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Borussia Mönchengladbach
Borussia trotzt allen Widerständen

Borussia trainiert vor dem Heimspiel gegen Sevilla
Borussia trainiert vor dem Heimspiel gegen Sevilla FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Vieles läuft nicht gut für Borussia in dieser Saison: Wichtige Spieler fallen langfristig aus, Erfolgstrainer Lucien Favre entschied sich zum Abschied, es gab einen bösen Fehlstart und Lospech. Doch die Gladbacher stehen richtig gut da - und haben wichtige Erkenntnisse eingesammelt. Von Karsten Kellermann

Lucien Favre war zwei Monate lang verschwunden. Nun ist er wieder aufgetaucht. Er war zum Essen im "Gero" und wurde dabei abgelichtet. Öffentlich gesprochen hat er nicht, seitdem er am 20. September beschlossen hat, nicht mehr Borussias Cheftrainer zu sein. Zu hören ist indes, dass es Favre gut geht, und das Foto stützt diese These: Er sieht entspannt und gut erholt aus. Zu hören ist auch, dass er seine Entscheidung, nicht mehr der richtige Trainer für Borussia zu sein, die er vor zwei Monaten traf, nicht bereut. Und wenn, dann sind es nur Momente, in denen er ein "was wäre gewesen wenn ..." denkt.

Dass sein Herz nach wie vor bei Borussia und dem Team ist, das er zusammen mit Max Eberl, dem Sportdirektor, aufgebaut hat, hat er in seiner Rücktritts-Begründung erklärt ("Ihr werdet immer in meinem Herzen bleiben"). Einer wie Favre, der so intensiv seinen Job lebt, kann vielleicht etwas verdrängen, aber nicht einfach so löschen. Zu schön war die gemeinsame Zeit, zu viel Erfolg gab es in den viereinhalb Jahren der Liaison zwischen Borussia und dem Schweizer. Darum war die Fallhöhe sehr hoch: Der Dritte der Vorsaison war 18., er verlor und verlor und verlor und verlor und verlor und verlor. Favre versuchte dies, versuchte das, doch nichts schien Sinn zu ergeben. Favre verlor wohl den Glauben an sich und die Chemie zwischen ihm und dem Team. Der Trainer fand keine Lösung.

Die Schubert-Tabelle FOTO: afp, oa-iw

Nun fühlt er sich auf gewisse Weise vielleicht sogar bestätigt. Eben, dass es einer neue Ansprache bedurfte, dass er nicht mehr der Mann war, der die in den ersten Wochen der Saison wankende Mannschaft wieder beseelen könne, um die Wende zum Guten hinzukriegen. André Schubert, Favres Nachfolger, hat geschafft, was Favre nicht mehr konnte. So wird Favre nun auf die Bundesliga-Tabelle schauen und lächeln: Borussia ist Fünfter in der regulären Tabelle nach 13 Spielen. In der Schubert-Tabelle (der Tabelle ab Spieltag sechs) ist sie sogar Zweiter, punktgleich mit dem Über-Team des FC Bayern. Und sie spielt wieder feinen Fußball. Vielleicht wäre es auch unter Favre so gekommen. Er hat das Experiment nicht gewagt. Vielleicht auch, weil er das Gefühl hatte, dass die Widrigkeiten, die sich in den ersten Saison-Wochen häuften, ein unüberwindliches Gebirge sein würden. Tatsächlich ist es eine Saison, die nicht wirklich gut läuft. Die Fakten belegen das: Wichtige Spieler wie Martin Stranzl (Abwehrchef), Patrick Herrmann (Neu-Nationalspieler), André Hahn (Publikumsliebling und Kämpfertyp) und Alvaro Dominguez fallen (noch) länger aus. Für Neuling Nico Schulz, der mit guten Prognosen aus Berlin kam, ist die Saison nach seinem Kreuzbandriss schon beendet. Dann verlor Borussia den Trainer, der jahrelang der Hoffnungsträger war - und das nach einem brutalen Fehlstart, der ein langfristiges Dahinvegetieren in den Tiefebenen der Tabelle vermuten ließ. Hinzu kam ausgesprochenes Los-Pech in den anderen Wettbewerben: In der Champions League erwischte Borussia eine "Hammergruppe" mit Juventus Turin, Manchester City und dem FC Sevilla. Im Pokal ließ das Auswärtsspiel "auf" Schalke ebenfalls Ungemach erahnen.

Borussia hat aber allen Widrigkeiten getrotzt. Sie hat der skurrilen Niederlagenserie eine kuriose Erfolgsserie folgen lassen, hat aus null Punkten 22 und aus minus 10 Toren plus 16 gemacht und steht auf einem Europa-Platz. Sie hat im Pokal Runde drei erreicht und da nun ein Heimspiel gegen Werder Bremen. Und in der Champions League kann sie noch Dritter werden, wenn sie morgen gegen Sevilla gewinnt. Als solcher würde sie in der Europa League überwintern.

In dieser Saison kommt also vieles anders, als gedacht. Auch im Detail. Zum einen hat die Abwehr nachgewiesen, dass sie auch ohne Martin Stranzl dicht machen kann. Das Mittelfeld hat gezeigt, dass es auch ohne Christoph Kramer laufstark sein kann. Und im Angriff geht es auch ohne Max Kruse. Der Kader ist also gut und breit aufgestellt, personell und taktisch, er kann, das zeigte sich gegen Hannover, auch Siege erzwingen. Die Ausfälle wurden kompensiert, neue Alternativen (u.a. Mo Dahoud) sind erwachsen. Und künftig werden die, die jetzt fehlen, dazu kommen. Zudem: bis vor acht Wochen war Borussia ohne Lucien Favre nicht denkbar. Doch auch ohne ihn gibt es Erfolg. Manager Max Eberl hat offenbar Strukturen geschaffen hat, die nicht trainergebunden sind. Favre hat indes geholfen, sie aufzubauen. Nun hat sich Borussia von ihm emanzipiert: Das typische Favre-Team funktioniert auch ohne seinen Vordenker. Das dürfte sogar den Schweizer freuen. Denn das spricht auch für die nachhaltige Qualität seiner Arbeit. Borussia ist krisensicher und bereit für weitere Herausforderungen.

RP-Reporter Karsten Kellermann über Borussia Mönchengladbach
Quelle: RP
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