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Borussia Mönchengladbach
Auf der Jagd nach dem Reiserekord

Die fünf Saisons mit den meisten Reisekilometern
Die fünf Saisons mit den meisten Reisekilometern
Mönchengladbach. Borussia macht ihre Fans zu echten Europa-Experten. Die Mannschaft zu begleiten, ist auch eine Art der Liebesbekundung. 2000 Borussen werden in Manchester erwartet. Von Jannik Sorgatz

Nur zwei Fans hatten sich zum Flughafen von Larnaka verirrt, Martin Stranzl schob mit mürrischem Blick einen Gepäckwagen zum Mannschaftsbus. Niemand schien sich des historischen Momentes der Landung auf Zypern bewusst zu sein: Noch nie war Borussia so weit zu einem Europapokalspiel gereist wie im September 2012. Als im GSPStadion von Nikosia am folgenden Tag der Anpfiff ertönte, geschah dies 2791 Kilometer von Mönchengladbach entfernt. Luftlinie.

Im Juli 1977 musste niemand einen Gepäckwagen schieben, es hätte ein Fahrrad sein können. Denn in der ersten Runde des DFB-Pokals war Borussia beim 1. FC Viersen zu Gast. Zum Stadion Hoher Busch muss man schon die Autobahn nehmen, um wenigstens die Zehn- Kilometer-Marke zu knacken. Nie seit dem Bundesligaaufstieg war die Reise zu einem Auswärtsspiel kürzer. Das sind die beiden Extreme in 51 Jahren, in denen das Reisen für Borussias Fans vor allem in der Neuzeit – also seit der Ära Lucien Favre – ein Sehnsuchtsmotiv ist.

"Vielleicht nach Rotterdam, vielleicht nach Mailand"

Als der Verein im Herbst 2011 einen der vorderen Plätze in der Bundesliga belegte und Träume von der Rückkehr nach Europa nicht mehr völlig lächerlich waren, stand das "Europapokallied""stellvertretend für diese Sehnsucht. "Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom", singen die Fans, "in Kopenhagen schellt das Telefon." Und weiter: "Vielleicht nach Rotterdam, vielleicht nach Mailand. Vielleicht nach Teneriffa, eine Woche Sandstrand."

Rom, Kopenhagen, Rotterdam und Mailand hat Gladbach in der Vereinsgeschichte schon abgehakt, "eine Woche Sandstrand" bot sich auf Zypern an. Bukarest hätte es sein können in den Play-offs zur Champions League, aber das Los schickte Borussia nach Bern. Diese Reise war der Auftakt einer Saison, die den treuesten Fans wieder eine halbe Weltumrundung bescheren könnte. Manchester, Glasgow und Barcelona treiben den Kilometerzähler in der Gruppenphase der Champions League voran.

Dreimal in der Vereinsgeschichte hat der VfL durch die Spiele in der Bundesliga, im Pokal und in Europa die 20.000-Kilometer-Marke geknackt. Jahrzehntelang war 1978/79 die Rekordsaison: Graz, Lissabon, Breslau, Manchester, Duisburg und Belgrad hießen die Reiseziele auf dem Weg zum Sieg im Uefa-Cup. 26 Auswärtsspiele in allen Wettbewerben addierten sich zu 20.130 Kilometern. Diese Zahl hatte 34 Jahre Bestand – bis auf den Play-off-Gegner Kiew (3370 km hin und zurück) in der Europa League die Ziele Nikosia (5582 km), Marseille (1762 km), Istanbul (4120 km) und Rom (2262 km) folgten.

Borussia-Fans sind noch immer nicht reisemüde

In jener Saison 2012/13 kamen zwei Faktoren zusammen, die die Rekordmarke noch etwas spezieller machten. Zum einen war das häufige und grenzenlose Mitreisen zur Zeit von Netzer, Vogts und Heynckes noch nicht ein Teil der Fankultur wie heute, kein Massenphänomen. Zum anderen gab es noch keine Billigflieger, die das Mitreisen finanziell wie logistisch erleichterten. So begleiteten Borussia insgesamt 20.000 Fans auf ihrer Comeback-Tournee 2012/13 durch Europa. Das schaffen die TSG Hoffenheim und der VfL Wolfsburg in einer regulären Bundesligasaison nicht.

Wer meinte, dass in Sachen Europareisen bald die Routine den Reiz verdrängen würde, der wurde in Bern eines Besseren belehrt. Das 14. internationale Auswärtsspiel der Neuzeit sahen mehr als 6000 Borussen im Stade de Suisse. Nur 1600 Karten hätten dem VfL zugestanden, doch die Young Boys Bern waren so kulant, das Kontingent mehr als zu verdreifachen. Und dennoch deckten sich einige Gladbach-Fans noch vor dem Vorverkaufsstart für Gästekarten über den offiziellen Ticketshop der Schweizer ein. So durften sich alle an der "Weißen Wand von Wankdorf" erfreuen.

Nach der Rückkehr von einer Europapokalfahrt fällt häufig das Wort "Visitenkarte". Im besten Fall ist die Rede davon, dass die Fans im Ausland eine besonders gute abgegeben hätten. Dabei kann man ganz unterschiedliche Maßstäbe anlegen, wie die Berner Zeitung "Der Bund" unter Beweis stellte. "Trotz des vielen Gerstensafts gab es kaum Wildpinkler", notierten die Schweizer nach dem Besuch der größtenteils in Weiß gekleideten Massen Mitte August.

2013 hatte sich dagegen Roms Bürgermeister Gianni Alemanno beschwert. "Es ist nicht hinnehmbar, dass die schönsten römischen Plätze in ein Fanlager verwandelt werden und die kunstvollsten Orte der Stadt von Flaschen und Müll bedeckt werden", sagte er, nachdem 10.000 Borussen die Ewige Stadt und besonders die Spanische Treppe in Beschlag genommen hatten. Den asiatischen Touristen gefiel es: Sie schossen selbst von diesem Motiv fleißig Fotos und erzählen sicherlich noch heute in der Heimat von dieser schwarz-weiß-grünen Sehenswürdigkeit in Rom.

Bier zum Frühstück und Ballermann-Musik

Jede Europapokalsaison bedeutet, dass die sogenannten Allesfahrer sich mindestens 21-mal auf die Reise machen dürfen: 17-mal in der Liga, einmal im Pokal und dreimal international. Und wer, wenn nicht reiselustige Fußballfans, kann schon behaupten, dass die Urlaubsziele in Monte Carlo ausgelost werden? "Blind Booking" der anderen Art.

Würde man wie in der TV-Sendung "Familienduell" 100 Leute fragen: "Mit welchem Verkehrsmittel verbinden Sie Fußballfans auf Auswärtstour?", dann läge der Reisebus wahrscheinlich vorne. Abfahrt tief in der Nacht, dürftige Beinfreiheit, Bier zum Frühstück, Gegröle zu Ballermann-Musik – aber Berlin, Hamburg, München, Freiburg, Wolfsburg sind ja nur einmal im Jahr.

Die Wahl des Verkehrsmittels gibt dem Liebesbeweis des Mitreisens eine spezielle Note. Nur manchmal schränken die geografischen Begebenheiten die Wahlfreiheit etwas ein. Als Borussia auf Zypern spielte, war das Flugzeug dann doch favorisiert.

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