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Borussia Mönchengladbach
Die Wiedergeburt im Geiste eines Tores

Relegation: De Camargo trifft nach 92:14 Minuten
Relegation: De Camargo trifft nach 92:14 Minuten FOTO: Screenshot YouTube
Mönchengladbach. Wer all das runterbricht, was in den vergangenen fünf Jahren mit Borussia Mönchengladbach passiert ist, landet unweigerlich bei Igor de Camargo. Vor fünf Jahren, am 19. Mai 2011, schoss er gegen den VfL Bochum das wichtigste Tor der jüngeren Vereinsgeschichte. Der letzte Teil unserer Serie über die Rettung in der Relegation. Von Karsten Kellermann

Havard Nordtveit hat sie neulich gestellt, die Was-wäre-wenn-Frage. Es ist eine der existenziellsten der Menschheit, eine, der zum Beispiel Max Frisch den Großteil seines literarischen Werks gewidmet hat. Jede Biografie, sagt er, könne man sich auch als eine andere vorstellen, wenn nur ein Detail anders wäre. So ist es auch mit der Geschichte eines Fußballvereins, erneut findet sich hier die typische Allegorie zur normalen Welt: Es gibt in jedem Klub neuralgische Momente, die der Geschichte eine Richtung geben.

An einem dieser Momente in der Geschichte Borussias war auch besagter Havard Nordtveit beteiligt. Sein Einwurf weit hinein in den Strafraum des VfL Bochum war der Ursprung des wohl wichtigsten Tores der jüngeren Borussen-Geschichte. Es stand 0:0 und die zweiminütige Nachspielzeit war gerade abgelaufen. Der Ball flipperte nach Nordtveits Einwurf hin und her vor dem Bochumer Tor und fand schließlich, der Weg dahin war schon schicksalhaft verwinkelt, zu Igor de Camargo, der das Spielgerät mit einem verqueren Schuss ins Netz beförderte. 1:0. Das Siegtor im ersten Relegationsspiel. Die Lebensversicherung.

"Das war ein komisches Tor, aber der Ball ist irgendwie reingegangen – nur das ist wichtig", sagte de Camargo. Im  Rückspiel unterlief Nordtveit zunächst ein Eigentor, doch dann legte de Camargo Marco Reus das 1:1 auf. Borussia blieb erstklassig.

Igor de Camargo – der Mann für die wichtigen Tore FOTO: dpa, Roland Weihrauch

Fünf Jahre später, kurz vor seinem Entschwinden in Richtung britische Insel, stand Nordtveit, der Norweger, nun kürzlich da im Borussia-Park, es regnete ein wenig, und er dachte nochmal nach über seine Zeit in Mönchengladbach. Und er blieb bei jenem Tor hängen, das sich am 19. Mai 2011 ereignete. "Ich habe zuletzt darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn es damals anders gekommen wäre", sagte Nordtveit. Kein de Camargo-Tor. Keine Rettung. Der dritte Abstieg.

In einem Film würde der Protagonist an dieser Stelle schweißgebadet aus dem Albtraum aufwachen, sich verwirrt umschauen und sich dann entspannen: Es kam nicht anders. De Camargo schoss sein Tor. Borussia rettete sich. Und startete dann unfassbar durch. Es war als sei ein schlafender Riese geweckt worden. Seither qualifizierte sich der Verein viermal für das internationale Geschäft: einmal erreichte er direkt die Champions League (2015), spielt nun zum zweiten Mal nach 2012 die Play-offs zur europäischen Spitzenklasse und schaffte es 2014 direkt in die Europa League.

Wunder in der Relegation hat Borussia beflügelt

Es war also ein schicksalhafter Tag für Borussia Mönchengladbach, dieser 19. Mai vor fünf Jahren. Und es war ein sehr schicksalhafter Treffer des Brasilianers mit belgischem Pass, de Camargo, der Borussias Geschichte derart in Bewegung brachte. Es war die Wiedergeburt Borussias im Geiste eines Tores. Wäre es der dritte Abstieg geworden, wäre vielleicht alles hinfällig geworden, was damals noch als zartes Pflänzlein angelegt war: der rote Faden, den die Borussen erfunden hatten, die Übersetzung der alten Werte in die Gegenwart, die Fohlen-Philosophie reloaded.

