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Borussia Mönchengladbach
Ein Dorf namens Drochtersen dreht durch

Borussia Mönchengladbach: Zu Besuch bei der SV Drochtersen/Assel
Der Macher und sein Trainer: Klubchef Rigo Gooßen und Enrico "Enno" Maaßen freuen sich auf Gladbach. FOTO: Stahlpress
Drochtersen. Der Viertligist SV Drochtersen/Assel hat das große Los namens Borussia gezogen. Die 11.000-Einwohner-Gemeinde freut sich auf die Bundesligastars. Das Stadion wurde ausgebaut. Es geht nichts ohne Boss Rigo Gooßen. Von Folke Havekost und Volker Stahl

Ein Dorf dreht durch: Die SV Drochtersen/Assel spielt am Sonnabend im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach. Niederelbe gegen Niederrhein, Regionalliga gegen Champions League. Die Rheinische Post hat sich vor dem Pokalknüller in der 11.000-Einwohner-Gemeinde im Landstrich Kehdingen umgehört.

"Von den Amateuren sind wir der unangenehmste Gegner, den du kriegen kannst", verspricht Verteidiger Nikola Serra den Profis vom Niederrhein einen heißen Tanz: "Mit unserer Fünferkette stehen wir tief, defensiv sind wir eine Macht. Und unsere Fans gehen unheimlich mit: Wenn wir eine gute Aktion haben, gehen sie sofort ab, da kitzelst du noch ein, zwei Prozent mehr aus dir raus." Zur entscheidenden Partie für den DFB-Pokal-Einzug begleiteten 1.000 D/A-Anhänger ihre Lieblinge nach Oldenburg.

Als die Junioren-Europameisterin Caroline Siems am 19. Juni dann den DFB-Pokal-Gegner zog, war der Jubel groß: Borussia Mönchengladbach. Fünfmal deutscher Meister, zweimal Europapokalsieger, das flatternde Haar und die begnadeten Pässe von Günter Netzer in den 1970er-Jahren ... und das aktuelle Team, das sich in der Champions League mit den größten Vereinen Europas messen will.

Der Ort des Geschehens, genauer: Das Kehdinger Stadion in Drochtersen. Das Fassungsvermögen der Arena wurde mit Stahlrohrtribünen von 2500 auf 7000 Plätze erweitert. FOTO: Stahlpress

Doch vor der Königsklasse geht's nach Drochtersen. "Damit möglichst viele Fans das Spiel am Sonnabend (15.30 Uhr) erleben können, hat der Viertliga-Verein hinter den Toren Stahlrohrtribünen aufgestellt, die das Fassungsvermögen des Kehdinger Stadions von 2.500 auf 7.000 Plätze erweitern. "Ich finde es schön, dass wir hier bei uns spielen", sagt Mittelfeldspieler Oliver Ioannou: "Das wird etwas, an das man sich hoffentlich in zehn, 15 Jahren noch erinnert." Der 27-Jährige hat auch schon für Bergedorf 85 gekickt und passt damit perfekt ins Raster von D/A, das bevorzugt Fußballer aus Hamburg, Lüneburg oder Bremen von den Vorzügen der Provinz überzeugen möchte.

"Wer bei uns spielt, muss sich mit dem Verein und dem Dorf identifizieren und Charakter haben", sagt der Vereinsvorsitzende Rigo Gooßen (56). Der Klub verpflichte nur Kicker, die einem Beruf nachgingen oder studierten. Verkappte Profis gebe es bei den Kehdingern nicht, betont der Mitinhaber eines florierenden Steuerberaterbüros.

Ohne Gooßen ist der rasante Aufstieg der 1977 aus den Fußballabteilungen der Vereine TV Germania Drochtersen und VTV Assel hervorgegangenen Spielvereinigung aus unteren Gefilden bis in die vierthöchste Spielklasse kaum denkbar. Nicht nur wegen seines Erfolgs wird der Vereinsboss, Manager und Mäzen in Personalunion oft mit Uli Hoeneß verglichen - Gooßen betont stets die Wichtigkeit des familiären Umfelds und den damit verbundenen "Wohlfühleffekt", sein Credo lautet: "Wir sind ein Dorfverein mit Herz."

