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Borussia Mönchengladbach
Wird schon schief gehen

Borussia Mönchengladbach: Wird schon schief gehen
Und dann wurde alles gut. Public Viewing im Borussia-Park am 25. Mai 2011: Eine ganze Stadt sagte seit Wochen "Borussia - Jetzt erst recht!" Tatsächlich verhinderte die Mannschaft den Abstieg. Der Erfolg wurde zum guten Freund. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Borussia-Fans fürchten sich nicht davor, dass der Verein wieder in einen Dornröschenschlaf fallen könnte, nachdem sich der Prinz vom Acker gemacht hat. Sie rechnen eh immer mit dem Schlimmsten – und wurden selten enttäuscht. Von Ralf Jüngermann

Fußball-Fans, egal ob sie in der Nordkurve trommeln, oder auf der Ost-Tribüne bibbern, sind ein Völkchen, das noch schwerer zu verstehen ist als ein Ureinwohner-Stamm in Papua-Neuguinea. Ich zog im März 2006 nach Mönchengladbach. Mein erstes Heimspiel war am 18. März 2006 ein 1:1 gegen Stuttgart. Trainer war Horst Köppel. Von da an ging es bergab. Und zwar rasant. Köppel holte kaum noch Punkte und war am Ende der Saison weg. Die nächste Saison führte direkt in Liga 2. Dort gelang der erste Sieg erst am vierten Spieltag. Ein 2:1 gegen Osnabrück am 2. September 2007. Eineinhalb Jahre war es mit Borussia nur bergab gegangen. Als in allen anderen Bereichen des Lebens vernunftbegabter Mensch verbot ich mir den Gedanken, dass Borussia verlor, seit ich in Gladbach Zeitung machte. Bis gestern. Da sagte ein Kollege: "Seit ich aus Hamburg zurück in die Region gezogen bin, hat Borussia nicht mehr gewonnen."

Ab 2007 habe ich all das erlebt und meistens durchlitten, was alle Borussia-Fans mitgemacht haben. Heynckes und die Morddrohung. Ein Präsident, der in den Abgrund schaute. Das Gefühl, das man nur so halb in diese Liga gehörte. Hans Meyer als Retter mit letzter Kraft. Das 0:7 in Stuttgart unter Frontzeck. Die Niederlage in St. Pauli. Und die Karnevalssitzung, bei der Frontzeck seinen Job verlor. Es war die Zeit, in der ich die niederrheinische Seele zu begreifen begann. Während der Kölner voller Inbrunst sagt: "Et hätt noch immer jot jejange", sagt der Gladbacher voller schicksalsergebener Melancholie: "Wird schon schief gehen." Und meint das ganz wörtlich. Wenn der Borussia-Stürmer allein aufs Tor zuläuft, ist man sicher, dass der Torwart die Parade des Jahres zeigen wird. Bei jedem Angriff des Gegners ist das Gegentor absehbar. Das Schicksal lässt sich so zwar nicht austricksen. Aber wenn man von vornherein das Schlimmste annimmt, erspart man sich wenigstens die Enttäuschung.

Das ist André Schubert FOTO: dpa, fg fdt

Und dann kam Favre. Die Jetzt-erst-recht-Stimmung in der ganzen Stadt. Die Relegationsexplosion. De Camargo. Und eine unfassbare Saison danach. Borussia gewann in München 1:0, und mein siebenjähriger Sohn sagte auf meinen Vorschlag, wir könnten doch jetzt ins Hotel zurück, um zu schlafen: "Papa, wir haben bei Bayern gewonnen. Wir gehen jetzt feiern." Und in der letzten Saison, da war selbst der depressivste Niederrheiner vor diesen Heimspielen gegen Dortmund, gegen Wolfsburg und gegen Leverkusen sicher: Die packen das. Weil es in jeder Faser zu spüren war. Der Erfolg war zum guten Freund geworden, für den man vorsichtshalber immer eine gute Flasche Roten im Keller hat, weil er jederzeit vorbeikommen kann.

Und jetzt das. Dieser Start in die Saison, der genau so irreal ist wie die Erfolgswelle in der vergangenen. Der Abgang von Favre, dem man jedem Drehbuchschreiber herausstreichen würde, weil er viel zu dick aufgetragen ist. Und jetzt? Wenn Borussen eines können, dann ist es Krise. Ein Kollege aus dem Norden sagte letzte Woche zu mir: "Das Schöne ist: Es ist doch total egal, wie es weitergeht. Ich war immer Borusse, ich werde immer Borusse sein." Ich habe geantwortet: "Wird schon schief gehen."

Das sagen die Gladbacher zum Rücktritt von Lucien Favre FOTO: Ines Kasner
Quelle: RP
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