Wäre es nicht gut gegangen mit der Rettungsaktion, es wäre nicht diese so unglaubliche effektive Beziehung zwischen dem Verein und dem Trainer geworden, den Sportdirektor Max Eberl später, kurz nach dessen plötzlichem Abgang, als den "perfekten Trainer" bezeichnete, Lucien Favre. Es hätte auch nicht diese Magie gegeben, dieses Gefühl, etwas ganz Großes geschafft zu haben, den daraus resultierenden Glauben, alles schaffen zu können, der die Mannschaft beflügelte, der sie zu einem Bollwerk machte. Der sie im Jahr danach durch die Saison trug.

Und immer wieder, wenn man all das herunterbricht, ist da Igor de Camargo. Er war in jenen Jahren der Mann für die wichtigsten Tore.

Igor de Camargo auf der Leinwand

Sein Relegationstor gehört zu der Kategorie Tore, von denen Gladbach-Fans noch in vielen, vielen Jahren sagen werden: Weißt du noch? Wer den Namen des Stürmers bei Google eintippt, bekommt sofort YouTube-Filme seines Tores, das es sogar auf die Leinwand geschafft hat. So gab es einen herzergreifenden Kinospot, in dem de Camargo der Hauptdarsteller ist. Der Stürmer steht vor einem Spiegel und die Kamera ist ganz nah dran an seinem Gesicht, so nah, dass man jede Pore  erkennen kann. Er schaut entschlossen drein.

"Wenn du in den Spiegel schaust, siehst Du, dass Du eine Aufgabe hast", sagt eine Stimme aus dem Off. De Camargo schließt die Augen, wie einer, der sich erinnert. Dann gibt es in Zeitlupe die Bilder aus dem Borussia-Park jenes Moments, in dem er seinen Namen für immer ins Geschichtsbuch des Vereins gemeißelt hat. Sie treiben wohlige Schauer über den Rücken des Betrachters. Dann wieder de Camargos Gesicht. Schweißperlen kullern über seine Wangen und er lächelt das Lächeln eines Helden. Dieser Mann ist zufrieden mit sich und der Welt, das sagt das Lächeln. "Dann weißt du, dass Du ein Borusse bist", sagt die Stimme aus dem Off.

Es passt, dass diese Sequenz es auf die Kinoleinwand geschafft hat, später auch als zentraler Moment in dem Film von René Hiepen, der Borussias Aufstieg vom Fast-Absteiger in die Champions League beschreibt. "Gerade bei den Szenen vom Relegationsspiel gegen Bochum, bei dem Tor von Igor de Camargo, wird deutlich, welche Kraft in diesem Moment freigesetzt wurde und wie groß die Befreiung für alle Borussen war.

20 Millionen Euro mit wenigen Toren

Gerade in der Phase, als es so richtig düster war, war die Unterstützung der Fans am größten. Sie haben gegen Bochum den Ball ins Tor gebrüllt. Es gebe  eine starke Verbindung zu den Fans, sagt Martin Stranzl in dem Film. "Ich glaube, sie ist in diesem Moment so richtig gewachsen", sagt Hiepen über de Camargos Tor.

So versetzte das Tor den Borussia-Park in Ekstase:

Igor de Camargo konnte als Borusse die wichtigen Tore seine Tore haben für Borussia einen Gegenwert von fast 20 Millionen Euro, geschätzt. De Camargo hat den Abstieg verhindert, er hat Borussia nach Europa geschossen und dort für die nächste Runde gesorgt – ka-ching!

Aber egal, wer seine Treffer für Gladbach zu einem Best of zusammenschneidet, der Treffer gegen Bochum wird die Nummer eins sein. Mit dem Tor am 19. Mai 2011 hat er Geschichte geschrieben in Mönchengladbach –  die und keine andere ist es geworden. Und es war vielleicht auch gar keine andere möglich.

Bei Max Frisch jedenfalls, in seiner "Biografie", versucht der Held, der ein tragischer ist, sein Leben zu verändern. Er setzt an verschiedenen neuralgischen Punkten an – und er kommt immer wieder zum selben Ergebnis. Es soll manches einfach so sein, wie es ist, weil es Schicksal ist. Wie Borussias Geschichte von der Relegation. "Es ist gut gegangen und davon haben wir alle profitiert", sagte Havard Nordtveit.

Teil 1 der Serie (18. März): Als Baillys Faust den Abstieg besiegelte
Teil 2 der Serie (23. April): Ein Krimi am Ostersamstag auf dem Weg zum Wunder
Teil 3 der Serie (14. Mai): Nervenaufreibender Radio-Krimi am 14. Mai 2011

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