Beinahe in Heimspiel für André Hahn

So einfach wie im Juli 1992 wollen es die Norddeutschen den Mönchengladbachern nicht machen. Damals gewann die Borussia ein Freundschaftsspiel mühelos 13:1, wobei der damalige Torwart und heutige SVDA-Betreuer Andreas Heinsohn für seinen Ehrentreffer per Elfmeter immer noch gefeiert wird.

"Andy, lauf hin", hätten seine Mitspieler ihn aufgefordert, ihm sogar den Ball auf den Punkt gelegt. Heinsohn traf dann gegen den "Elfmetertöter" Uwe Kamps mit einem gechippten Ball in die Tormitte – und wartet darauf, dass er am Sonnabend (mindestens) einen Nachfolger findet. Für Gladbachs André Hahn ist es übrigens fast ein Heimspiel: Borussias Rechtsaußen kam in Otterndorf zur Welt, nur gut 45 Kilometer westlich von Drochtersen gelegen.

Seitdem der DFB am 20. Juli das Okay fürs Kehdinger Stadion gab, rackern 150 Helfer, um den großen Tag für die Niederelbgemeinde zu einem ganz großen Tag zu machen. "Für die Gemeinde ist es eine schöne Sache, durch die Fußballer in den Medien zu stehen", sagt Bürgermeister Mike Eckhoff: "Wer neben HSV, St. Pauli, Wolfsburg und Oldenburg auch Drochtersen liest, guckt schon mal im Internet nach, wo wir eigentlich liegen." Der parteilose 39-Jährige hat bis zu seiner Wahl noch als Verteidiger bei den Unteren Herren ausgeholfen und organisiert jetzt zusätzliche Parkplätze, von denen Shuttlebusse zum Stadion fahren sollen, um ein Verkehrschaos zu vermeiden.

Und wie stürzen die "Drosseln" die scheinbar übermächtigen Gladbacher "Fohlen" ins Chaos? "Enno wird die Jungs schon gut einstellen mit zwei Fünferketten, und dann packen wir was!", sagt Archivar Egon Possel, der praktisch jede Frage zum 1977 entstandenen Fusionsverein beantworten kann.

"Enno", das ist Enrico Maaßen, der junge Trainer der Drochterser. "Auf dem Dorf herrscht ein besonderer Charakter", betont der 32-jährige Coach: "Die Spieler waschen ihre Wäsche selbst, nach dem Spiel essen sie im Vereinsheim. Die Zuschauer trinken dann noch ein Bierchen, das schafft Nähe und Identifikation." Maaßens Blick schweift über den Naturrasen, auf dem gerade Vögel im Tiefflug flattern: "Wenn man sich vorstellt, wie das hier mit 7.500 Leuten im Stadion aussieht ... Für uns ist das ein einmaliges Erlebnis, uns mit Champions-League-Spielern zu messen."

Der König der SV Drochtersen/Assel

Das Fieber hat nicht nur ihn erfasst. "Die Dorfmannschaft im DFB-Pokal, jetzt kommt auch noch das Fernsehen", sagt Joachim Zielke, der ein Fotogeschäft in der Innenstadt betreibt. "Das ist schon nochmal eine andere Größenordnung als das Schützenfest, das hier ja auch kräftig gefeiert wird." Schließlich beging der Schützenverein erst im Juli sein 150-jähriges Bestehen und kürte den Asseler Bahnbeamten Harry Middeke (60 von 60 Ringen) zu seinem König.

König der SV Drochtersen/Assel ist und bleibt Rigo Gooßen, auch Betreiber einer neu errichteten Hotelkette auf der Elbinsel Krautsand, in der Fußballtrainer Maaßen als Fitnesscoach angestellt ist. Ohne Gooßen, dessen Sohn Jasper als Edeljoker im Kader steht, geht praktisch nichts. "Es gibt kurze Wege, Rigo und ich entscheiden, das kann ein Vorteil sein", sagt Maaßen, der vor seiner Trainerkarriere unter anderem für den SC Verl in der dritten Liga gespielt hat: "Hier kann man sich verwirklichen."

Dann blickt er wieder auf den Rasen. Der Taktikfuchs und angehende Vater, dem die Hamburger Boulevardpresse mittlerweile sogar rührselige Homestories widmet ("Eine kleine Drossel ist im Anflug"), sieht die wichtigsten Zweikämpfe und Positionswechsel vor seinem geistigen Auge vorüberziehen. "Man kann immer unglücklich spielen. Aber man spielt nie schlecht, wenn man alles gibt", sagt der Trainer.

Quelle: RP
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