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Borussia Mönchengladbach
Dahouds Chef-Praktikum und das Geräusch des Schweigens

Fotos: Traoré trifft per Außenrist gegen Hannover
Fotos: Traoré trifft per Außenrist gegen Hannover FOTO: dpa, mb jai
Mönchengladbach. Ein syrischer Flüchtlingsjunge legt auf für einen Sohn guineischer Einwanderer aus der Pariser Vorstadt, der ihn daraufhin "kleiner Bruder" nennt: Der Fußball hat am Samstag in Mönchengladbach ganz dick aufgetragen – obwohl das Spiel gegen Hannover sportlich für den Alltag stand. Von Jannik Sorgatz

1. Erfolgreich ausgeräumt
Nach dem Rücktritt Lucien Favres kam man nur schwer um Liebes- und Beziehungsmetaphern herum. Da war zu lesen, der Schweizer habe "Schluss gemacht" mit der Borussia, woraufhin Max Eberl wie ein frisch Getrennter auf dem Podium der Pressekonferenz saß, der es noch nicht hinnehmen will. Vor zehn Tagen gingen André Schubert und der Verein dann über von einer "wilden Ehe" zu einer richtigen Liaison mit den entsprechenden Papieren. Und nun kam Hannover 96 in den Borussia-Park, was nach emotional aufgeladenen Champions-League-Abenden als Synonym für Alltag taugt – das Geschirrspüler-Ausräumen der Bundesliga. Dass Gladbach diese Aufgabe mit etwas Glück und nie nachlassendem Willen erfolgreich gemeistert hat, ist ein Zeichen, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug eingeordnet werden kann.

2. Alles kompensiert
Die vergangene Woche hatte schließlich die nächste medizinische Hiobsbotschaft gebracht. Scheinbar im Gegenzug für Tony Jantschkes und Julian Korbs Rückkehr meldete sich Alvaro Dominguez mindestens bis zum Ende der Winterpause ab, der Spanier lässt sich am Rücken operieren, "nach einer langen Zeit des stillen Leidens", wie er auf Twitter verkündete. Dann musste die Borussia auch noch auf den gesperrten Granit Xhaka verzichten. Zwar spielte Havard Nordtveit als dessen Ersatz ziemlich schwach, dafür schlüpfte Mahmoud Dahoud mit seinen 19 Jahren auf fast schon beängstigende Weise in eine kleine Chefrolle. Ein Tor bereitete er vor, passte außerdem vor dem 2:1 auf Vorlagengeber Andreas Christensen. Ansonsten hätten wir noch: drei Torschüsse, drei Torschussvorlagen, 95 Prozent Passgenauigkeit, 12,5 Kilometer Laufleistung – aber momentan nur einen Vertrag bis 2018, über den sicher bald geredet werden sollte.

3. Besser als vergangene Saison
Wenn die Borussia der 2015/16 ein Auto wäre, müsste man sie – wegen Trainerwechsel und Verletztenmisere – als Unfallwagen deklarieren, obwohl gar keine Schrammen mehr zu erkennen sind. Angesichts von 22 Punkten aus 13 Spielen und Platz fünf würde ein potenzieller Käufer wahrscheinlich nicht glauben, was da zum Saisonstart los gewesen sein soll, selbst wenn man ihm die entsprechenden Dokumente vorlegen würde, Favres Erklärung vom 20. September zum Beispiel. Tatsächlich hat Gladbach jetzt zwei Zähler mehr auf dem Konto als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison, die mit 66 Punkten auf einem Champions-League-Platz endete.

Einzelkritik: Sommer und Traoré ganz stark FOTO: Dirk Päffgen

4. Wo geht es hin?
Ende November 2014 lag Hannover übrigens nur einen Punkt hinter der Borussia, am Saisonende waren es 29. Deshalb könnte es durchaus passieren, dass diesmal Augsburg noch Siebter wird oder die Hertha in den Abstiegskampf gerät – oder irgendetwas anderes, was momentan noch absurd erscheint, suchen Sie sich etwas aus. Schubert hat zuletzt verraten, man habe "nur intern" ein konkretes Saisonziel. Vermutlich dürfte er sich mit Eberl kaum darauf geeinigt haben, statt der generellen Einstelligkeit jetzt ganz konkret Platz acht anzupeilen. Dafür hat Mönchengladbach zu viel Blut geleckt in der Königsklasse und würde kommendes Jahr ganz gerne noch weitermachen in der Europa League.

