 27. August als bisherigen Saisonhöhepunkt aus Borussia-Sicht zu bezeichen. In Monte Carlo wird gelost, Borussias Kugel wird in Topf 4, wenn sich in sechs relevanten Play-off-Duellen nicht doch noch fünfmal das Team mit einem geringeren Koeffizienten als Gladbach durchsetzt. Notariell keineswegs abgesichert taxieren wir die Wahrscheinlichkeit mal auf 1,2 Prozent. Die beste Nachricht hatte vorab Sportdirektor Max Eberl parat: "Wir werden uns nicht von der Champions League abmelden", versicherte er. Gianni Infantino, Giorgio Marchetti – holt die Kugeln raus!

7. Quintett aus der Jugend

Vokale in der Namensmitte sind natürlich keine Seltenheit, solange ein Spieler nicht aus dem slawischen Raum stammt. Ein ziemlich abgekocht gewonnenes Laufduell hat am Sonntag genügt, um aus Marvin Schulz erstmals "Schuuuuulz" werden zu lassen. Bei "Roooooooel" Brouwers sind sieben "o" verbürgt, seit das Fanprojekt ihm ein T-Shirt gewidmet hat. Bis dahin muss Schulz aber noch viele, viele Laufduelle für sich entscheiden. Erstmals seit Mai 2014 standen übrigens vier Eigengewächse in der Startelf. Später, als Patrick Herrmann bereits ausgewechselt war, kam in Mahmoud Dahoud noch ein fünftes dazu.

8. Borussias U180

Kann man über Größe schreiben, ohne den Satz "Es kommt nicht auf die Größe an" zu verwenden? Nun ja, wir versuchen es. Zumal keine Indizien vorliegen, dass Gladbach aus Gründen der (Körper-)Größe gegen Mainz verlor. Mit 186 cm war Schulz der größte Spieler in der Startelf, im Schnitt kam sie nur auf 178,9 cm. Zur Einordnung: Die nächstkleinere Bundesligamannschaft am 2. Spieltag war Hertha BSC mit 181,3 cm, knapp vor Gegner Mainz mit 181,8 cm. Am größten waren die Schalker (187,0 cm), dahinter kam Wolfsburg (186,9 cm). Das hier wäre die größtmögliche, halbwegs realistische Borussia-Elf, im Schnitt 186,3 cm groß:

  • Sommer - Stranzl, Brouwers, Christensen, Dominguez - Nordtveit, Xhaka - Hahn, Johnson - Drmic, Hrgota

9. Hawk-Eye besteht den Test

Auch auf dem Technik-Transfermarkt hat die Borussia in der Sommerpause zugeschlagen. Das neue Soundsystem feierte bereits beim Telekom Cup im Juli seine Premiere, gegen Mainz waren die neuen Videowände in den Ecken Nord-Ost und Süd-West zu bestaunen. Statt 51 Quadratmeter (Zweier-WG) sind es nun 77 Quadratmeter (Dreier-WG). Zu einer anderen Premiere kam es aufgrund – aus Borussia-Sicht – glücklicher Umstände. Fabian Frei knallte nach einer Kerze den Ball unter die Latte, der von dort ganz gut sichtbar vor die Linie sprang. Aber die erste Hawk-Eye-Sequenz der Borussia-Park-Geschichte ließ sich die Stadionregie dennoch nicht nehmen.

10. "Und dann fahren..."

Weiter als "Und geht das Spiel auch mal verlor'n" kam der Borussia-Park nicht. Da läuft es den Verfechtern des Aberglaubens natürlich eiskalt den Rücken herunter, wenn die "Elf vom Niederrhein" nicht zu Ende gespielt wird. In diesen Tagen darf man das gerne als Sinnbild betrachten. Es läuft noch nicht rund.

 
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