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Borussia Mönchengladbach
Wachgekitzelt in München und bereit fürs Bernabeu

Einzelkritik: Viermal Note "gut"
Einzelkritik: Viermal Note "gut" FOTO: afp, vel
Mönchengladbach. Der Traum, die Borussia in der Champions League gegen Real Madrid zu sehen, war für die Fans jahrelang zugleich ein Albtraum. Wer hätte es vor zehn Jahren verantworten können, die Elf von damals gegen lauter Weltstars antreten zu lassen? Nach dem 1:0 gegen Wolfsburg sind Duelle mit Cristiano Ronaldo und Co. zum Greifen nahe. Von Jannik Sorgatz

1. Der Streik ist vorbei Längst hatte die Zahl eine Größenordnung erreicht, in der keine spontanen Vergleiche mehr einfallen. Aber jetzt gilt es, Max Kruse nach 2254 Pflichtspielminuten zu erlösen: Der 27-Jährige hat gegen den VfL Wolfsburg sein erstes Tor aus dem Spiel heraus seit dem 18. Oktober 2014 erzielt. Die GDL legte bereits an jenem Wochenende vor einem halben Jahr den Bahnverkehr lahm. Inzwischen hatten Streikankündigungen und Kruses Torflaute aber einiges gemeinsam: Sie verursachten eher trotziges Schulterzucken, weil sich Alternativen auftaten. Was Fernbusse und Carsharing für Reisende bedeuten, waren Elfmetertore und auch ansonsten tadellose Leistungen für Kruse. Jetzt wird er eine ganze Weile lang seine Ruhe haben. Da kann die GDL machen, was sie will.

2. Was Kruse an Borussia hat Der Abnabelungsprozess schien bereits einzusetzen. Nicht wenige Anhänger der Borussia hätten Max Kruse für zwölf Millionen Euro Ablöse überall hin abgegeben, als die Sache mit der Ausstiegsklausel erstmals auftauchte – Hauptsache zwölf Millionen (was übrigens nicht das Gleiche ist wie "Hauptsache weg"). Dann musste Kruse beim Erfolg in München lange Zeit von der Bank zusehen, was an einem Spieler mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein besonders nagt. Falls Favre ihn wachkitzeln wollte, ist ihm das auf beeindruckende Weise gelungen. In den fünf Spielen danach war Kruse dreimal bester Borusse und ließ nicht nur mit seinem Last-Minute-Tor gegen Wolfsburg MVP-Qualitäten aufblitzen. Bei seiner Vertragsunterzeichnung vor zwei Jahren erschien es nicht unwahrscheinlich, dass im Sommer 2015 der nächste Schritt für Kruse auf der Karriereleiter anstehen würde. Seitdem ist die Borussia sportlich jedoch so gewachsen, dass sich ein Max-Eberl-Zitat – ursprünglich über Lucien Favre getätigt – einfach umdichten lässt: Die Borussia weiß, was sie an Max Kruse hat. Aber Max Kruse sollte auch erkennen, was er an der Borussia hat.

3. "Sie sind die Beeesten" Zum Beispiel wird Kruse in der Saison 2015/2016 definitiv mit Granit Xhaka zusammenspielen können. Der Schweizer setzt seine Karriere fort, nachdem Gladbach für den FC Schalke nun uneinholbar ist. Diese Information hat einen gewissen Nachrichtenwert, da Xhaka vor zwei Wochen seinen Rücktritt angeboten hatte für den Fall, dass die Borussia noch Platz vier verspielt. Der wiederum ist nun vier Spieltage vor Saisonende sicher, und damit auch ein weiteres Argument für einen Kruse-Verbleib: Mindestens einmal wird er in Gladbach die Champions-League-Hymne singen können, wie Cristiano Ronaldo unter der Woche vor dem Viertelfinal-Rückspiel gegen Atletico. 

4. Reif für die Champions League Wer sein Vorstellungsvermögen vor zehn Jahren völlig überfordern wollte, malte sich einfach ein Duell zwischen der Borussia und Real Madrid in der Königsklasse aus. Mit Kahê und Nando Rafael im Bernabeu – ein Traum! Mit einem Wundertag von Kasey Keller hätte man eine 0:5-Niederlage als Riesenerfolg verkaufen können. Jetzt hat Schalke 4:3 bei Real gewonnen (warum auch immer), Gladbach hat Schalke zu Hause 4:1 geschlagen. Leverkusen brachte Atletico ins Elfmeterschießen, jenes Atletico, das Real beinahe in der Verlängerung hatte (warum auch immer). Dazu kommt der weitaus einfacher zu erklärende Erfolg der Borussia bei den Bayern (die in 20 Heimspielen 65:7 Tore erzielt und nur einmal verloren haben). Zudem steht der FC Sevilla – der lediglich abgezockter war als Gladbach, sonst gar nichts – im Europa-League-Halbfinale. Niemand hat den VfL je in einer Gruppenphase der Champions League gesehen. Aber es gibt gute Argumente, dass er nächste Saison genau dort bestehen kann.

