| 20.00 Uhr

Borussia Mönchengladbach
"Wir haben es wieder verpasst, das zweite Tor nachzulegen"

Wolfsburg - Gladbach: die Bilder des Spiels
Wolfsburg - Gladbach: die Bilder des Spiels FOTO: Dirk Päffgen
Wolfsburg. Borussia hat ihr Schicksal nach dem 1:1 beim VfL Wolfsburg noch weniger in der eigenen Hand als vorher. Zwar darf Dieter Heckings Mannschaft bis zum Schluss auf Europa hoffen. Aber nach dem kuriosen Gewitterspiel am Samstag muss sich Gladbach auf eine Saison ohne internationales Geschäft einstellen. Von Jannik Sorgatz

Wenn Fußballer vom Geschehen "in der Pause" sprechen, meinen sie in der Regel die Halbzeitpause nach 45 Minuten. Lars Stindl allerdings hatte eine andere Unterbrechung im Sinn, als nach er nach dem enttäuschenden 1:1 gegen den VfL Wolfsburg erzählte, was in der Kabine besprochen worden war. "Es war klar, dass mit einem Sieg die Chancen extrem steigen. Das war auch der Tenor in der Pause", sagte Stindl. Borussias Kapitän und seinen Kollegen wurde nach 78 Minuten eine weitere Pause geschenkt, im wahrsten Sinne aus dem Himmel. Die Schleusen öffneten sich, es donnerte und blitzte so sehr über der Volkswagen-Arena, dass Schiedsrichter Christian Dingert die Mannschaften fast eine halbe Stunde in die Kabine schickte.

Wolfsburgs Trainer Andries Jonker hatte "Riesenschiss", wie er später zugab: zum einen vor dem Gewitter, zum anderen vor den Qualitäten Dieter Heckings. "Die Gladbacher konnten sich organisieren. Ich kenne meinen Kollegen und wusste, dass er das schafft", sagte der Niederländer. Mit den Möglichkeiten wie im Handball hätte Hecking dem Vierten Offiziellen vorher längst die Grüne Karte in Hand gedrückt und um ein Timeout gegeben. Sein Team hatte nach 52 starken Minuten völlig den Faden verloren. 12:5 lautete zu diesem Zeitpunkt das Torverhältnis aus Gladbacher Sicht, bis zur Unterbrechung kam Wolfsburg auf 5:0 Versuche, darunter der Ausgleich durch Mario Gomez. "Das Spiel haben wir durch eigene Unzulänglichkeiten aus der Hand gegeben. Dadurch haben wir den Gegner unnötig aufgebaut", sagte Hecking über den schlechten Teil der Partie. 

Zum Auftritt in der ersten Halbzeit jedoch gratulierte er seiner Mannschaft. Jannik Vestergaard traf nach einer Ecke zum 1:0, Jonas Hofmann und Stindl ließen große Chancen liegen gegen einen ziemlich verunsicherten Gegner, nur der finale Stoß fehlte. "Wolfsburg hat keinen Zugriff bekommen auf unser Spiel. Wir hatten immer wieder gute Aktionen Richtung Strafraum und sind verdient in Führung gegangen. Leider haben wir es wieder verpasst, das zweite Tor nachzulegen", sagte Hecking über den guten Teil des Spiels, an den sich die Schlussphase anschloss, in der Stindl und Mo Dahoud noch zwei große Möglichkeiten zum Sieg hatten. Gleichzeitig spielte Wolfsburg ein paar hochkarätige Kontergelegenheiten nicht gut aus. Es war ein spannender Schlagabtausch, bei dem die Spieler nicht nur ihre Gegner, sondern auch ein paar Pfützen umkurven mussten.