5. Sieggarant Sommer
Das 2:1 gegen Hannover hatte einen offensichtlichen Hauptprotagonisten, deshalb an dieser Stelle erst einmal zu einem Borussen, dessen großartige Leistung fast etwas unterging: Yann Sommer. Überhaupt befindet sich der Schweizer seit Wochen in Topform, erst ohne, dann mit und nun wieder ohne Maske. Ohne Uffe Bech auf Seiten des Gegners mit seiner merkwürdigen Behäbigkeit vor dem Tor und ohne Sommer wäre das Spiel nie im Leben so ausgegangen. Zumindest für einen Torwart bedeutet das in der Regel Bestnoten. Von zehn Toren in elf Partien unter Schubert kassierte Sommer nur vier nicht vom Elfmeterpunkt. Seit diese Seuche offenbar vorbei ist, bewegt sich die Borussia auch defensiv wieder nahezu auf dem Niveau der Vorsaison – und wenn nicht, dann hat sie wie am Samstag noch ihren Keeper.

6. Ibrahima Traoré und Mahmoud Dahoud
Nach so einer Geschichte lechzte der Fußball natürlich ganz besonders: Ein Spieler, geboren in einem Pariser Vorort als Kind von Einwanderern, holt seine Familie nach den Anschlägen in seiner Heimatstadt an den Niederrhein, damit sie abschalten und sich rundum geborgen fühlen kann. Dann liefert dieser Spieler vor ihren Augen die womöglich beste Leistung im Trikot seines Vereins ab, erzielt ein Tor auf so erfrischend freche Weise mit dem Außenrist durch die Beine des gegnerischen Keepers, dass das Stadion beim Betrachten der Zeitlupe kollektiv mit der Zunge schnalzt. Damit wären alle Bedürfnisse nach heiler Welt befriedigt, aber sozusagen "on top" kommt noch die Tatsache, dass die Vorlage von einem syrischen Flüchtlingsjungen kam, der für Deutschlands Juniorenteams spielt und den der Mann aus der Pariser Vorstadt "kleiner Bruder" nennt.

RP-Reporter Karsten Kellermann über Borussia Mönchengladbach

7. Das Geräusch des Schweigens
Man würde davon ausgehen, dass 52.000 Menschen allein durch ihr Atmen komplette Stille verhindern. Doch im Borussia-Park war es bei der Schweigeminute für die Terroropfer von Paris so leise, dass es fast schon wieder laut war. Irgendwo in den Katakomben wurde währenddessen ein Servierwagen durch die Gänge geschoben, das Geräusch war auf den Tribünen zu vernehmen, weil es weit und breit das einzige war. Um das Bild von Fußballfans scheint es nicht sonderlich gut bestellt zu sein, wenn sie dafür gelobt werden, einfach mal mit Anstand zu schweigen. Doch in diesem Fall war es wirklich bemerkenswert, wie das Stadion innehielt.

8. Das richtige Maß gefunden
Wer als Fan keine Auswärtsspiele besucht, ist häufig gar nicht vertraut mit echten Kontrollen am Eingang. Auch hinter der Nordkurve im Borussia-Park berühren sich Stadiongänger und Ordner häufig nur, weil sie sich mit Handschlag begrüßen – etwas zugespitzt ausgedrückt. Diesmal waren die Schlangen länger als sonst, aber der pünktliche Anpfiff um 15.30 Uhr schien nie gefährdet. Manchmal können erhöhte Sicherheitsmaßnahmen ein Unsicherheitsgefühl eher verstärken. In Gladbach fanden alle Involvierten am Wochenende das richtige Maß.

9. Von Großaspach bis Lürrip
Über ganz Deutschland verteilt haben es viele Menschen übertrieben mit Aktionen, die eine traurige Facette der Normalität darstellten. Manchmal werden sie "Anhänger" genannt, leider an einigen Stellen immer noch "Fans", mal drastisch "Gewalttäter" oder einfach nur "Idioten", wenn es nicht ganz so sanft zugehen soll in der Berichterstattung über Ausschreitungen im Fußball. Nur die Bezeichnung "Menschen" lässt sich nicht widerlegen, was es wiederum noch unverständlicher macht, was da am Wochenende in Gelsenkirchen, auf der Zugstrecke zwischen Bremen und Wolfsburg, in Großaspach und auch in Mönchengladbach-Lürrip los war.

10. Wunschzettel bis Weihnachten
Zum Schluss wieder zurück zum Sportlichen, denn Borussias Programm bis zur Winterpause verspricht ein äußerst interessantes Drehbuch: Am Mittwoch kommt der FC Sevilla, zum ersten Mal bestreitet Gladbach ein Champions-League-Spiel und nur ein Sieg zählt so richtig. Dann geht es zur TSG Hoffenheim und nach einer Woche Durchschnaufen ist der FC Bayern zu Gast – mehr Vorfreude sollte keine Begegnung in der Bundesliga vor Weihnachten wecken. Manchester City ist am 7. Dezember Gladbachs vorerst letzter Gegner in der Königsklasse, es folgt das Spiel bei Bayer Leverkusen, gegen Werder Bremen geht im Borussia-Park mal wieder bei einem Pokalduell das Flutlicht an und im besten Fall stellt sich die Bescherung nach der letzten Partie gegen den SV Darmstadt so froh dar, dass man es kaum glauben kann.

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