5. Langer Atem Zweieinhalb Jahre lang hatte die Borussia kein entscheidendes Last-Minute-Tor fabriziert. Dann kam das Derby gegen Köln mit dem ekstatisch bejubelten Siegtreffer durch Granit Xhaka. Im selben Moment kassierte Leverkusen das 4:5 gegen Wolfsburg. Eine Woche später gab Bayer in der 94. Minute in Augsburg den Sieg aus der Hand, Gladbach glich in Hamburg noch unverhofft aus. Rechnet man jetzt noch Kruses Siegtreffer gegen Wolfsburg hinzu, hat die Borussia in der Rückrunde fünf Last-Minute-Punkte gewonnen, Leverkusen wiederum drei verloren. Nicht allzu gewagt ist die These, dass dieser Faktor am Ende entscheidend sein könnte.

6. 26:7 und 19:15 Seit Montag steht fest, dass Martin Stranzl im internen Verletzungs-Ranking unangefochten Platz eins belegen wird. Die Saison ist für den Österreicher gelaufen. Bereits im Herbst verpasste er acht Spiele am Stück, jetzt werden es am Ende neun weitere sein. Ansonsten ist die Borussia ja weitgehend verschont geblieben von medizinischen Rückschlägen. Max Kruse fehlte wegen seiner Harnleiter-Operation fünf Spiele lang, Granit Xhaka musste mit einem Bänder- und Kapselriss vier Spiele aussetzen. Mehr war nicht nennenswert. Stranzls Bilanz ist phänomenal: Mit ihm hat die Borussia in der Bundesliga ein Torverhältnis von 26:7, ohne ihn steht es bei 19:15. Mit ihm gibt es alle 221 Minuten ein Gegentor, ohne ihn alle 77. 

7. Eine Bank von der Bank Roel Brouwers hat zuletzt jedoch alles dafür getan, Stranzls Fehlen zu kompensieren. Noch Mitte November hätte niemand gedacht, dass er von diesem Zeitpunkt an in 15 von 24 Pflichtspielen beginnen würde. Mit einer Passquote von 92 Prozent ist Brouwers der beste Bundesligaspieler mit mindestens zehn Einsätzen, knapp vor Ex-Teamkollege Dante. In den vergangenen vier Partien stand zweimal die Null. Bis ans Ende seiner Zeit in Mönchengladbach – die mit einem neuen Vertrag bis mindestens 2016 andauernd wird – dürfte das Phänomen Roel Brouwers nicht zu 100 Prozent durchleuchtet werden. Fest steht nur: Der Mann macht seinen Job einfach gut.

8. Verlängerung gegen Wolfsburg Bestünde die Bundesliga nur aus K.o.-Runden mit Hin- und Rückspiel wie im Europapokal, wäre Gladbach bislang nur gegen Eintracht Frankfurt ausgeschieden (1:3 und 0:0). Gegen den 1. FC Köln hätte es das Weiterkommen in der Nachspielzeit gegeben, gegen den FSV Mainz 05 hätte die Auswärtstorregel gereicht. Offen bleibt jedoch der Ausgang des Duells mit dem VfL Wolfsburg: Nach der Europapokal-Arithmetik hat Max Kruse die Borussia nämlich in die Verlängerung geschossen.

9. 150 Punkte in 72 Heimspielen Die Niederlage gegen Thomas Schaafs Frankfurter (16. der Auswärtstabelle) passt ohnehin so gar nicht in die diesjährige Bilanz. Seit März 2014 hat keine andere Bundesliga-Mannschaft im Borussia-Park gewonnen, in 19 Heimspielen gab es 14 Siege und vier Unentschieden. Ohnehin ist unter Lucien Favre auf die Heimstärke Verlass: 72 Spiele, 44 Siege, 18 Unentschieden, nur zehn Spiele gingen verloren. Wer Lust hat auf ein kleines Quiz: Ganz unten steht die Auflösung, welche das waren.

10. Die Platz-drei-Rechnung Vier Spieltage vor dem Ende spuckt der Tabellenrechner nicht mehr allzu utopische Szenarien aus.  Eines lässt sich sogar ganz kurz umschreiben: Gewinnt Gladbach beide Heimspiele und verliert Leverkusen nächste Woche gegen die Bayern, ist Platz drei sicher. Ein Erfolg gegen Hertha kann die direkte Champions-League-Qualifikation sogar im direkten Duell mit Bayer am 9. Mai möglich machen.

Heimniederlagen unter Lucien Favre: 0:1 gegen Kaiserslautern (März 2011), 1:2 gegen Hoffenheim (März 2012), 2:3 gegen Nürnberg (September 2012), 1:2 gegen Stuttgart (November 2012), 0:1 gegen Schalke (Mai 2013), 3:4 gegen Bayern (Mai 2013), 0:2 gegen Bayern (Januar 2014), 0:1 gegen Leverkusen (Februar 2014), 1:2 gegen Augsburg (März 2014), 1:3 gegen Frankfurt (November 2014).

 
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