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Borussia Mönchengladbach
Borussia sucht die neuen Stranzls

Bilder: Martin Stranzl: Seine Zeit in Gladbach
Bilder: Martin Stranzl: Seine Zeit in Gladbach FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Der Österreicher ist einer vom Typ Chef und seit Jahren der Boss des Borussen-Teams. Nun fehlt er und wird im Sommer aufhören. In der Mannschaft entsteht eine neue Hierarchie – im Schweinsgalopp. Von Karsten Kellermann

Wer auf der statistikschweren Internetseite "Fußballdaten.de" nach Martin Stranzl sucht, der sieht das Bild eines jungen Mannes im blauen Trikot von München 1860. Es ist ein Foto aus den frühen Karrieretagen des inzwischen 35-Jährigen, und er sieht verdammt jung aus, unfertig irgendwie. Man darf annehmen, dass dieser Stranzl ein anderer ist als der, über den Borussias Sportdirektor Max Eberl nun sagte, er würde sogar über Reus, ter Stegen und Dante stehen, "ein Vollprofi, von dem sich viele junge Spieler eine dicke Scheibe abschneiden sollten, unser Anführer".

Anführer, die sind nicht einfach so da, sie müssen reifen wie ein guter Wein, sie entfalten sich mit der Zeit, sie werden geformt durch die Erfahrung - und müssen veranlagt sein für die Chefrolle. Stranzl ist das: Er ist einer, der eine klare Meinung hat und sie auch sagt, einer, der auch unter die Oberfläche schaut, auf Strukturen und ihre Funktionsweise, einer, der auch unbequem sein kann, ein "Ungustl", wie er selbst es nennt. Natürlich muss ein Chef auch sportlicher Leistungsträger sein, doch er muss auch in der Kabine wirken: Wenn Stranzl etwas sagt, dann hat das Gewicht. Eberl sagte im Scherz, er könne Stranzl, dessen Körper nicht mehr mitmacht, ja weiterverpflichten, um die anderen in der Kabine zu unterstützen und zu führen, doch ein solcher Teilzeitjob wäre ein Kuriosum.

Was Eberl braucht, wäre ein Gentechniker und eine Zeitmaschine. Ersterer könnte Stranzl clonen, und in der Zeitmaschine könnte das Stranzl-Duplikat dann ein paar Jahre zurückreisen in der Zeit, rund fünf Jahre sagen wird mal, quasi als Verjüngungskur. Dann wäre er der total fitte Stranzl, der im Januar 2011 von Spartak Moskau kam, sofort zum Chef wurde im Borussen-Team und fortan ein gewichtiger Faktor wurde für die Rettung und den Aufschwung. Die Geschichte ist jedoch pure Science Fiction. Die Realität ist, dass Stranzl noch bis zum Saisonende da ist, aber eben malad. Noch kann er den Kollegen "in den Hintern treten", wie Eberl sagt. Doch genau genommen ist Stranzl schon lange nicht mehr da. Es war anders geplant, definitiv.

Auf der Suche nach einer neuen Hierarchie

Stranzl und andere, die in den vergangenen Jahren leitendes Personal in Sachen Teamsoziologie waren, sollten die vielen jungen Spieler im Team führen und anleiten, auf und neben dem Platz. Doch sie fallen weg, vor allem wegen Verletzungen, und so muss sich im Team eine neue Hierarchie bilden. Und weil zudem ein Trainerwechsel stattfand und der neue Trainer André Schubert personell und taktisch neue Ideen einbrachte, ist es ein beträchtlicher Umbruch - und das im Schweinsgalopp. "Durch die langfristigen Ausfälle von Martin Stranzl, Tony Jantschke und Alvaro Dominguez haben sich zwangsläufig neue Hierarchien gebildet. Denn die Genannten sind alles Spieler, die in den vergangenen Jahren viel Verantwortung übernommen haben und durch die Verletzungen außen vor waren. Andere, die es vorher nicht gewohnt waren, mussten nun Verantwortung übernehmen", sagte Trainer André Schubert. Da, wo vor einem Jahr noch Stranzl und Jantschke standen, stehen nun die nicht mal 20 Jahren alten Nico Elvedi und Andreas Christensen, den Borussia übrigens unter keinen Umständen im Sommer verlieren wird, weil sein Leihvertrag ohne Wenn und Aber bis 2017 gilt. Der 19 Jahre alte Däne ist sogar ein bisschen Lehrmeister für den etwas jüngeren Schweizer. "Das sind Prozesse innerhalb einer Mannschaft, die unheimlich spannend zu beobachten sind", sagt Schubert.

Doch es sind eben noch Prozesse, die im Fluss sind. Der echte Boss fehlt den Borussen. Granit Xhaka, der Kapitän, übernimmt Verantwortung und ist ein Typ Chef, aber auch er ist noch ein junger Mann mit seinen 23 Jahren und daher noch am Anfang, was die Chefrolle angeht. Lars Stindl hat diese in Hannover schon gespielt, doch in Gladbach muss er sich erst mal positionieren. Raffael reißt die anderen sportlich mit, doch ist er sehr still. So ist es auch bei Fabian Johnson und Oscar Wendt. Havard Nordtveit hat, so er doch Borusse bleibt, ebenso wie Torwart Yann Sommer natürlich ein Stranzl-Faktor, doch muss dieser noch reifen. Hilfreich kann sein, dass Tony Jantschke zurückkehrt, doch er muss sich auch neu einsortieren in der neuen Situation. Und dann sind da die vielen blutjungen Spieler, die noch in alles hineinwachsen müssen.

So kann es dann auch sein, dass manche Entscheidung, die auf dem Rasen getroffen wird, die nötige Besonnenheit fehlt und so Unordnung entsteht, die man jahrelang in Gladbach nicht kannte. Dass zudem in den Jahren mit Lucien Favre ein fixes System als Korsett da war, auf das sich die Spieler im Zweifel zurückziehen konnten, und André Schubert als nächste Entwicklungsstufe nun große systemische Freiheit anpeilt, kommt hinzu. Es ist viel Innovation im Spiel bei den Gladbachern, ein bisschen zu viel an mancher Stelle vielleicht, weswegen manches etwas aufgeregt und unruhig wirkt in diesen Wochen.

"Vielleicht hat die unglaubliche Siegesserie in der Hinrunde etwas darüber hinweggetäuscht, dass es einen Umbruch gegeben hat, der nicht von heute auf morgen reibungslos funktioniert", sagte Max Eberl. Allerdings hat der Gladbacher Kader auch viel Qualität. So viel, dass ihm trotz aller Umstände ein Europa-Platz zugetraut werden kann. Nebenbei können sich die Borussen empfehlen für künftige Führungsaufgaben. Eberl ist guter Dinge, dass die Suche nach den neuen Stranzls erfolgreich sein wird. "Wir haben im Team Jungs, die dazu prädestiniert sind. Aber Führungsspieler wird man nicht, weil es einer sagt. Man wächst in die Rolle hinein", sagte er.

Quelle: RP
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