Neben dem Gegner und dem Wetter spielte die Konkurrenz eine wichtige Rolle an diesem Nachmittag. Bis zum Ausgleich sah es so aus, als müsse Borussia bei einem Sieg gegen Darmstadt am kommenden Spieltag lediglich auf einen Ausrutscher von entweder Hertha, Freiburg oder Köln hoffen. Während die Teams in der Kabine das Gewitter vorbeiziehen ließen, gingen die anderen Partien des 33. Spieltags zu Ende. Danach wussten Hecking und seine Spieler, dass mit einem Remis bei den "Wölfen" nur noch der siebte Platz möglich wäre. "Man schaut auf die Tabelle und legt die Marschroute für die Schlussphase fest. Wir wollten gewinnen und ich denke, das hat man am Ende gesehen", sagte Hecking. "Wenn Wolfsburg seine Konter besser ausspielt, verlieren wir. Aber das wäre uns in dem Fall egal gewesen, weil die Optionen Richtung Europa mit einem Sieg viel größer gewesen wären."

Als Stindl nach dem Abpfiff erneut am Fernseher mit der Tabelle vorbeiging, herrschte Klarheit: Borussia muss selbst gewinnen und hoffen, dass Köln gegen Mainz verliert, während Bremen gegen Dortmund nicht gewinnt. "Wir haben in den letzten beiden Spielen ein paar Punkte zu wenig geholt", sagte Stindl. Christoph Kramer betonte, dass Gladbach die fehlenden Zähler vor der Winterpause verloren habe. Und auch Trainer Hecking wollte nicht bei aller Enttäuschung über die verpasste Chance nicht vermessen werden. "Wenn mir Anfang Januar jemand gesagt hätte, dass wir am letzten Spieltag noch die Chance haben auf Europa, hätte ich sofort eingeschlagen. Mit einem Sieg gegen Darmstadt hätten wir 30 Punkte in der Rückrunde, das wäre außerordentlich gut", sagte der 52-Jährige. In der Tat wäre es die zweitbeste Ausbeute seit 1993, nur die 39 Punkte unter Lucien Favre 2015 sind unerreichbar.

Obwohl Kramer acht Wochen nach seiner Verletzung durchspielte und Fabian Johnson (nach fast zwei Monaten) sowie Raffael (nach fünf Wochen) ihre Comebacks feierten, hatte Borussia personelle Probleme. "Bei Nico Elvedi wussten wir, dass er nicht durchspielen kann", sagte Hecking. Der Schweizer musste in der zweiten Halbzeit ausgewechselt werden. "Andreas Christensen hat vor dem Spiel auf der Kippe gestanden. Wir mussten personell etwas jonglieren. Deshalb war mir das Risiko mit Raffael auch zu groß. Von Beginn an wäre es nicht gegangen."

Aufgegeben hat Hecking die Hoffnung noch nicht. "Bremen hat ein sehr schweres Auswärtsspiel in Dortmund. Und wir wissen, dass die Kölner gut drauf sind, aber sie treffen auf unangenehme Mainzer, die frei aufspielen können. Erst einmal müssen wir gewinnen, klar. Dann schauen wir, ob es noch ein, zwei Plätze – am besten natürlich zwei – nach oben geht", sagte er, für den es eine emotionale Rückkehr nach Wolfsburg war. Vor dem Anpfiff wurde er genau wie Dirk Bremser offiziell verabschiedet, nach dem Spiel ging er kurz zu seinen ehemaligen Spielern in die Kabine, zudem bleibt Hecking noch am Sonntag in Niedersachsen, um sich Hannover gegen Stuttgart in der 2. Bundesliga anzuschauen. "Bei aller sportlichen Rivalität wünscht man seinen Freunden nichts Schlechtes, aber natürlich wollte ich gewinnen. Das ist das Schöne am Sport, dass man dann nachher die Hand geben kann", sagte er.

Der faire Handschlag passte zu diesem Unentschieden, das für beide zu wenig war. Nur kann Wolfsburg – anders als Borussia – kommende Woche in Hamburg selbst über sein Schicksal entscheiden. 

(jaso)
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